Im Mittelpunkt dieses Artikels (einer der wenigen guten über Nahtoderfahrung) steht der schweizer Theologe Simon Peng-Keller, der seit Jahren über NTE forscht, sich aber in Abgrenzung zu vollmundiger Jenseitsesoterik zurückhaltend gibt. Dennoch, das Thema bleibt spannend: "Der Nahtod hat sich zum Schlachtfeld entwickelt, auf dem unversöhnliche Weltanschauungen gegeneinander antreten". Den Reduktionisten hätte die jüngste "Aware-Studie" die Grundlage entziehen können, wenn, ja wenn sie nicht gescheitert wäre, wie Peng-Keller urteilt. Außerkörperliche Wahrnehmungen habe sie nicht nachweisen können, wohl aber glaubwürdige Wahrnehmungen bis zu drei Minuten nach dem Herzstillstand - unerklärlich mit heutigen Mitteln, aber vielleicht doch auf Restaktivitäten des Gehirns reduzierbar. Also keine empirisch gestützte "Verklärung des Todes", zumal ein Drittel der Wiederbelebten von negativen Eindrücken berichteten. Immerhin sieht der Theologe "Nahtoderfahrungen am ehesten als Varianten mystischen Erlebens" und in dieser langen Tradition auch wirklich ernst genommen.

- hhp

Telepathie revisited: Vorgestern haben wir hier auf einen Artikel der FAZ aufmerksam gemacht, der von neurowissenschaftlichen Versuchen berichtete unter dem Hinweis, dass es hier um neue Möglichkeiten des Gedankenlesen gehe. Diese Darstellung, das hat auch schon die Diskussion auf der facebook-Seite gezeigt, ist ziemlich verzerrend. Tatsächlich ging es in dem dargestellten Versuch lediglich darum, Input und Output Technologien zu nutzen, um eine Information von Gehirn zu Gehirn zu übertragen ohne dem Gebrauch von Sprache oder Bewegungen. Wer daran interessiert ist, hier findet sich ein link zum Originalartikel. Interessant ist der Versuch immer noch, aber sicherlich keine Erfindung zum "Gedankenlesen"!

- fv

Wie weit kann unser Denken öffentlich werden?

 

Ein kürzlich in Frankreich und Indien durchgeführtes Experiment lässt weitgehende Möglichkeiten eines technischen Umgangs mit Gedanken erahnen. So ist es einer Forschergruppe gelungen, ein EEG (Elektroenzephalogramm) eines Gedankens in Indien aufzuzeichnen, es als Datensatz nach Frankreich zu schicken und über transkranielle Magnetstimulation wieder einem Probanden zuzuführen, so dass dieser den ursprünglichen Gedanken erkennen kann. Wie so oft, ist das zunächst nur ein bescheidener Anfang, es ging offenkundig nur um aus einem Wort bestehende Begrüßungsformeln, ob das auch je für komplexe GEdanken gilt (IRonie etc)? Wie ist das bei unterschiedlichem Wortschatz und Bildungsgrad? Doch zumindest zeigt das Experiment, dass Output und input technisch grundsätzlich beherrschbar sind!

- fv

Anfang des 19. Jahrhunderts entfernte der Neurophysiologe Pierre Flourens sukzessive Hirngewebe bei verschiedenen Tieren, um zu dem Schluss zu gelangen, dass mentale Fähigkeiten nur einen kleinen Teil der Zerebrallappen benötigen. Das sei die Geburtsstunde des populären Mythos, dass der Mensch nur ca. 10% seines Gehirns nutze. Unbeeindruckt davon, dass heute die Neurowissenschaft diese Auffassung einmütig zurückweise, lebe der Mythos beharrlich weiter.

Ein anderer derartiger Mythos stelle die Meinung dar, linke und rechte Hirnhälfte seien fundamental verschieden: Die linke Hälfte sei angeblich logisch und detailorientiert, wohingegen die rechte Hälfte der Sitz von Leidenschaft und Kreativität sei. Auch diese Karikatur stamme aus dem 19. Jahrhundert und dort gemachten Beobachtungen von Hirnschädigungen. Tatsache sei hingegen, dass die Gemeinsamkeiten beider Hälften größer sind als die Unterschiede, und besonders bei komplexen Aufgaben wie Kreativität und logische Wundertaten seien beide Hälften beteiligt.

In den letzten Jahren habe sich ein neuer Mythos herauszubilden begonnen: Der Mythos der Spiegelneuronen. Bei Makaken hatte man entdeckt, dass Spiegelneuronen sowohl bei einer Aktivität als auch bei der Beobachtung dergleichen Aktivität anderer aktiviert wurden. Dies sei Grundlage für z. B. Sprache, Imitation und Empathie - auch beim Menschen. In der populären Kultur werde daraus die Behauptung, durch unsere Spiegelneuronen erlebten wir ein Fußballspiel, als ob wir auf dem Platz wären und jeden Schuss und Pass simulierten. Dagegen betonten aktuellere Theorien eher die Rolle der Spiegelneuronen bei der motorischen Kontrolle als beim Verstehen von Aktionen.

"Ein wenig Mythenprävention heute mag uns vor großem neurowissenschaftlichem Unsinn morgen bewahren", rät der Artikel abschließend.

