Die New York Times fragte ihre Leser, welche Missverständnisse sie am meisten frustierten. Die mit Abstand häufigste Eingabe beklagte die falsch verstandene Aussage: "Ist doch nur eine Theorie". Der Wissenschaftsjournalist Carl Zimmer nahm sich dieses Missverständnisses an und stellte im ersten Satz klar: „Theorien haben nichts mit Vermuten oder Rätselraten zu tun, sie sind die Kronjuwelen der Wissenschaft“.

„In der Wissenschaft wird ‚Theorie‘ nicht leichtfertig angewandt“, zitiert Zimmer den Zellbiologen Kenneth R. Miller. Miller zufolge ist „eine Theorie ein System von Erklärungen, das ein ganzes Bündel an Fakten zusammenbindet.“ Die Theorie erkläre nicht nur diese Fakten, sondern mache auch Voraussagen über andere Beobachtungen und Experimente.

Peter Godfrey-Smith, Autor des Buches „Theory and Reality: An Introduction to the Philosophy of Science“, habe sich Gedanken darüber gemacht, wie man das Missverständnis, das in der Aussagen „Ist nur eine Theorie“ lauert, vermeiden könne. Es sei hilfreich – so Godfrey-Smith – über Theorien wie über Landkarten zu denken, als Versuch, ein bestimmtes Territorium zu repräsentieren. Ähnlich repräsentiere eine Theorie ein Territorium der Wissenschaft. Anstelle von Flüssen, Hügeln und Städten seien die Gegenstände einer Theorie eben Fakten. Um die Qualität einer Landkarte zu beurteilen, müssten wir sehen, wie gut sie uns durch ihr Territorium führe. In ähnlicher Weise testeten Wissenschaftler neue Theorien an vorliegenden Befunden. So viele Karten sich als unzuverlässig herausgestellt hätten, so viele Theorien seien auch verworfen worden.

Andere Theorien hingegen seien zur Grundlage der modernen Naturwissenschaft geworden, wie die Evolutionstheorie, die allgemeine Relativitätstheorie, die Theorie der Plattentektonik, die Theorie des Heliozentrismus oder die Keimtheorie der Verursachung von Krankheiten.

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Zehn Jahre nach der Intelligent-Design-Niederlage durch den Kitzmiller-Prozess, reflektiert Nicholas J. Matzke (hat seinerzeit die Prozess-Argumente des Center for Science Education mit vorbereitet), wie sich die antievolutionistische Gesetzgebung in den 10 Jahren seit „Kitzmiller“ entwickelt hat. Visualisiert durch einen phylogenetischen Stammbaum arbeitet er den Abstammungszusammenhang der Strategien heraus.

Demnach habe sich die kreationistische Evolutionskritik in der Dekade seit Kitzmiller zweimal neu erfunden. Die erste Verkleidung war das Etikett der „akademischen Freiheit“ (Academic Freedom Acts, AFAs), aber nach dem Erfolg des Louisiana „science education act“ (SEA) wurden AFA-Anträge fast vollständig durch SEAs ersetzt. Deren Trick bestand in der zusätzlichen Aufnahme der globalen Erwärmung und des Menschenklonens, was die eigentlich religiöse Motivation und damit die Verfassungwidrigkeit verschleiert habe. Verfechter des naturwissenschaftlichen Unterrichts sollten sich nicht von der Vernebelungstaktik der SEAs einschüchtern lassen: Der kreationistische Ursprung der modernen antievolutionären Strategien sei nun klar belegt. (Der Link geht auf eine verkürzte deutsche Übersetzung des Science-Artikels)

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Alan Posener berichtet von seinem Besuch beim Jesuiten und päpstlichen Astronomen Guy Consolmagno, der für seine naturwissenschaftlichen Popularisierungen mit der Carl Sagan Medaille ausgezeichnet wurde. Das Gespräch dreht sich um die unterschiedlichen Zugänge zur Wirklichkeit, die durch Glaube und Wissenschaft möglich sind, und um Missverständnisse, die durch falsche Gottesbilder entstehen. So distanziert sich der Jesuit von Gott als Lückenbüßer und von Intelligent Design (ID). Posener ist dies nur recht, vermeint er doch dadurch sich erneut gegen Benedikt XVI. und Schönborn, die er als ID-Befürworter hinstellt, munitionieren zu können. Consolmagno antwortet darauf, dass Benedikt wohl missverstanden worden sei - ich möchte ergänzen: sicherlich auch durch Posener (siehe meine Besprechung unter www.forum-grenzfragen.de/aktuelles/171209-ist-der-papst-neo-kreationist.php). Schließlich kommt das Gespräch auf die Titelfrage zu sprechen: "Würden Sie einen Außerirdischen taufen?" Consolmagnos kluge Antwort: "Nur wenn sie darum bittet."

