Zufällig (!) zeitgleich zu unserer Tagung zum Thema "Zufall" (siehe unter Aktuelles) bietet die Nürnberger Zeitung meditative Gedanken über Zufall und Bestimmung. Die Kernfragen des Artikels waren auch die Hauptdiskussionspunkte der Tagung: Wie hängt Zufall mit naturwissenschaftlicher Kausalität auf der einen, wie mit göttlichem Wirken auf der anderen Seite zusammen? Ein entscheidender Unterschied jedoch: Der Artikel kennt nur den sog. "epistemischen" Zufall, das unbeabsichtigte Kreuzen zweier Kausalreihen, das sich nur "mangels näheren Wissens jeder gesetzmäßigen Beschreibung entzieht". Ein solcher Zufall ist noch mit einem mechanistisch-deterministischen Weltbild vereinbar, ein Weltbild, in dem Freiheit letztlich eine Illusion darstellt. Die Tagung machte sich demgegenüber die Erkenntnisse der modernen Physik über "echten" Zufall zunutze und konnte damit auch "echter" Freiheit Raum eröffnen

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Richard Dawkins plädiert dafür, sich mit dem Gedanken der Kreuzung von Mensch und Tier anzufreunden. Einen qualitativen Unterschied zwischen Tier und Mensch zu behaupten ist für Dawkins Essentialismus und "zutiefst unevolutionär". Evolutionär und naturwissenschaftlich fassbar ist jedoch die Leidensfähigkeit, die am Nervensystem festzumachen sei. Die Summe des Leidens wird zum Kriterium der Schutzwürdigkeit, was Dawkins Ethik zu einer utilitaristischen macht - ausdrücklich in seinem "Gotteswahn", 407. Dort findet sich auch der typische naturalistische Fehlschluss, wenn Dawkins darauf hinweist, "dass die Mehrzahl aller Embryonen ohnehin ganz von selbst kurz nach der Befruchtung als Fehlgeburt abgestoßen wird" (410). Motto: Wenn die Natur tötet, darf der Mensch das auch! Tier-Mensch-Mischwesen nun würden die Enttabuisierung weiter vorantreiben - für Dawkins ein "freudiger Schauer". Und für uns der Hinweis, dass sich Menschenwürde rein evolutionstheoretisch nicht begründen lässt

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Hans Otto Seitschek stellt in diesem Artikel dem naturalistischen Humanismus einen christlichen Humanismus entgegen. Der naturalistische Humanismus, der alles auf den Menschen selbst zurückführen müsse, münde letztlich in einen Transhumanismus, der die Neuschöpfung des Menschen durch den Menschen selbst vornehmen müsse. Seitschek erscheint dies nicht möglich. Der christliche Humanismus gehe ebenfalls davon aus, dass der Mensch seinem Leben Sinn verleihen muss. Aber dieser Sinn sei klar an Gott orientiert, was den Unterschied ausmache. Zwei Punkte möchte ich kritisieren. 1. Ich halte es für theologisch schief und argumentativ entbehrlich, wenn der Autor in evolutiven "Erklärungslücken ... Metaphern für die Offenheit der menschlichen Natur" erblickt. 2. Wenn der "christliche Humanismus ... in Gott ein klares ... Ziel" anerkennt, was heißt dann "klar"? Das riecht nach theologischen Positivismus, der die Schwierigkeit hermeneutischen Ringens um ein konkretes Ziel verschweigt

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In regelmäßigen Abständen gibt die deutsche Presse Verlautbarungen des "Herrn der Gene", Craig Venter, im O-Ton wieder. Nachdem Venter als Pionier das menschliche Genom zu entziffern half, steht für ihn der nächste Schritt an: Wir werden "nicht nur unsere Vorstellung des Lebens verändern, sondern das Leben selbst". Diese Vision ist freilich Headline-tauglicher als der ebenfalls von Venter geäußerte Hinweis, dass wir erst anfangen zu begreifen, wie der genetische Code das Leben programmiert. So verstärken und vereinseitigen die Schlagzeilen der Presse die ohnehin üppige Inszenierung Venters.

Man denke zurück an das Jahr 2000, in dem die FAZ am 08.04. im Untertitel verkündet: "Die vollkommene Erkenntnis der Lebensprozesse steht in diesem Jahr bevor", damit aber die Aussagen Venters glatt auf den Kopf stellt. Dieser sagt dort vielmehr, dass die Entzifferung das erste, die vollkommene Erkenntnis das letzte Kapitel sei, und: "Dieser Tag wird nicht morgen oder nächstes Jahr da sein"

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Um die Frage, ob religiöser Glaube ein Evolutionsprodukt ist, versammelt der Beitrag 4 verschiedene Positionen. Für den Theologen Gerd Theißen hat Religion als "Eros zum Sein" einen ähnlichen biologischen Nutzwert wie erotische Verliebtheit. Auch der Religionswissenschaftler Michael Blume und der Wissenschaftstheoretiker Franz Wuketits sind sich einig, dass Religion einen evolutiven Nutzen darstellt - soweit die empirische Grundlage. Uneinig sind sie darin, ob Religion ein reines "Hirngespinst" ist (Wuketits), oder ob sich hinter Religion eine "höhere Wahrheit" verbirgt (Blume). Dem Theologen Richard Schröder ist das evolutionstheoretische Denken in Zweck-Mittel-Relationen schon im Ansatz suspekt: "Die Frage nach dem Gebrauchszweck passt nicht auf Gott"

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Auch die Stuttgarter Zeitung berichtet über den Vatikan-Kongress zur Evolutionstheorie und stellt besonders die Kontroversen um die Stellung des Menschen, den ontologischen Status der menschlichen Seele und die Abgrenzung zu Kreationismus und Intelligent Design in den Vordergrund

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In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung bestreitet der Wissenschaftstheoretiker Franz Wuketits die Existenz des freien Willens: "Wir haben nur die Illusion eines freien Willens". All unsere Handlungen seien letztlich durch die evolutive und individuelle Geschichte determiniert. Die Frage, warum sich die Illusion des freien Willens denn überhaupt entwickelt habe, beantwortet Wuketits mit der evolutionären Erkenntnistheorie: Das Gehirn sei ein Überlebensinstrument und kein Wahrheitsinstrument; es erlaubt uns deshalb Illusionen. Dies wäre sicher eine notwendige Voraussetzung für die Entstehung von Illusionen, aber ist dies schon eine hinreichende Erklärung?

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Einer KNA-Meldung zufolge gab Papst Benedikt zu verstehen, dass die Gesellschafts- und Humanwissenschaften nicht auf einen Gottesbezug verzichten können. Der Grund: Der Mensch (Gegenstand der Humanwissenschaften) lasse sich nicht ohne Gottesbezug verstehen. Wie verträgt sich dies mit dem methodischen (!) Atheismus der Naturwissenschaften?

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