- hhp

Der Artikel beschreibt das Ringen um das eine Milliarde schwere Human Brain Project, gegen das sich 600 Neurowissenschaftler mit einem Protestschreiben, das einen Boykott nicht ausschloss, gewehrt haben. Ein Hauptpunkt der Kritik ist die Streichung der kognitiven Neurowissenschaften aus dem Zentrum des Projekts, wodurch die Ausrichtung auf Computer-Technologien zu dominant sei. Weitere Kritik bezieht sich auf Management und Führungsstil, gefordert wird z. B. eine Prüfung durch unabhängige Experten. Die Antwort auf die Kritik räumt denn auch ein, dass die Führungsstruktur verändert werden soll, was wiederum von den Kritikern als Dialogbereitschaft gesehen wird. Schließlich gelte: "Wenn so viel Geld im Spiel sei, müsse in der Community doch ein Konsens bestehen, dass man mit dem Vorgehen auf dem richtigen Weg sei".

- hhp

Mit einer Milliarde Euro von der EU soll das Human Brain Project (HBP) ein komplettes menschliches Gehirn simulieren. Falls dies gelänge, könnten Theorien über die Funktionsweise des Gehirns getestet und bspw. medizinische Experimente durchgeführt wären, die am lebenden Menschen nicht durchführbar sind. Es verwundert kaum, dass derart optimistische Versprechungen zu einem offenen Brief an die EU-Kommission führten, den 600 renommierte Kritiker unterzeichnet haben. Ein Erfolg sei genauso wenig wie beim Vorläuferprojekt zu erwarten, wichtige Teilprojekte seien gestrichen worden und das derzeitige Wissen reiche für ein derart ambitioniertes Projekt nicht aus. Auch Methodenkritik wurde laut: Nicht der Bottom-up-Ansatz, der von der Zellebene aus das Ganze verstehen wolle, sei zielführend, sondern ein (psychologischer) Top-down-Ansatz, der das Gehirn vom Verhalten her zu verstehen suche. So hält ein Kritiker das HBP für ein "milliardenschweres Glücksspiel auf Basis falscher Annahmen".

- hhp

Klar, dass auch die Zeitschrift "Geist und Gehirn", in der vor 10 Jahren das Manifest führender Hirnforscher veröffentlicht wurde, eine Bilanz der damals geäußerten Prognosen vornimmt. Dazu befragte GuG die Hirnforscherin Katrin Amunts und den Mitautor des Manifests Gerhard Roth. Mit den Kritikern (siehe "Memorandum reflexive Neurowissenschaft") stimmt Roth darin überein, dass die vorausgesagte 'theoretische Neurowissenschaft' "noch in weiter Ferne" liegt: "Da haben wir uns im Manifest wohl doch etwas verschätzt" (66). Ebenfalls im Konsens mit den Kritikern betonen sowohl Roth als auch Amunts die Notwendigkeit von Interdisziplinarität (66, 69). Während hier jedoch im interdisziplinären Konzert die Philosophie nicht erwähnt wird, spielt sie bei den Kritikern eine geradezu "essentielle" Rolle. Vielleicht ist dieser Ausfall der Philosophie dafür verantwortlich, dass es nicht recht überzeugt, wenn Roth sich so vehement gegen den Vorwurf des "platten Reduktionismus" (65) verwahrt. oder wenn Amunts sich von der Vermehrung empirischer Daten (67) induktiv ein besseres Verständnis verspricht, was die Kritiker ausdrücklich bezweifeln.

- hhp

Unter der Federführung von Felix Tretter und Boris Kotchoubey bilanziert ein 15-köpfiges Team von Neurowissenschaftlern in einem ausführlichen Artikel die Voraussagen und Ansprüche des vor 10 Jahren herausgegebenen "Manifest der Hirnforscher". Da eine Annäherung an die gesetzten Ziele nicht einmal in Sicht sei, fällt die Bilanz der Wissenschaftler eher ernüchternd aus. Die Revolution des Menschenbildes sei ausgeblieben, da die Reduktion des Geistigen, Psychischen, ja des Menschen insgesamt auf das Gehirn von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Den Grund für das Zurückbleiben hinter den Erwartungen sehen die Autoren in Unzulänglichkeiten im Bereich der Theorie und Methodologie der Neurowissenschaften, in ihrem überschätzten Erklärungspotenzial und in den unterstellten wissenschaftstheoretischen und naturalistischen Vorannahmen. So bedeute empirischer Datenzuwachs noch lange kein besseres Verständnis, und die zirkulären Kausalitäten des Gehirn, erst recht aber das Gehirn-Psyche-Geist Problem werde unterkomplex angegangen. Lösung könne hier künftig nur eine systemische und interdisziplinäre Methodologie, die vor allem die Philosophie einzubeziehen und zu einer nichtreduktiven, nachdenklichen (reflexiven) Neurowissenschaft zu führen habe.

- hhp

Was wurde aus den Verheißungen der Hirnforschung? Ulrich Schnabel zieht zehn Jahre nach dem "Manifest" der Hirnforscher eine kritische Bilanz. Ein neues Memorandum kritischer Forscher fordert eine systemwissenschaftliche Gesamtschau der Körperfunktionen anstelle einer Fixierung aufs Gehirn.

- al

Auch Spiegel Online berichtet von der Studie, die bei Ratten erhöhte Hirnaktivität nach Herzstillstand festgestellt hat. Erklärbar sei dies wie bei einem Motor, der ohne Last (im Falle des Gehirns ohne Input von außen) schneller dreht als unter Last. Es wird diskutiert, ob man hier auf der Spur der neuronalen Korrelate auch der Nahtoderfahrung (NTE) ist. Sofern man in der NTE einen Beleg für ein Jenseits (E. Alexander: Blick in die Ewigkeit) oder für körperloses Bewusstsein (P. van Lommel) sieht, scheint Einiges auf dem Spiel zu stehen. Und so wundert es nicht, wenn ein Kommentator schreibt: "... und wieder etwas weniger Raum für religiös motivierte 'Erklärungsansätze'. Sehr zu begrüßen."

- hhp