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Für Jerry A. Coyne, Atheist und Verfechter des Konfliktparadigmas, sprechen "Berge von Beweisen" für die Evolution, "nicht ein Beweis jedoch für die religiöse Alternative einer göttlichen Schöpfung". Entsprechend sei Franziskus' Akzeptanz der Evolution ein reines Lippenbekenntnis, und seine Rede trage immer noch Tönungen eines Kreationismus. Die offizielle Sicht des Vatikan sei nicht auf der Höhe moderner Wissenschaft, sondern eine Kombination von Evolutionstheorie und biblischem Spezialkreationismus, wie er sich in der Erschaffung der Seele und der angenommenen Historizität von Adam und Eva zeige. Ähnlich setze Franziskus für den Urknall Schöpfung voraus, wo wir doch alle wüssten, "dass das Universum durch rein physikalische Prozesse aus dem Nichts entstanden sein kann". Wenn Coyne dieses "Nichts" ausdrücklich mit dem "Quantenvakuum" gleichsetzt, müsste er eigentlich wissen, dass dies nichts mit dem philosophisch-theologischen "Nichts" zu tun hat, hier also gar keine Konfliktsituation entstehen kann. Auch die "Spekulation" Gottes mit Multiversums-Theorien auszuhebeln, ist nicht weniger spekulativ. Wenn Franziskus dann für die Evolution Schöpfung voraussetzt, wundert sich Coyne: "Man beachte, dass das Wort 'Schöpfung' ['creation'] immer noch vorkommt". Hat er ernsthaft erwartet, dass der Papst nicht mehr an Schöpfung glaubt? Im Folgenden räumt Coyne ein, dass überhaupt nicht klar wird, wie genau der Papst Schöpfung versteht. Dennoch weiß Coyne genau: "Es ist klar, dass ein wie auch immer gearteter Kreationismus immer noch wesentlicher Bestandteil von Franziskus' Sicht des Lebens ist". Bei derart unklarer Begriffslage ist der Schluss von 'creation' auf 'creationism' natürlich nicht mehr als ein Taschenspielertrick.

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Mit der Rede vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften habe Franziskus den Pseudotheorien des Kreationismus und des Intelligent Design (ID) endgültig eine Absage erteilt. Manche mutmaßten, Franzikus Vorgänger, Benedikt XVI., habe diese Pseudotheorien ermutigt. Zumindest im Blick auf den Kreationismus muss dem Autor hier deutlich widersprochen werden. Und Benedikts "offensichtliche Unterstützung" von ID ist so offensichtlich nicht, hat er doch Kard. Schönborns "finding design in nature" ausdrücklich ein gutes Stück weit zurückgenommen. Davon weiß der vorliegende Artikel offenbar nichts, sondern betont hier die Geistesverwandtschaft zwischen Benedikt und Schönborn. Franziskus trenne davon eine gewaltige theologische Kluft; er wird eher in Kontinuität mit Johannes Paul II. und Pius XII. gesehen, mit dem die Öffnung zu Evolution und Urknall begonnen hätte. Dass Pius XII. noch annahm, man könne aus der göttlichen Offenbarung durchaus Einwände gegen die Evolutionstheorie generieren, bleibt unerwähnt. Wissenschaftsphilosoph Giorello vermutet jedenfalls, Franziskus wolle den (vermeintlichen) Kontroversen die Emotionen nehmen. Dazu passt - zusammengefasst - Franziskus' Betonung der Vereinbarkeit von Urknall- und Evolutionstheorie mit einem Schöpfer, und die Vermeidung von Missverständnissen die Gott als "Magier mit Zauberstab" sähen - ein Zitat, das wohl die Runde machen wird, obgleich eigentlich nichts Neues gesagt wurde.

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Der Evolutionsbiologe David P. Barash richtet sich in diesem Artikel gegen Stephen Jay Goulds Prinzip der "nicht überschneidenden Bereiche" (nonoverlapping magisteria = NOMA) von Evolution und Religion. NOMA habe sich zwar im wissenschaftlichen Establishment weitgehend durchgesetzt, für Barash aber sind "diese Bereiche längst nicht so überschneidungsfrei, wie manche es sich wünschen". Im Gegenteil, der Fortschritt der evolutionären Wissenschaft gehe mit dem Rückschritt der Religion einher. Drei vernichtende Argumente macht Barash für das Rückzugsgefecht verantwortlich: 1. Das seit William Paley benutzte Argument aus der Komplexität sei seit Darwin hinfällig; 2. Die Sonderstellung des Menschen ("ganz der alte göttliche Vater") sei durch die natürliche Abstammung obsolet geworden; 3. Einsichten in die Evolution gäben keinen Indikator für einen guten Schöpfer her (Theodizeefrage). Wer also beide Bereich für vereinbar halte, komme ohne geistige Verrenkungen nicht aus. Soweit Barash.

Der Artikel erscheint dem Rezensenten im Blick auf die wirkliche Dialog- oder Konfliktlage unterkomplex. So ist 1. das Komplexitätsargument keine "Säule religiösen Glaubens" - allenfalls im modernen Kreationismus, wie Barash selbst schreibt. 2. Natürliche Abstammung und Sonderstellung schließen sich nicht notwendig aus, und 3. verschärft die Evolutionstheorie das Theodizeeproblem nicht, sondern sie entschärft es.

