Den meisten der von Christian Schlüter besprochenen 8 Bücher sei gemeinsam, dass sie den vielzitierten "Kampf ums Dasein" als Missverständnis oder tendeziöse Übersetzung entlarven wollten. "struggle for life" und "survival of the fittest" hätten eher mit "fit" i.S.v. Passung, Anpassung zu tun als mit "gewalttätiger Überlegenheit". Darwin sei weder Rassist noch Utopist gewesen, noch habe er die Selektion normativ auf die Gesellschaft übertragen wollen. Überhaupt schätzt der Autor Darwins kluge Selbstbeschränkung und vermutet, dass der Darwinismus "immer dann überfordert [ist], wenn er die ganze Welt erklären soll". Darum warnt Schlüter vor einem "reduktionistischen Szientismus" à la Thomas Junker und rät, sich eher als Agnostiker denn als Atheist zu verstehen, da die Frage nach Gott "mit unseren Mitteln nicht beantwortbar" sei. So scheint es paradox, wenn er am Ende dennoch als Darwins Entdeckung ausgibt, "dass wir die Natur nicht länger als Gottes Schöpfung ... zu begreifen haben"

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Gut, dass es auch noch andere Umfragen gibt, als die vom Discovery Institute beauftragte Zogby-Studie (siehe unten). Das National Center for Science Education berichtet von einer internationalen Befragung über Darwin, Akzeptanz der Evolutionstheorie und Haltungen zu Evolution und Glauben. Aus dem Haus der Auftraggeber, dmn British Council, begrüßte Fern Elsdon-Baker die breite Akzeptanz, dass Naturwissenschaft und Glaube nicht im Konflikt stehen müssen. Überzeugt von der Vereinbarkeit von Gottesglaube und Evolution waren in Indien 85%, in Mexiko 65% und in den USA 53%. Die Studie zeigt im Vergleich zur Zogby-Umfrage wie sehr die Validität der Zahlen von der Ausgewogenheit der Fragestellung abhängt

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Der Artikel beschreibt die Grundlegung des wissenschaftlichen Werdegangs von Charles Darwin. Dass die Weltreise auf der Beagle ein einschneidender Schritt für die spätere Evolutionstheorie bedeutete, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist jedoch, dass Darwins Interesse während der Reise weniger der Biologie als vielmehr der Geologie galt. Die geologische Einsicht aber, dass sich über lange Zeiträume kleine Wandlungen zu großen Veränderungen aufaddieren, "sollte zur konzeptionellen Grundvoraussetzung für seine Evolutionstheorie werden, auch wenn sie während der Reise noch nicht einmal angedacht war". Der Artikel beschreibt trefflich das Werden einer Theorie, den "context of discovery": Eine Theorie entsteht nicht einfach durch logische Induktion aus Fakten, sondern basiert auf biografischen, z. T. zufälligen Ereignissen, wie das eindrücklich Erleben eines Erdbebens in Chile, das ein geologisches - später evolutionsbiologisches - Grundkonzept offenbarte

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Das Feature von Daniel Knopp berichtet von der Wiederentdeckung des Religiösen durch die Evolutionsbiologie - ganz im Gegenzug zu Dawkins' Abwertung von Religion als Wahnvorstellung. Knopp stellt den Nutzwert von Religion und damit ihren Selektionsvorteil heraus: die größere 'reproduktive Fitness' religiöser Menschen (M. Blume). Religion als Überlebensvorteil: Ein nachdenkenswerter Beitrag, auch wenn Religion hier funktionalistisch auf den Nutzwert reduziert wird.

Knopp will die Vereinbarkeit von Religion und Evolution schon bei Charles Darwin verorten. Dessen Evolutionstheorie sei "auch eine Weiterentwicklung seiner theologischen Grundausbildung", die er bei seinem Lehrer William Paley erhalten hat. Dies ist allerdings eine allzu harmonisierende Darstellung, da sich Darwin an entscheidender Stelle von Paley, dem Vater des Intelligent-Design-Arguments, absetzt. Darwin konzentriert sich auf die Zweitursachen und will damit nicht die göttliche Erstursache beweisen (E.-M. Engels)!!

