Vor Studenten und Doktoranden der Summer School der Päpstlichen Sternwarte sagte Papst Franziskus, es sei Aufgabe des Wissenschaftlers, "das Universum zumindest teilweise zu kennen; zu wissen, was wir wissen und was wir nicht wissen und wie wir mehr lernen können". Sowohl für Gläubige als auch für Wissenschaftler sei das Eingeständnis wichtig, dass es vieles gebe, was wir nicht wissen. Aber ebenso wichtig sei es, "niemals vor einem selbstgefälligen Agnostizismus Halt zu machen", und nie "sollten wir Angst haben, mehr zu lernen". Auf der Ebene der Metaphysik sah der Papst die Möglichkeit, in den Dingen die "erste Ursache von allem" anzuerkennen, auf der Ebene des Glaubens akzeptiere man die "Selbstoffenbarung Gottes". Die Harmonisierung dieser verschiedenen Perspektiven öffne uns "hoffentlich für die Weisheit".

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In einem offiziellen Gesuch plädiert der Päpstliche Kulturrat für die Rehabilitierung des interdisziplinären Pioniers Pierre Teilhard de Chardin - Anlass für den systematischen Theologen Jan-Heiner Tück, in die Gedankenwelt Teilhards einzuführen. Da mit der positiv zu würdigenden Grundintention Teilhards, Glaube und Evolution zu versöhnen, tiefgreifende Veränderungen in Schöpfungs-, Gottes- und Christusverständnis einher gegangen seien, habe Teilhard von Anfang an bis über seinen Tod hinaus "Schwierigkeiten mit den kirchlichen Autoritäten" gehabt. Erst mit dem Zweiten Vaticanum seien "Rezeptionsblockaden" gefallen, und Papst Franziskus habe nun "positiv auf Teilhard de Chardin Bezug genommen". Der Autor begrüßt eine Rehabilitierung Teilhards, was eine "Selbstkorrektur des römischen Lehramtes" einschließe, aber auch bedeute, "die selektive Rezeption Teilhards in Esoterik und New Age, in Transhumanismus und Digitalismus kritisch unter die Lupe zu nehmen". Bei einer Rehabilitierung müsse allerdings "die methodische Unschärfe, aber auch die eigenwillige Begrifflichkeit Teilhards" vermieden werden, wenn man im aktuellen interdisziplinären Gespräch ernst genommen werden wolle.

Der Artikel bezieht sich auf die Einladung führender Wissenschaftler und Kosmologen zur Sternwarte des Vatican, um bei einer Konferenz den Jesuiten und Kosmologen George Lemaitre, der als Begründer der Urknalltheorie gilt, zu ehren. Mit Papst Franziskus und dem Leiter der Sternwarte, Guy Consolmagno SJ, betont der Artikel die Vereinbarkeit von Evolution und Urknall mit dem christlichen Glauben, mahnt aber auch - wie seinerzeit Lemaitre Papst Pius XII. - zur Vorsicht: Der Schöpfungsakt Gottes habe nicht vor 13,8 Milliarden Jahren stattgefunden, er finde permanent und kontinuierlich statt. Ein Gott, dessen Schöpfung sich auf den Urknall reduziere, sei nicht der christliche Gott. Der Artikel räumt damit über prominente O-Töne mit einem in christlichen Kreisen verbreiteten Missverständnis auf.

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Donnerstag, den 13.11.14, erhält Vatikan-Astronom und Jesuit Guy Consolmagno als erster Geistlicher die renommierte Carl Sagan Medaille. Meteoriten-Spezialist Consolmagno sei "bekannt für seine witzige, weise und engagierte Art, die Himmel zu erklären" - exemplarisch dafür sein Buch "Würdest Du einen Außerirdischen taufen?".

Nach dem populären Astronomen Carl Sagan (siehe TV-Serie "Kosmos") benannt, wird der Preis Personen verliehen, die Wissenschaft verstehbar und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Consolmagno sei - so die Begründung für seine Wahl - "ein glaubwürdiger Anwalt für wissenschaftliche Redlichkeit im Kontext religiösen Glaubens". In diesem Sinne kämpfe Consolmagno nach eigenen Aussagen "permanent gegen die unbegründete Auffassung, die katholische Lehre sei inkompatibel mit der Naturwissenschaft". Die Lüge der Unvereinbarkeit sei so verbreitet, dass auch der Papst immer wieder das Gegenteil in Erinnerung rufe - so kürzlich, auch wenn er dabei nicht wirklich Neues gesagt habe.

