Vera Linß bespricht das neu erschienene Buch von David Gelernter. Als Informatiker ist Gelernter in den 1990er Jahren an dem Versuch gescheitert, Aspekte des menschlichen Geistes mit dem Computer zu simulieren. Nun legt er einen Gegenentwurf vor, der zur Erklärung der "Gezeiten des Geistes" (so der Titel des Buches) weniger auf Informatik als auf Dramatiker und Poeten setzt. Der Rezensentin scheint dieser Ansatz plausibel, da sie sich in ihrer "Komplexität und Irrationalität" darin wiederfinde. Wie für den Autor, so ist auch für sie die Idee eines künstlichen Geistes "die (intellektuell) zerstörerischste Analogie der letzten hundert Jahre". Übrigens: Zur Vertiefung enthält der Artikel einen Link zu einem Audio-Interview mit Gelernter.

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Wir sind alle Wellenwesen, so interpretieren die Autoren dieses Artikel die erste Messung einer Graviationswelle, deren physikalischer Hintergrund noch einmal erklärt wird. Wellen transportieren Information, sie verraten uns etwas über die Welt. Alles, was wir sehen und hören, erreicht uns als Welle. Der praktische Nutzen der Gravitationswellen-Messung: Sie eröffnen den Astronomen ein weiteres Fenster für den Blick ins Weltall. Bislang existierten ausschließlich Teleskope für elektromagnetische Wellen, doch nur ein Prozent des Universums sendet Wellen dieser Art aus – die übrigen 99 Prozent sind Dunkelheit. Über die soll künftig jede gemessene Gravitationswelle etwas verraten.

Wellen machen uns lebendig, und die Wellenmetapher sei sehr populär, doch gelte es, Wirklichkeit und Interpretation sorgsam auseinanderzuhalten. Allzu oft vermischten wir beides: die Welt als Welle und Vorstellung. Der Artikel ist der Auftakt für eine ganze Reihe von kurzen Artikeln zu verschiedenen Wellenphänomenen in der betreffenden Ausgabe von ZEIT Wissen.

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Theoretiker wie Stephen Hawking oder Edward Witten, der Vordenker der geheimnisvollen Stringtheorie, sind in ihren ganz eigenen Denkwelten unterwegs. Der Artikel berichtet von Interviews, zunächst mit Witten (Princeton). "Doch nicht umsonst haben ihn seine Studenten den "Marsianer" getauft; tatsächlich scheint der Mann in einer außerirdischen Gedankenwelt zu leben, in der die Hirnprozesse extrem beschleunigt ablaufen." Auch mit Hawking (Cambridge) führte der Autor ein Interview. "Stephen Hawking ist ein Popularisierer, der selbst schwierigste physikalische Themen scheinbar leichthin zu erklären vermag." Dennoch fühlt der Autor sich als Zwerg, und so lautet das Fazit des Artikels: In Princeton und Cambridge wurde dem Autor klar, wie klein und unbedeutend die eigene Existenz ist.

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Die Philosophin und Theologin Daniela Wakonigg bedenkt zunächst theoretisch die Möglichkeiten der Verbesserung des Menschen durch sich selbst (Transhumanismus). Angezielte Verbesserung sei dabei nichts Neues: Es gebe "zwischen Ötzis Pelzmantel und dem verpflanzten Herzen ... nur einen graduellen Unterschied". Erst die Gentechnik habe einen qualitativen Sprung erlaubt, indem die Nachkommenschaft genetisch optimiert werden könne; nicht nur durch pränatale Selektion, sondern auch durch präkonzeptionelle Auswahl des Fortpflanzungspartners. Hier setze i. a. Ethik ein: Was heißt "Verbesserung" und welche Auswahlkriterien sollen es sein: Krankheit, Intelligenz, Schönheit, Stärke? Wer entscheidet? Gibt es den Dammbruch? Wichtige Fragen, sicherlich. Aber - so der Clou des Artikels - es gebe sie "schon längst, die Selbstoptimierung des Menschen durch die Genforschung". Das beweise, dass der Mensch keine ethischen Diskussionen abwarte, wenn es um Selbstverbesserung gehe, die offenbar in der menschlichen Natur liege. In dieser Natur liege es aber auch, manches von der Selbstoptimierung auszuschließen wie das Streben nach Macht und Reichtum. Und es erscheint der Autorin nicht unwahrscheinlich, "dass genau dieser Spagat zwischen Selbstoptimierung einerseits und Selbstoptimierungsresistenz andererseits den Menschen letztlich seinen Kopf kosten wird".

