Wissenschaftstheorie

- Das heliozentrische Weltmodell; aus: Galileo Galilei, Firenze 1632 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg)
Wie funktioniert die Wissenschaft? Im 20.Jahrhundert wurde dazu eine Reihe von Theorien entwickelt, die teilweise aufeinander aufbauen, teilweise auch konträre Positionen vertreten. Die älteste bekannte Theorie ist der Positivismus, nachdem die Erkenntnis auf die "positiven Befunde" in den Naturwissenschaften beschränkt werden muss. Weitergehende Annahmen sind überflüssig. Gott bleibt dabei außen vor, weil er sich nicht in den Daten finden lässt. Wer kritisch über die Rolle der Wissenschaft reflektiert, bleibt dabei natürlich nicht stehn. Bekannt ist die neuere These, dass die Wissenschaft Hypothesen aufstellt, die falsifiziert werden können und sich daher zwar nicht als wahr, wohl aber als falsch erweisen können. Diese Idee geht auf Karl Popper zurück, der aber gleichzeitig davon ausging, dass den wissenschaftlichen Theorien zunehmende Wahrheitsähnlichkeit eignet, ein Terminus, der heute noch von vielen wissenschaftlichen Realisten vertreten wird, sonst aber umstritten ist. Ein Gegenkonzept dazu ist die Annahme von sich abwechselnden Paradigmen, die auf Thomas Kuhn zurückgeht. Sein Beispiel ist der Wechsel von der newtonschen zur einsteinschen Physik, der so fundamental sei, dass hier von „inkommensurablen“, d.h. unvereinbaren, Sprachwelten zu reden sei. Realisten halten dagegen, die newtonsche Physik sei immer noch als Grenzfall in der einsteinschen Physik enthalten, auch hier gebe es also Kontinuität. Imre Lakatos' Rede von Forschungsprogrammen versucht, die Erkenntnisse von Popper und Kuhn zusammenzubringen.
Ein im deutsprachigen Raum weniger bekannter Wissenschaftsphilosoph, der aber u.a. Kuhn beeinflusst hat, ist Michael Polanyi. Er geht davon aus, dass auch in der Wissenschaft stillschweigendes Urteilsvermögen vermittelt wird, ja dass wir überhaupt mehr wissen können, als wir sagen können. Auch Wissenschaft sei demnach im Grunde eine Art Glaube, der nach Einsicht sucht.
Andreas Losch
Leitartikel zum Thema
Das Bild des modernen Menschen vom Inquisitionsprozess der römischen Kurie gegen den italienischen Naturforscher Galileo Galilei ist schnell erzählt: Obwohl Galilei Beweise für die heliozentrische Lehre mit der Sonne in der Mitte und den sie umkreisenden Planeten vorbringen konnte, wurde er von einer bornierten Kirche wegen Copernicanismus angeklagt und verurteilt.
Dateien zum Download
Andreas Losch, Einblicke in die Bedeutung Michael Polanyis im Gespräch zwischen Theologie und Naturwissenschaften (pdf mit Zählmarke)
Während auf Deutsch mit „Implizites Wissen“ ein einziges Werk Polanyis vollständig erschienen ist, und Polanyi daran anschließend hauptsächlich lerntheoretisch rezipiert wurde, haben seine Arbeiten in Originalsprache von Anfang an reiche Wirkung in dem Gespräch zwischen Naturwissenschaft und Theologie entfaltet. Um das deutsche Rezeptionsdefizit zu kompensieren, wird in dem Artikel zunächst eine biographische Skizze geboten, bevor eine Erläuterung seiner wissenschaftsphilosophischen Kerngedanken im Kontext seines Gesamtwerkes erfolgt.
Andreas Losch, Peacockes Hierarchie der Wissenschaften (pdf mit Zählmarke)
In Seinem Aufsatz „A Map of Scientific Knowledge: Genetics, Evolution and Theology” setzt Arthur Peacocke sich mit dem in der Biologie oft auftretenden Reduktionismus (z.B. in Dawkins „Egoistischem Gen“) auseinander und entwickelt als Gegenmodell eine hierarchische Ordnung der Wissenschaften, in der jeder Ebene ihr eigener Wert zukommt. So findet auch die Theologie ihren Platz.

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