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Der Priester und Biologieprofessor Nicanor P. G. Austriaco nimmt den Äußerungen des Papstes zunächst die Radikalität. Franziskus stehe ganz in der päpstlichen Tradition mindestens der letzten 60 Jahre. Interessant wird der Artikel, wenn er Franziskus' Abgrenzung der Schöpfervorstellung von der eines Zauberers interpretiert. Diese Abgrenzung sei "korrekt, aktuell und wichtig". Denn viele Zeitgenossen, sogar christliche Theologen, verstünden Gott in der Tat wie einen Zauberer oder Demiurgen, "der im Universum wirke wie eine Kraft unter vielen anderen". Eine solche Sicht (auch wenn Gott auf Quantenebene lokalisiert wird) verkenne, dass Gott auf einer Ebene wirke, die noch fundamentaler ist, nicht physikalisch, sondern ontologisch: Er verleihe auch der Quantenebene überhaupt erst ihre Existenz. Sofern diese metaphysische Sicht auf Thomas von Aquin und weiter zurück gehe, wiederhole Franziskus eine fundamentale Behauptung katholischen Christentums.

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Elizabeth Dias regt sich mächtig auf über die "Papst Franziskus für Evolution"-Story, die sich explosionsartig in den Medien verbreite. Dabei habe er im Vergleich zu seinen Vorgängern absolut nichts Neues gesagt. Der Artikel belegt dies und gibt einen guten Überblick über die z. T. bizarren Blüten, die besagte Story hervorgebracht hat. Dagegen: Mittwoch morgen bat Franziskus, für 43 mexikanische Studenten zu beten, die am lebendigen Leib von Drogenhändlern verbrannt worden waren. "Unwahrscheinlich, dass dies dieselbe Aufmerksamkeit erhält", bedauert Dias. Und die Moral von der Geschicht': "Glaube das meiste nicht, was Du über den Vatikan liest. Die päpstliche Berichterstattung ist außer Rand und Band".

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Nachdem der Artikel Franziskus' Rede vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften zusammengefasst hat, wundert er sich darüber, dass über die Äußerungen "atemlos in den Medien berichtet wurde, die Berichterstattung aber nicht reflektierte, dass sie vollkommen konsistent mit früheren kirchlichen Lehrmeinungen sind". Zitiert wird Murray Watson, der die Position der Katholischen Kirche für naturwissenschaftlich kompatibel und inhaltlich für "sehr klar" hält: 1. Gott sei der ultimative Ursprung der Evolution; 2. Gott lenke den Prozess in ultimativer Weise, wenn auch indirekt über die Naturgesetze; 3. die Seele ist Gottes direkte Schöpfung, nicht ein zufälliges Ergebnis der Evolution. Leider wird die Kompatibilität dieses dritten Punktes nicht näher begründet. Für Watson ist jedenfalls das Einzige, das die kath. Kirche erbete, "dass sich die Wissenschaft darauf beschränkt, Fragen innerhalb ihres Geltungsbereiches zu beantworten, und sich nicht in die Gebiete der Philosophie und Theologie hineinwagt". Diese Positionierungen seien von Pius XII. über Johannes Paul II. usw. im wesentlichen identisch geblieben. Den Grund dafür, dass die Medien die Papstrede als bahnbrechenden Neuanfang wahrnehmen, sieht der Artikel darin begründet, dass immer noch zu viele Beobachter "einen tiefen Konflikt zwischen religiösem Glauben und wissenschaftlichem Forschen" sähen. Beide Konfliktparteien "postulierten einen Gott, der mit der Welt von außen interagiere, indem er die Naturgesetze umdirigiert, wenn es seinem göttlichen Willen passt". Ein solches Gottesbild nähme die Möglichkeit eines Gottes, der in der und durch die Schöpfung wirkt, nicht ernst. Die kath. Kirche lehre, dass die menschliche Vernunft für das Göttliche öffnet.