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Peter Hess würdigt den kürzlich verstorbenen Astronomen und Kosmologen William R. Stoeger SJ, der vehement die Annahme verworfen habe, als moderner Wissenschaftler könne man nur Atheist sein. Neben seinen astrophysikalischen Betätigungen habe Stoeger die Bedeutung zeitgenössischer Kosmologie für die Theologie stark gemacht. Kerngedanke dabei sei eine naturimmanente Gerichtetheit, die mit naturwissenschaftlichen Mitteln aus "der Emergenz physikalischer und biologischer Strukturen, von Komplexität, Leben und Geist" erkannt werden könne. Er grenze sich aber scharf vom "Intelligent Design" ab und sehe sich nicht veranlasst, teleologische Mechanismen oder eine "irreduzible Komplexität" anzunehmen. Für Stoeger seien die Naturgesetze eine der zentralen Weisen, durch die Gott im Universum wirke. Gott sei die Erstursache des Universums und der Schöpfer der Zweitursachen der Natur - derjenige, welcher "der Natur die kausale Fähigkeit zur biologischen Evolution des Lebens durch solche Prozesse wie Variation und natürliche Selektion" verleihe.

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Die Website aus dem Dunstkreis des Discovery Institutes (Intelligent Design Protagonist) bezweifelt die Robustheit der kosmologischen Neuentdeckungen. Statt auf einen signifikanten Effekt zu warten, hätte das Forscherteam in aller Eile publiziert, um den Wettlauf mit der Konkurrenz zu gewinnen. "Nichts in diesem Papier erweckt Vertrauen in die Ergebnisse, vielmehr unterstreicht es die Hybris, die im Herzen der großen Wissenschaft des 21. Jahrhunderts herrscht".

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Der Artikel beschreibt, wie die empirische Untermauerung der Urknalltheorie in der US-amerikanischen Kreationismus- und Intelligent-Design(ID)-Szene aufgenommen wurde. Während die Ablehnung der darwinschen Evolutionstheorie weitgehender Konsens ist, begegnet man der Urknallthese unterschiedlich. Der Wissenschaftshistoriker und -philosoph Bruce Gordon, Mitglied der ID-Hochburg Discovery Institute, würdigt die Entdeckungen zunächst als nobelpreisverdächtig. Aber auch wenn Alan Guth die "Inflation" eingeführt habe, um die Feinabstimmung des Universums ohne Rückgriff auf einen übernatürlichen Schöpfer erklären zu können, gelte nun: "Die kosmische Inflation macht selbst eine derartige Feinabstimmung erforderlich, dass sie ungewollt die Wahrscheinlichkeit der Schöpfung des Universums durch einen intelligenten Designer erhöht". Und auch ein oft mit der Inflation gekoppeltes Multiversum sei das Ergebnis von Feinabstimmung. Wie man sich auch drehe und wende: Es handle sich um Intelligent Design, und die theophoben Wissenschaftsmaterialisten hätten sich mit dieser Tatsache zu arrangieren. Die Neuentdeckungen seien darüber hinaus sogar mit einem Kreationismus verträglich, der eine junge Erde annimmt, es sei denn, man postuliere auch ein junges Universum.

Genau dies aber behauptet "Answers in Genesis" im Rückgriff auf ein wortwörtliches Bibelverständnis. Die durch die neuen Entdeckungen vermeintlich gestützten Voraussagen seien schließlich modellabhängig und sähen in einem anderen Modell ganz anders aus. Auch wenn die Messungen bestätigt würden, könnten andere physikalische Mechanismen im Spiel sein als kosmische Inflation.

Unabhängig von Stellung eines Gläubigen zum Alter des Universums, ist für den Physiker Bill Nettles die Entdeckung der Gravitationswellen ein Beweis dafür, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen wurde. Dass sich unser kreativer Geist derartige Modelle und Vorstellungen von Phänomenen machen kann, die Fingerabdrücke der frühen Schöpfung sind, zeichne unsere Sonderstellung gegenüber vormenschlichen Arten aus.

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Die texanische Schulbehörde könnte Materialien zulassen, die Kreationismus befördern und die Evolutionstheorie zurückweisen. Davor warnt die vorliegende Presseerklärung des National Center for Science Education und des Texas Freedom Network, dem durchaus auch religiöse Multiplikatoren angehören. Die zitierten Beispiele aus den Materialien machen die Türöffnerfunktion für den Kreationismus deutlich. Die Presseerklärung erinnert daran, dass es nach dem Doverurteil von 2005 verfassungswidrig ist, in öffentlichen Schulen Kreationismus und Intelligent Design zu unterrichten. (Die Materialien sind über einen Link zugänglich, erfordern zum Öffnen aber ein Passwort)

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