Theologie und Naturwissenschaft an der Akademie

- Aussenansicht des Hauses der Begegnung, Sitz der Evangelischen Akademie im Rheinland
Die Evangelische Akademie im Rheinland (Bonn) thematisiert in ihren Tagungen aktuelle Herausforderungen und Fragen unserer Gesellschaft.
Mit ihrem Tagungsangebot wendet sie sich an Laien ebenso wie an Fachleute und Multiplikatoren. Sie ist ein Ort der Begegnung und des Austausches zwischen unterschiedlichen kirchlichen wie gesellschaftlichen Gruppen und Akteuren aus dem Raum der Evangelischen Kirche im Rheinland, darüber hinaus auch auf nationaler und internationaler Ebene.
Fünf Themenfelder: Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Soziales, Religionen, Kultur
Ihre Arbeit konzentriert sich auf fünf Themenfelder: Wissenschaft, Religionen, Wirtschaft, Politik und Kultur. Dabei wird auch die europäische Dimension einbezogen, denn Herausforderungen wie z.B. Globalisierung, Friedenspolitik, Dialog mit dem Islam oder Wissenschaftsethik können nicht mehr ausschließlich im nationalstaatlichen Rahmen bewältigt werden. Vor dem Hintergrund eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels möchte die Evangelische Akademie im Rheinland den Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft stärken und festigen. Von ihrer Arbeit sollen Impulse ausgehen, die sowohl gesellschaftliche als auch kirchliche Debatten bereichern.
Tagungsarbeit, Netzwerkarbeit, Organisationsarbeit und Öffentlichkeitsarbeit ergänzen sich
Im Team der Akademie arbeiten vier Tagungsleitende. Sie betreuen je eines der vorgestellten Themenfelder. Sie halten Kontakt zu wichtigen Organisationen und Ansprechpartnern in ihrem Arbeitsbereich, bauen Netzewerke zwischen Kirche und Gesellschaft auf und gestalten Tagungen zu zentralen und aktuellen Themen ihres Themenfeldes. Hinzu kommt eine intensive Öffentlichkeitsarbeit als weiterer Arbeitsbereich.
Die Akademietagungen thematisieren nicht um das Selbstverständliche, sondern die Fragen, zu denen es noch keine endgültigen und formulierten Antworten gibt. Die Gesellschaft entwickelt sich kontinuierlich weiter, sie spaltet sich in Bereiche auf, die je ihre eigene Fachsprache kennen, sei es in Wirtschaft, Politik, Kultur oder Wissenschaft. Lebensweisen ändern sich, vertraute Bilder und Erzählungen werden fremd, neue entstehen. Die Orientierung in einer sich wandelnden Welt ist nicht selbstverständlich, sie wird zu einer Herausforderung, sie ist aber auch eine Chance zur Gestaltung der gemeinsamen Zukunft. In unseren Angeboten ist es uns besonders wichtig, an konkrete Fragen der Lebenswelt und der Arbeitspraxis anzuknüpfen.
Protestantisches Glaubensverständnis, das Weltzugewandtheit und Weltverantwortung verbindet
Die Akademie möchte einen Beitrag dazu leisten, den Reichtum und die Ressourcen der christlichen Traditionen und der Theologie für die Bearbeitung der gesellschaftlichen Fragen einzubringen. Dazu macht sie Tagungsangebote, in denen sie die Vertreter aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und der Kirche miteinander ins Gespräch bringt. So stellt sie sich in die Tradition eines protestantischen Selbstverständnisses, das den Glauben mit Weltzugewandtheit und Weltverantwortung zu verbindet.
Themenfeld Naturwissenschaft
Die Naturwissenschaften sind in den letzten Jahrhunderten unglaublich erfolgreich, aber ihre Sicht bietet nicht das ganze Bild der Wirklichkeit. Hier ist eine auf biblische Traditionen sich berufende Theologie zu einem eigenen Beitrag herausgefordert.
