Der Artikel berichtet von einer Italienischen Familie, der die üblichen Schmerzempfindungen fehlen. Die Suche nach den Ursachen führte zu einer Mutation in einem bestimmten Gen, das die Genaktivität von weiteren Gene steuert, die für Schmerzempfindungen relevant sind. Sobald die Details der Mechanismen entschlüsselt sind, zielen die Wissenschaftler (offenbar nicht auf gentechnische Änderungen, sondern) auf die Entwicklung von Medikamenten mit demselben Effekt. Besonders Menschen mit chronischen Schmerzen könnten davon profitieren. Möglich wäre allerdings auch der umgekehrte Fall: der untersuchte Familie könnte wieder ein normales Schmerzempfinden ermöglicht werden. Diese habe jedoch dankend abgelehnt - allen bis dato unentdeckten Knochenbrüchen zum Trotz.

- hhp

Wundersame Heilungen wurden früher meist als Zufall abgetan. Immer wieder stehen Mediziner aber vor Menschen, die eigentlich an einer bestimmten Krankheit leiden sollten – von ihr aber auf unerklärliche Weise verschont werden. Pharmaforscher, Mediziner und Biowissenschaftler haben nun begonnen, eine neue Sicht zu entwickeln: Gerade die außergewöhnlichen, scheinbar zufälligen Glücksfälle können sich als ungeheuer wertvoll erweisen; in solch besonderen Menschen, ihren Genen oder Lebensumständen, liegt womöglich ein gewaltiger Erkenntnisschatz verborgen: Wissen für unmögliche Heilungen und überraschende Therapien für Leiden, vor denen die Medizin kapituliert hat. Wissenschaftler nennen diese rätselhafte Eigenschaft biologische Resilienz. Was aber ist ihr Geheimnis? Kriegen Wissenschaftler das heraus, haben sie ein fantastisches Wissen darüber erlangt, wie unheilbare und oft tödliche Erbleiden gelindert oder geheilt werden können. Denn es ist zu erwarten, so jedenfalls formuliert es der US-Genomexperte Dan McArthur, dass man "durch die Analyse solch resilienter Individuen deren schützende Faktoren identifizieren" könne. Diese Erkenntnis werde man nutzen, um jene zu behandeln, die nicht das Glück haben, als genetische Superhelden zur Welt gekommen zu sein. Auch wenn Medikamente, die sonst nicht helfen, bei einigen außergewöhnliche Wirkung zeigen, hat das immer einen Grund. Solche "exceptional responders" sind keineswegs nur Glückspilze und ihre Therapieerfolge nicht nur Zufall. Es dämmerte die Erkenntnis, dass auch jeder Krebspatient eine höchstpersönliche Krankheit hat und daher eine auf seinen Tumor zugeschnittene Therapie benötigt. Das Konzept ist heute in aller Munde, aber noch lange nicht verwirklicht – die individualisierte Medizin. Es fehlte bislang schlicht an dem genetischen Werkzeug, mit dem sich ein notwendiger Eingriff im Erbgut präzise hätte durchführen lassen. Seit wenigen Jahren gibt es endlich das gesuchte Werkzeug: eine hochpräzise Genschere. Mit dem als Crispr/Cas9 bekannt gewordenen genchirurgischen Verfahren haben die Therapeuten ein ultrafeines Skalpell, das den entsprechenden Eingriff erlaubt. Heikel sind derartige Versuche trotzdem. Niemand kann die veränderten Zellen zurückholen, sind sie erst in den Körper des Patienten zurückübertragen worden. Die Mediziner müssen absolut überzeugt sein, dass die Verfahren wirklich funktionieren und sicher sind.

- al

Der bekannte Biologiehistoriker Thomas Junker beklagt sich hier über "eine eigenartige neue Spezies: Darwinisten, die sich nicht für die Biologie interessieren". Viele dieser "Salon- oder Pseudo-"Darwinisten hätten die Evolution zur Religionskritik genutzt, parteipolitisch oder weltanschaulich missbraucht, aus der Biologie dann aber letztlich keine lebenspraktischen Konsequenzen gezogen. Im Gegenteil: Junker identifiziert unter den neuen "Darwinisten ohne Biologie" geradezu "Biologiehasser", die sofort Biologismus wittern, sobald es um menschliches Verhalten geht. Wenn es Junker demgegenüber um "biologische Grundlagen menschlichen Verhaltens" ('Grundlagen', nicht 'Determinanten') geht und um die Klärung, "ob es eine biologische Erklärung geben könnte und wie weit sie trägt", dann ist dem sicher zuzustimmen. Nur sollte man darüber hinaus nicht verkennen: Zwar neigen Biologiehasser zum Biologismusvorwurf, aber nicht hinter jedem Biologismusvorwurf steckt ein Biologiehasser!

- hhp

Doch auf einer schiefen Ebene?