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Der Artikel würdigt Buffon als Pionier der beginnenden Naturwissenschaft. Paradigmatisch zeige sich an seinem Werk, wie sich der wissenschaftliche Geist formiert. Buffons "Allgemeine Naturgeschichte" versuchte das gesamte Wissen über die Natur zu systematisieren. Buffons methodisches Vorgehen fasst der Autor mit den Begriffen "Sehen und Verstehen" - ganz in Goehteschem Sinne - zusammen, wobei Buffon das Ähnliche zu verbinden, das Unähnliche zu trennen suchte. Das Ergebnis war eine systematische Ordnung, die auch den Menschen "in die Klasse der Tiere" einordnete. Das Missfallen kirchlicher Kreise hätte dabei auch sein Verständnis der Natur als "Schauplatz der göttlichen Macht" nicht besänftigen können. Diese "Kränkung" des Menschen, die sich bis heute in den Widerständen gegen die Evolutionstheorie zeigt, setzt also bereits bei Buffon als frühen Vertreter des Evolutionsgedankens und "Vorläufer und Wegbereiter von Charles Darwin" an

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Der Artikel rückt dem Kernargument der Intelligent-Design-Protagonisten zu Leibe: der "irreduziblen Komplexität". Das Argument geht davon aus, dass komplexe Organe nur als Ganzheit funktionieren und damit nur als Ganzheit einen Selektionsvorteil haben können ("Was nützt ein halbes Auge"). Ein Auge könne also nicht über lange Zeiträume in kleinen Schritten entstanden sein, wie die Evolutionstheorie annimmt.

Demgegenüber macht der Artikel an den Beispielen Auge, Flügel und Bakterienflagelle (Klassiker der ID-Argumentation) plausibel, dass es funktionsfähige, und damit vorteilhafte Zwischenstufen geben kann. Der Schluss von einem momentanen Unwissen auf eine grundsätzliche Unerklärbarkeit (die dann den Eingriff eines intelligenten Designers erforderlich macht) ist eben ein Fehlschluss, wie die genannten Beispiele empirisch unterfüttern

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Neo-Atheist Schmidt-Salomon legt es darauf an, die Unvereinbarkeit von Evolutionstheorie und Schöpfungsglauben zu demonstrieren. So akzeptiere die Kirche nicht, "dass die höheren geistigen Funktionen, das, was die Kirche Seele nennt, eben auch evolutionär entstanden ist". FALSCH! Die höheren geistigen Funktionen sind nicht mit dem theologischen Seelenverständnis identisch. Die theologische Kategorie einer besonderen Erschaffung im Sinne eines besonderen Gewolltseins (Ratzinger) ist keine naturwissenschaftliche Kategorie und kann dazu nicht im Widerspruch stehen.

Auch die Aussage, Religion führe "zu einer deutlichen Abgrenzung gegenüber den Menschen außerhalb der Gruppe", überzeugt nicht, steht sie doch in krassem Gegensatz zu einer jesuanischen Ethik der Feindesliebe und der Aufnahme Ausgegrenzter. Dass es faktisch Ausgrenzungen gibt, ist unbestritten. Nur: den faktischen Missbrauch als das Wesen der Religion auszugeben, ist ein Fehlschluss.

Wolfgang Achtner, interdisziplinär engagierter evang. Theologe, weist auf einen weitgehend unbekannten Zeitgenossen Darwins hin. Der Zoologe und Mediziner Gustav Jaeger kann als Vordenker der Vereinbarkeit von Evolutionstheorie und Religion gelten. Jaeger stellte zwei empirisch prüfbare Fragen: Bieten Religionen einen Überlebensvorteil? Wenn ja, welche Religionen sind vorteilhafter? Achtner sieht darin das angedacht, was heute z. B. der Religionswissenschaftler Michael Blume auf solide empirische Füße stellt. Achtner sieht ein solches funktionalistisches Religionsverständnis nicht unkritisch, da es gerade zum Wesen einer Religion gehöre, "sich funktionalem Denken zu entziehen". Dennoch könne Jaeger für sich in Anspruch nehmen, ein Pionier der Vereinbarkeit zu sein

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In einem Interview geht der Essener Biologe und Philosoph Hans Werner Ingensiep auf zentrale Implikate der Evolutionstheorie ein. Im Kontext der Frage, ob die Evolution ein Ziel kenne, erwähnt Ingensiep die neue Forschungsrichtung "Evo Devo", sieht aber weniger einen planenden Ingenieur als einen wilden Bastler am Werk. Dass in diesem Prozess Kultur mit ganz eigenen Gesetzen entstanden ist, macht Ingensiep mit einigen anschaulichen Beispielen klar. Er hält es für "höchst problematisch", das Selektionsprinzip auf die Kultur zu übertragen. Man erinnere sich an den Artikel von Hubert Markl, für den die Entstehung der Kultur einen "Umschlag von Quantität in neue Qualitäten" bedeutete (siehe 12.02.09: 200 Jahre Darwin).

Der britische Mirror stellt bei seiner Kurzdarstellung der Theos Studie zu Evolution und Kreationismus die Zweifler Darwins in den Vordergrund

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