Ein Gespräch mit dem Philosophen Thomas Metzinger über die Schwierigkeit, uns selbst zu erkennen, und die Frage, ob es eine Seele gibt. Metzinger berichtet von außerkörperlichen Erfahrungen, doch was ist das Selbst, das all diese Erfahrungen macht? Ein "feinstofflicher Körper" aus reiner Information, also das innere Bild, das sich das Gehirn vom eigenen Organismus macht? Nach Metzingers Vorstellung ist das bewusste Selbst nicht einfach da, es wird im Gehirn konstruiert: es ist kein Ding, sondern ein Vorgang - auch wenn eine lange philosophische Tradition das anders sieht. Dennoch sollten wir auch nach Metzinger nicht mit dem naturalistischen Menschenbild der Wissenschaft über unser inneres Erleben hinwegreden. Was "Person als Ganzes" bedeutet, will er in seiner Forschung herausfinden. Wir könnten dabei vom Erbe der spirituellen Praktiken der Mystiker lernen, uns aber von den zugehörigen Glaubenssystemen lösen, so Metzinger. Für reichlich Diskussionsstoff ist gesorgt!

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Dass auch im erwachsenen Gehirn neue Hirnsubstanz gebildet wird, konnte bisher medizintechnisch noch nicht hinreichend genutzt werden. Zu langsam wurden in vitro aus neuronalen Stammzellen funktionierende Hirnzellen. Nun scheint man das Gewebe gefunden zu haben, dass "die Stammzellen quasi wachküsst" und auch andere Experimente konnten die Vermehrung der Stammzellen beschleunigen. Der Artikel warnt jedoch davor, sich Hoffnung auf eine baldige Anwendung z. B. bei Demenz zu machen

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Mit großer Euphorie wurde die Kernspintomografie (fMRT) auch auf die großen menschlichen Fragen angesetzt: Von der Willensfreiheit bis zum Gottesglauben erwartete man Auskunft durch Hirnscans. Nun nötigen neuere Forschungen zu größerer Bescheidenheit bei der Interpretation der Daten. Allzu leicht wurde ein Hirnscan als Abbild der Wirklichkeit missverstanden. Dabei habe das fMRT-Bild nur sehr mittelbar mit Hirnaktivität zu tun und die Festsetzung der Grenze, jenseits derer sich die Signale signifikant vom Ruhezustand unterscheiden, sei ein "hoch subjektiver Vorgang". Die Forscher wollen dabei die Methode nicht abschaffen, sondern verbessern und vor allzu vollmundigen Deutungen warnen. Ein gutes Beispiel für das Verhältnis von harten naturwissenschaftlichen Facts und daraus abgeleiteten Interpretationen

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Gern glaubt man dem Neurowissenschaftler Eric Kandel, dass aufgrund neuerer Hirnforschung altersbedingter Gedächtnisverlust und selbst Alzheimer heilbar werden könnten. Neurowissenschaften hätten gute Chancen zur Querschnittssprache für viele Wissenschaften zu werden, ohne diese darauf zu reduzieren. Schließlich gebe es "verschiedene Sichtweisen derselben Sache", die sich ergänzen. Ausdrücklich sei damit auch die Religion mit Wissenschaft vereinbar. Aber Achtung! Kandel arbeitet dabei mit einem funktionalistischen Minimalbegriff von Religion: "Meine Religion ist wichtig für mich, nicht weil sie mir die Welt erklärt, sondern aufgrund ihrer Tradition, ihrer moralischen Prinzipien und der Gemeinschaft, die sie stiftet". Religion wird auf soziale Zwecke reduziert und von Welterklärung und Wahrheit dispensiert. Wenn uns etwas "an tiefem Verstehen und Wahrheit liegt", dann müssen wir schon die Wissenschaft bemühen. Dies geht am Wahrheitsanspruch von Religion und Theologie völlig vorbei