Nichts hat sich für unsere Kultur, die sich aus dem christlichen Abendland herleitet, so wirkmächtig und folgenreich gezeigt, wie die seit dem 17. Jahrhundert sich kontinuierlich entwickelnden Naturwissenschaften. Der Umgang und die Orientierung in der Welt sind in hohem Maße technisiert, das gilt sowohl für die Arbeitsprozesse als auch für die Alltagswelt. Die Techniken durchdringen unser Kommunikationsverhalten ebenso wie auch grundsätzliche Existenzfragen an Lebenswendepunkten wie Geburt, Krankheit, Alter und Tod.
Durch Naturwissenschaft und Technik erweitertete Handlungsoptionen fordern ethischen Reflexionsbedarf
Die Veränderungen unserer Welt durch die zunehmende Erkenntnisfähigkeit und die Gestaltungsmöglichkeiten beeinflussen zutiefst unser Handeln und unser Selbstverständnis.
Die durch Naturwissenschaft und Technik erweiterten Handlungsoptionen stellen uns immer wieder vor neue moralische Probleme. Nach welchen Regeln soll man mit dem neuen Wissen umgehen, mit welchen Maßstäben können in der modernen Gesellschaft moralische Urteile gefällt werden? Beispiele für ethischen Reflexionsbedarf gibt es zuhauf, etwa im Umgang mit der Kernenergie, mit den Biotechnologien, mit dem Energieverbrauch und der Umweltbelastung, mit der Intensivmedizin und mit den elektronischen Medien. Ethischen Reflexionsbedarf gibt es schließlich auch für die Wissenschaften selbst: es gehört heute zum abgesicherten wissenschaftstheoretischen Standard, die Abhängigkeit der wissenschaftlichen Forschung von gesellschaftlichen Strömungen und kulturellen Vorgaben anzuerkennen. Damit stellt sich die Frage der Forschungsethik.
Naturwissenschaftliche Weltanschauung beeinflusst unser Bild von der Welt und unser Gottesbild
Mit den neuen wissenschaftlich basierten Erkenntnissen ändert sich unser Selbstbild, unser Bild von der Welt, von der Wirklichkeit und schließlich auch für unser Bild von Gott. Unsere „Weltanschauung“ ist nicht unabhängig von den naturwissenschaftlich-technisch gestützten Erfahrungen. Das gilt nicht nur für Daten und Fakten, das gilt auch für unsere Leitbilder: Ohne die Erfahrung der Astronauten und die Bilder, die sie machten, hätte das Bild vom „blauen Planeten Erde“ nie so stark und prägend werden können. Weitere Beispiele des Einflusses sind das durch Neurobiologie und Gentechnik geprägte Menschenbild, die Geschlossenheit physikalischer Kosmologietheorien, der Einfluss elektronischer Medien auf unser Zeit- und Weltverständnis.
Dialog Theologie - Naturwissenschaften: ein Themenschwerpunkt der Akademiearbeit
Der Dialog zwischen Naturwissenschaften und Theologie wird in den angelsächsischen Ländern seit vielen Jahren geführt und ist dort bereits institutionalisiert. Zunehmend gewinnt er jetzt auch bei uns an Gewicht und Popularität. Es ist deutlich geworden, dass dieser Dialog eine notwendige Grundlage für das Selbstverständnis christlicher Theologie im 21. Jahrhundert ist.
Die Evangelische Akademie im Rheinland setzt in diesem Bereich einen Schwerpunkt ihrer Arbeit.
Wie kann man Lösungen finden für die ethischen Probleme, vor die uns die neuen, durch den naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt ermöglichten Handlungsoptionen stellen?
Welchen Einfluss haben die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auf unser Selbstverständnis, auf unseren christlichen Glauben, auf die Fragen nach dem Menschlichen in der Welt?
Dr. Frank Vogelsang

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