- hhp

Über kurz oder lang werden die ersten Babys mit künstlich verändertem Erbgut geboren werden, lautet die Einschätzung in der betreffenden Szene. Die Frage ist nun: Wie, wann, wofür und für wen soll man die Genomschneiderei erlauben? Der Mechanismus, CRISPR/Cas9 (kurz Crispr), ist simpel zu handhaben, billig und hocheffizient. Im Erbgut einer Zelle funktioniert er gleichsam wie die Suche-und-Ersetze-Funktion einer Textverarbeitung. Beliebige Gene lassen sich damit zielgenau austauschen. Wirklich erforderlich ist Crispr aber nur dann, wenn ein genetisch veränderter oder verbesserter Mensch erzeugt werden soll. Um den Homo crispr zu erschaffen, den Menschen mit Erbanlagen und Eigenschaften, wie sie uns die Genlotterie der Natur nicht oder nur selten bietet, dafür muss man gezielt eingreifen. Deswegen muss die zentrale Gerechtigkeitsfrage behandelt werden: Wie verhindert man die Spaltung der Gesellschaft? Hier die Reichen, die sich die Genomverbesserung ihrer Kinder leisten können; dort das genetische Lumpenproletariat, das zu Krankheit und Minderbegabung verurteilt bleibt?

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Klaus Müller, Professor für Philosophische Grundfragen der Theologie, empfiehlt der Theologie, der "panentheistischen Wende" und ihren "prozessphilosophischen Motiven" zu folgen, wenn sie "die Herausforderung durch das alle moderne Naturwissenschaft leitende Paradigma der Evolution ernst nehmen" will. Der PanENtheismus (die Welt ist in Gott, Gott aber mehr als die Welt) überbiete einerseits einen Pantheismus, der Gott und Welt gleich setze, andererseits einen klassischen Theismus, der die Gott-Welt-Differenz betone. Dadurch wäre Gott als Schöpfer, ja auch als Person angemessener zur Sprache zu bringen: "Sofern der Mensch sich selbst in seiner Personalität als staunenswert gewahrt, begegnet ihm im Staunenswerten der Welt etwas ... Konnaturales, das ihn ermutigt, eben jener Weltdimension Personalität zuzuschreiben". Bei aller Zustimmung könnte man an Müller die Frage richten, ob der "schultheologische Monotheismus", der laut Müller "knietief in der Krise" steckt, nicht bereits den geforderten Panentheismus in Ansätzen enthält - implizit (Karl Rahner, Jürgen Moltmann) oder explizit (Hans Kessler, Prozessphilosophie inklusive). Dass die Theologie diese Ansätze ausformulieren sollte, um "für die ontologischen Verpflichtungen, die sie mit ihrer Gottrede eingeht, auch intellektuell aufzukommen", wäre freilich im interdisziplinären Dialog mit den Naturwissenschaften eine plausible Forderung und ein vielversprechendes Forschungsprogramm. Und nach der Forschung käme dann die Vermittlung ...