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Der Religionspädagoge Anton A. Bucher belegt anhand neuerer, z. T. eigener Umfragen und neurowissenschaftlichen Studien (inkl. Kritik an Persingers "Gotteshelm"), dass auch in einer zunehmend säkularer werdenden Gesellschaft spirituelle Bedürfnisse und Erfahrungen verbreitet sind. Die Attraktivität der traditionellen Kirchen geht bei dieser "modernen Sinnsuche" allerdings zurück. Buchers These: "Ob Menschen in die Kirche gehen, hängt wohl stärker davon ab, wie sie erzogen wurden; ob ihnen spirituelle Erfahrungen zugänglich sind, scheint dagegen eher genetisch determiniert zu sein"

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Michael Kohler fragt, wie Eastwood und der Autor Morgan dazu kommen, einen Film über das Jenseits zu drehen. Die Antwort ist einfach und verblüffend zugleich: Sie wollten "atheistische Geschichte über das Jenseits" erzählen. Das erklärt dann auch die Beobachtung des Rezensenten Kümmel, dass der Gastgeber der Jenseitsparty fehlt. Interessant auch, dass am Ende des Films nicht jenseitiger, sondern irdischer Trost gespendet wird. Dem Autor wirft der Rezensent vor, er habe "die Entzauberung der Nahtoderfahrung durch die moderne Hirnforschung ignoriert". Dass die Hirnforschung das Faszinosum der Nahtoderfahrung wegerklärt hat oder dies je können wird, darf mit guten Gründen bezweifelt werden

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Nature-methods hat "Optogenetik" zur Methode des Jahres 2010 gewählt und dies nun in frei zugänglichen Texten und einem anschaulichen Video ausführlich dokumentiert. Optogenetik stellt bemerkenswerte Möglichkeiten bereit, Zellfunktionen mit Licht zu steuern. Damit revolutionierte Optogenetik die experimentelle Neurowissenschaft und gab der Zellbiologie neue Einsichten in Signalwege

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Hirnforscher erkunden die Wirkung religiöser Überzeugungen auf Körper und Psyche. Religiöses Erleben ist demnach keine zwingende Reaktion des Gehirns auf bestimmte Reize, Rituale oder Meditationstechniken, sondern hängt entscheidend vom sozialen Kontext und von der persönlichen Einstellung eines Gläubigen ab. Das bedeutet auch, dass das Phänomen religiöser Erfahrungen nicht unabhängig vom jeweiligen Glauben erforscht werden kann. Die Wissenschaft führt am Ende zu der Einsicht, dass die Realität des Religiösen vorrangig geistiger Natur ist. Es zeige auch, so der Verfasser Ulrich Schnabel: Ob Begriffe wie Gott, Buddha oder Allah für uns eine Relevanz entwickeln und wirksam werden, hänge allein von uns selbst ab. Die Frage, ob sie nun »tatsächlich« existieren oder sich beweisen lassen, sei dabei zweitrangig, wenn nicht gar irrelevant. Das halte ich allerdings für einen Trugschluss; für den Glaubenden ist dies sicher von grossem Interesse, denn sonst würde er nicht glauben können.

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Dass es absolute innere Freiheit gibt, glaube in der Wissenschaft keiner, heißt es. Aber muss es dann gleich das Gegenteil sein? Der Mensch sei eine Maschine, die ihre Lebenswelt kollektiv erfinde, ist die These des Hirnforschers Wolfgang Prinz. Gehirne seien Maschinen, die von der Evolution so erzogen wurden, dass sie in Interaktion mit ihrer Umwelt bestimmte Leistungen erbringen. Diese Leistungen könnten zwar nicht allein aus der Struktur dieser Maschine erklärt werden, denn dazu müsse man ihre gesamte Geschichte in Betracht ziehen. Aber es gebe keinen Rest von Subjektivität, dies sei ein Überbleibsel aus der Tradition des deutschen Idealismus. Der Interviewte bevorzuge nüchterne Definitionen. Aber er weiß auch: es gibt für seine These "noch" keine harten Fakten. Ein klassisches Beispiel für Szientismus, den alleinigen Glauben an die Wissenschaft.

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