 

Es gibt jetzt ein neues Papier einiger Wissenschaftler, die für die Liberalisierung der Embryonenforschung in Deutschland eiintreten. Im Hintergrund dieser Initiative stehen neue technologische Möglichkeiten mit er so genannten Crispr-Cas Technik bzw. dem genome editing. Blogbeiträge von Alexander Maßmann hatten auch schon darüber berichtet: (http://www.theologie-naturwissenschaften.de/diskussion/genethik-blog.html).

 

Die neuen Technologien scheinen mittelfristig Keimbahntherapien möglich zu machen. Wenn es dazu kommt, wird auch in Deutschland das Embryonenschutzgesetz in seiner jetzigen Form kaum zu halten sein. Nachdem der Embryonenschutz hierzulande so intensiv diskutiert worden ist, wirkt diese neue Initiative, als ob all die Recht gehabt haben, die die Entwicklung als eine auf einer "schiefen Ebene", auf einer "slippery slope" beschreiben: Was gemacht werden kann, wird auch irgendwann gemacht werden. Man muss nur lang genug warten. Wann wird es dann auch um Enhancement gehen und nicht nur um die Bekämpfung von Krankheiten? Wann wird der erste Mensch geboren sein, der dann später weiß, dass einige seiner Eigenschaften fabriziert worden sind?

 

- fv

Der Artikel berichtet von einer Konferenz der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften über "Möglichkeiten und Grenzen der Künstlichen Intelligenz". Wie immer, so waren auch dieses Jahr prominente Protagonisten der Szene eingeladen. Der französische Neurowissenschaftler Stanislas Dehaene referierte über die Frage "Was ist Bewusstsein, und könnten Maschinen es haben?" und hielt es für "sehr wichtig", die gesellschaftlichen Auswirkungen, vor allem für den Arbeitsmarkt, zu bedenken. Maschinen müssten außerdem ethische Kontrollen implantiert bekommen, damit sie moralische Gesetze respektierten. Der Direktor der KI-Forschung von Facebook, Yann LeCun, legte den Schwerpunkt auf die zunehmende maschinenunterstützte Kommunikation, die intelligente Maschinen voraussetze. Als Beispiel nannte er, dass bereits heute 1 Milliarde Fotos täglich auf Facebook hochgeladen und dort inhaltlich identifiziert würden, um den Nutzern ähnliche Bilder zeigen und Sehbehinderten Textbeschreibungen anbieten zu können. Für die Zukunft denkt LeCun an selbstfahrende Autos, Autos on demand via smartphone, größere Verkehrssicherheit, aber auch an medizinische Anwendungen. Letztere sind bei Demis Hassabis, Chef des KI-Unternehmens "Google Deep Mind", längst Praxis - wenn auch im vorliegenden Artikel unerwähnt. Statt dessen wird berichtet, für wie wichtig Hassabis die kirchliche Beteiligung zum gesellschaftlichen Wohl der KI-Forschung hält, und dass er mit der Einrichtung eines Ethikrates an die vorderste Front ethischen Denkens über KI-Anwendungen gelangen will. Der Artikel erwähnt nicht, dass Anfang 2016 Google Deep Mind die Zusammenarbeit mit der britischen Gesundheitsbehörde National Health Service (NHS) bekannt gab und Zugriff auf 1,6 Millionen Versichertendaten erhielt. Das öffentlich benannte Ziel war die Unterstützung von Nierenkranken. Ein dem New Scientist vorliegendes Dokument jedoch "enthüllte, dass die Zusammenarbeit des Technikgiganten mit dem NHS weit über die öffentlichen Ankündigungen hinausgeht". So seien ebenfalls Daten über Abtreibungen, Drogenabhängige und HIV-Positive zugänglich. (New Scientist vom 29.04.16) Wen wundert es, dass Kritiker auf den Plan getreten sind. Soll die im vorliegenden Artikel von allen KI-Protagonisten bekräftigte Offenheit für gesellschaftlich-ethische Belange kein reines Lippenbekenntnis bleiben, muss die Zusammensetzung und Wirkungsweise evtl. Ethikräte künftig wohl demokratischer, transparenter und glaubwürdiger sein.

- hhp

Die unglaubliche Plastizität der Zellen

 

Neue Nachrichten aus der Zellforschung haben die Überwindung einer weiteren Barriere verkündet: Nun scheint es möglich zu sein, aus ausdifferenzierten somatischen Zellen, also zum Beispiel aus Hautzellen durch Reprogrammierung Eizellen herzustellen, die dann nach Befruchtung zur Entwicklung eines auf erstem Blick gesunden Individuums führen. Den Versuch hat man an Mäusen durchgeführt. Die so gezeugten Mäuse waren sogar ihrerseits fortpflanzungsfähig. Das verstärkt den Eindruck, den man mit anderen Methoden der Reprogrammierung gewonnen hat: Die Zellen eines Lebewesen sind in hohem Maße plastisch und lassen sich scheinbar beliebig variieren. Nach Deutscher Rechtssprechung sind Keimbahnzellen besonders geschützt. Doch was, wenn jede beliebige Zelle des Körpers durch geeignete Behandlung zu einer Keimbahnzelle gemacht werden kann? Wie kann man dann sicherstellen, dass die Reproduktion von Menschen nicht beliebigen Eingriffen ausgesetzt sein wird???