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Für Jerry A. Coyne, Atheist und Verfechter des Konfliktparadigmas, sprechen "Berge von Beweisen" für die Evolution, "nicht ein Beweis jedoch für die religiöse Alternative einer göttlichen Schöpfung". Entsprechend sei Franziskus' Akzeptanz der Evolution ein reines Lippenbekenntnis, und seine Rede trage immer noch Tönungen eines Kreationismus. Die offizielle Sicht des Vatikan sei nicht auf der Höhe moderner Wissenschaft, sondern eine Kombination von Evolutionstheorie und biblischem Spezialkreationismus, wie er sich in der Erschaffung der Seele und der angenommenen Historizität von Adam und Eva zeige. Ähnlich setze Franziskus für den Urknall Schöpfung voraus, wo wir doch alle wüssten, "dass das Universum durch rein physikalische Prozesse aus dem Nichts entstanden sein kann". Wenn Coyne dieses "Nichts" ausdrücklich mit dem "Quantenvakuum" gleichsetzt, müsste er eigentlich wissen, dass dies nichts mit dem philosophisch-theologischen "Nichts" zu tun hat, hier also gar keine Konfliktsituation entstehen kann. Auch die "Spekulation" Gottes mit Multiversums-Theorien auszuhebeln, ist nicht weniger spekulativ. Wenn Franziskus dann für die Evolution Schöpfung voraussetzt, wundert sich Coyne: "Man beachte, dass das Wort 'Schöpfung' ['creation'] immer noch vorkommt". Hat er ernsthaft erwartet, dass der Papst nicht mehr an Schöpfung glaubt? Im Folgenden räumt Coyne ein, dass überhaupt nicht klar wird, wie genau der Papst Schöpfung versteht. Dennoch weiß Coyne genau: "Es ist klar, dass ein wie auch immer gearteter Kreationismus immer noch wesentlicher Bestandteil von Franziskus' Sicht des Lebens ist". Bei derart unklarer Begriffslage ist der Schluss von 'creation' auf 'creationism' natürlich nicht mehr als ein Taschenspielertrick.

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Mit der Rede vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften habe Franziskus den Pseudotheorien des Kreationismus und des Intelligent Design (ID) endgültig eine Absage erteilt. Manche mutmaßten, Franzikus Vorgänger, Benedikt XVI., habe diese Pseudotheorien ermutigt. Zumindest im Blick auf den Kreationismus muss dem Autor hier deutlich widersprochen werden. Und Benedikts "offensichtliche Unterstützung" von ID ist so offensichtlich nicht, hat er doch Kard. Schönborns "finding design in nature" ausdrücklich ein gutes Stück weit zurückgenommen. Davon weiß der vorliegende Artikel offenbar nichts, sondern betont hier die Geistesverwandtschaft zwischen Benedikt und Schönborn. Franziskus trenne davon eine gewaltige theologische Kluft; er wird eher in Kontinuität mit Johannes Paul II. und Pius XII. gesehen, mit dem die Öffnung zu Evolution und Urknall begonnen hätte. Dass Pius XII. noch annahm, man könne aus der göttlichen Offenbarung durchaus Einwände gegen die Evolutionstheorie generieren, bleibt unerwähnt. Wissenschaftsphilosoph Giorello vermutet jedenfalls, Franziskus wolle den (vermeintlichen) Kontroversen die Emotionen nehmen. Dazu passt - zusammengefasst - Franziskus' Betonung der Vereinbarkeit von Urknall- und Evolutionstheorie mit einem Schöpfer, und die Vermeidung von Missverständnissen die Gott als "Magier mit Zauberstab" sähen - ein Zitat, das wohl die Runde machen wird, obgleich eigentlich nichts Neues gesagt wurde.

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Die Frage des Online-Magazins io9 „Glaubt der neue Papst an die Evolution?“ ist zwar unglücklich formuliert, interessiert aber die Fans des interdisziplinären Dialogs brennend. Die Antwort des io9-Artikels geht allerdings über ein knappes „Ja“ kaum hinaus und erinnert angesichts der kurzen Amtszeit Franziskus’ eher an Kaffeesatzlesen. So stützt sich die positive Behauptung lediglich auf die anzunehmende Kontinuität zu seinen Amtsvorgängern, die stellvertretend für Franziskus zu Wort gebracht werden. Dabei macht George Dvorsky, der Autor des lesenswerten Artikels, ausdrücklich und mit Links auf zentrale kirchliche Äußerungen aufmerksam, die immer wieder Anlass zu Konflikten oder Missverständnissen sind, und damit zumindest auf ein kirchliches Kommunikationsdefizit hinweisen. Wenn der Autor meint, Franziskus könne die Vorgängerpositionen „ausarbeiten“, dann ergeben sich hier wichtige Anknüpfungspunkte.