- hhp

Tagtäglich sehen sich Patienten mit Angeboten konfrontiert, von denen sie nicht wissen, ob sie ihrer Gesundheit dienen oder nur die Kasse des Arztes füllen sollen. Zug um Zug, sagt der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio, würden die Ärzte die ihnen eigentlich fremde Logik der Ökonomie zu ihrer eigenen Logik machen. Zusammen mit einem Chirurgen, einer Wirtschaftswissenschaftlerin, einer Psychologin und einer Theologin wurde deshalb am Interdisziplinären Institut für Ethik im Gesundheitswesen in Zürich einen neuer, zeitgemäßer Ärzteschwur entwickelt. Aktuelle Herausforderungen sind der steigende medizinische Bedarf bei begrenzten Ressourcen, die Forderung nach mehr Patientenautonomie und die Zersplitterung des ärztlichen Berufes. Im Kern haben sich vier Grundsatzprinzipien guten ärztlichen Handelns herauskristallisiert: das Selbstbestimmungsrecht des Patienten; das Prinzip der Schadensvermeidung; das Patientenwohl; und die soziale Gerechtigkeit. Gesamtgesellschaftliche Fragen wie beispielsweise die aktuelle Debatte, ob Ärzte Menschen aktiv beim Suizid helfen dürfen, gehören dort nicht hinein. Die Reaktionen auf aktuelle Missstände machen einen Eid zwar griffiger – aber auch vergänglicher. Es bleibt die Herausforderung, den ethischen Kanon – ob alt oder neu – wieder ins Bewusstsein der Ärzte zu rücken.

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Leithammel, Silberrücken und Spitzenpolitiker

 

Eine kürzlich in der Fachzeitschrift "Trends in Ecology and Evolution" veröffentlichte Studie vergleicht das Führungsverhalten unter Tieren und unter Menschen. Nun muss man solche direkten Vergleiche immer mit großer Vorsicht interpretieren, nur allzu schnell finden Projektionen statt von der Menschenwelt in die Tierwelt. Und doch scheint es interessante Parallelen zu geben, etwa die, das zu einer erfolgreichen Führungsrolle Lebenserfahrung gehört. Eine einfache Durchsetzungsgewalt reicht also nicht aus. Doch viel weiter tragen die Beobachtungen nicht.... Die Konsequenz des Spiegel-Autors: Merkel und Oberlöwe haben ähnliche Führungsmuster, ist dann doch etwas weit hergeholt!

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Warum Müdigkeit keine Schande ist!

 

Manchmal kommt Trost von unerwarteter Seite: Immer ein wenig müde schleppt man sich durch den Alltag und stellt viele Vermutungen an, woran das liegen mag, was man vielleicht einmal ändern sollte. Doch die anthropologische Studie, auf die in diesem kurzen Artikel hingewiesen wird, zeigt: Das war schon immer so! Wir Menschen haben offenkundig die Angewohnheit, immer ein wenig mit Schlafmangel zu kämpfen. Sogar die indigenen Völker in abgelegenen Weltgegenden verhalten sich nicht anders... Also können wir uns getrost in unser Menschheitsschicksal fügen und weiter munter müde sein!

- fv

Die Idee, dass es keine nennenswerten genetischen Differenzen zwischen den Körperzellen gebe, war einst ein Credo der biomedizinischen Forschung. Anders als bisher vermutet, tragen Körperzellen des Menschen aber kein einheitliches Erbgut in sich, sondern bilden Mosaike. Die biologische Identität des Individuums muss aufgegeben werden. Befunde legen nahe, dass jede einzelne Nervenzelle im Großhirn mehr als 1.500 unterschiedliche Mutationen beherbergt. Wie viel Individuum ist der Mensch? Nicht nur solche philosophischen und anthropologischen Fragen stellen sich. Die neuen Erkenntnisse haben ganz handfeste Konsequenzen. Die Gene, die Eigenschaften und Krankheiten von Menschen steuern und die unser Verhalten leiten, könnten anders agieren als bislang angenommen. Man stehe analog dem großen Unbekannten der Astrophysik "vor der dunklen Materie der Genetik".

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