- fv

Die Erschaffung Frankensteins gilt als monströses Unterfangen und abschreckendes Beispiel. Tatsächlich ist "Frankenstein" der Name des Schöpfers und nicht seines mythsichen Geschöpfes. Der Artikel rekapituliert Rezeption und Entstehungsgeschichte der Romanvorlage im naturgeschichtlichen Zusammenhang und aktualisiert die Fragestellung anhand der Notwendigkeit moderner Technikfolgenabschätzung. Mit Bruno Latour resümiert der Artikel, um unsere Technologie müssten wir uns kümmern wie um unsere Kinder: einsehen, dass sie nicht perfekt sein können, dass sie immer wieder Probleme machen werden - und dass wir sie dabei begleiten müssen. Alles andere wäre eben "monströs vereinfacht".

- al

Die Mikrobe Streptococcus pyogenes verfügt über ein einzigartiges Werkzeug zur Selbstverteidigung. Sein Werkzeug ist eine Art intelligentes biologisches Skalpell für Präzisionsoperationen am Erbgut. Damit setzt sich das Bakterium gegen die Angriffe von Viren zur Wehr. Mediziner hoffen nun, mithilfe dieser Methode bald HIV-Infektionen heilen zu können, Leukämie und Erbkrankheiten. Genetiker schaffen damit bereits Pflanzen, die bislang niemand kannte. Die Technik weckt große Hoffnungen: Fehler im Genom aller denkbaren Lebewesen können womöglich künftig wegkorrigiert, ausgelöscht werden – wie vertippte Buchstaben in einem Textdokument. Die Frau, die den Anlass für solche Hoffnungen gab, heisst Emmanuelle Charpentier. Sie hat dem Scharlachbakterium sein Geheimnis entrissen. Sein Abwehrsystem nutzt ein molekülkleines Instrument, das aus einem Sucher und einer Art Schere besteht. Die englische Abkürzung für dieses Abwehrsystem lautet Crispr/Cas9, meist kurz: Crispr. Selten hat etwas die Biomedizin so umgekrempelt wie diese Genchirurgie. Die Erfindung der Genschere ist der dritte große Schritt, das Geheimnis der belebten Natur zu lüften. Aussätzige heilen und Gelähmte aufstehen lassen – das gibt es in der Bibel. Heute wenden sich Patienten direkt an Forscher wie Emmanuelle Charpentier. Wie tief darf die Genschere ins menschliche Erbgut einschneiden? Soll der Mensch seinen genetischen Code auch auf Dauer verändern? Droht der Homo crispr? Auch den Deutschen Ethikrat treibt das um.

- al

Erneute Diskussion um den Schutz menschlicher Embryonen?

 

Ein Beitrag in der Süddeutschen Zeitung fordert eine erneute Diskussion um die Schutzwürdigkeit menschlicher Embryonen in Deutschland. Im Hintergrund stehen neue Möglichkeiten, "genchirurgisch" in die embryonale Entwicklung einzugreifen und gegebenenfalls erbliche Krankheiten zu bearbeiten. Um dies erforschen zu können, sei es wichtig, erneut intensiver an Embryonen zu forschen. Der Deutsche Ethikrat will sich in der kommenden Woche mit dem Thema befassen. Die Autorin des Beitrags zielt offenkundig darauf, dass die Embryonen vor der Nidation (Einnistung in der Gebärmutter) frei gegeben wird. Eine solche Regelung wäre ohne Zweifel anders, aber wäre sie klarer? Die Autorin stellt Widersprüche zum Abtreibungsrecht heraus. Das stimmt, aber diese Widersprüche blieben auch, wenn man die Schutzwürdigkeit um 5 oder 6 Tage verschiebt (Nidation). Wahrscheinlich werden wir mit Widersprüchen leben müssen, weil es keine Eindeutigkeiten in diesem Feld gibt! Die Frage ist nur, welche Widersprüche uns erträglich erscheinen....

- fv

Gibt es künstliches menschliches Leben?

 

Die Fähigkeit, in den Menschwerdungsprozess einzugreifen, haben zwei Forschergruppen offenkundig durch in vitro Kultivierung von Embryonen deutlich erhöht, wie der gepostete Artikel zum Ausdruck bringt. Nun ist es sicherlich ein großer Fortschritt in dem Wissen um biologischen Vorgänge, dass die entscheidenden Steuersignale zur Entwicklung des menschlichen Embryos nicht vom Organismus der Mutter stammen, sondern autark von den sich teilenden Zellen selbst herkommen. Jedoch lässt dies wieder eine Vielzahl weiterer Eingriffoptionen zu. Wiederum wird die Frage im Raum stehen, was sollte erlaubt, was sollte untersagt werden? Die Versuche selbst sind nach Deutschem Recht, dem Embryonenschutzgesetz, nicht möglich, ein 14 Tage alter Embryo darf nicht zu Forschungszwecken verwendet werden. Viele Fragen und Entscheidungsnotwendigkeiten werden auf dem Weg der weiteren Forschung noch warten!

- fv