Die Idee, dass es keine nennenswerten genetischen Differenzen zwischen den Körperzellen gebe, war einst ein Credo der biomedizinischen Forschung. Anders als bisher vermutet, tragen Körperzellen des Menschen aber kein einheitliches Erbgut in sich, sondern bilden Mosaike. Die biologische Identität des Individuums muss aufgegeben werden. Befunde legen nahe, dass jede einzelne Nervenzelle im Großhirn mehr als 1.500 unterschiedliche Mutationen beherbergt. Wie viel Individuum ist der Mensch? Nicht nur solche philosophischen und anthropologischen Fragen stellen sich. Die neuen Erkenntnisse haben ganz handfeste Konsequenzen. Die Gene, die Eigenschaften und Krankheiten von Menschen steuern und die unser Verhalten leiten, könnten anders agieren als bislang angenommen. Man stehe analog dem großen Unbekannten der Astrophysik "vor der dunklen Materie der Genetik".

- al

Mit einer Milliarde Euro von der EU soll das Human Brain Project (HBP) ein komplettes menschliches Gehirn simulieren. Falls dies gelänge, könnten Theorien über die Funktionsweise des Gehirns getestet und bspw. medizinische Experimente durchgeführt wären, die am lebenden Menschen nicht durchführbar sind. Es verwundert kaum, dass derart optimistische Versprechungen zu einem offenen Brief an die EU-Kommission führten, den 600 renommierte Kritiker unterzeichnet haben. Ein Erfolg sei genauso wenig wie beim Vorläuferprojekt zu erwarten, wichtige Teilprojekte seien gestrichen worden und das derzeitige Wissen reiche für ein derart ambitioniertes Projekt nicht aus. Auch Methodenkritik wurde laut: Nicht der Bottom-up-Ansatz, der von der Zellebene aus das Ganze verstehen wolle, sei zielführend, sondern ein (psychologischer) Top-down-Ansatz, der das Gehirn vom Verhalten her zu verstehen suche. So hält ein Kritiker das HBP für ein "milliardenschweres Glücksspiel auf Basis falscher Annahmen".

- hhp

Der amerikanische Komplexitätsforscher Stuart Kauffman ist davon überzeugt, dass sich mit keinem Gesetz vorhersagen lässt, welchen Weg die Evolution beschreiten wird. Vielmehr findet er im Universum die Spur einer enormen, keinen Gesetzen unterworfenen Kreativität. In seinem neuesten Buch "Reinventing the Sacred" spricht er von Gott und dem Heiligen im Sinne eines kreativen Werdens des Universums jenseits der Naturgesetze. So anregend diese Ideen sind, so defizitär ist natürlich der Gottesbegriff, wenn auch Gott eine Folge des Urknalls sein soll.

- al

Die synthetische Biologie macht es möglich: in Laboren entstehen künstliche Gene. Wer weiß, eines Tages auch künstliches Leben? Für die Biologen erfüllte sich damit ein alter Traum. Bekommt Gott vom Menschen Konkurrenz? Was der Artikel nicht erwähnt: Im angelsächsischen Bereich gibt es bereits auch in der Theologie Ansätze, den Menschen als "geschaffenen Mit-Schöpfer" zu sehen. Wo er Recht hat: Es bleibt die Angst, dass der Mensch in seiner Hybris Dämonen weckt, die er nicht mehr zu zähmen vermag.

- al

Als Antwort auf Scott sichert Comfort zu, dass die Darwinausgabe, die in einer Auflage von 170000 Kopien (!) an Studenten verteilt wird, den gesamten Text des "Origin" enthalten werde. Immerhin. Das Folgende ist eine Sammlung von typischer Evolutionskritik, zusammen zu fassen unter "irreduzierbare Komplexität" und "Fehlen von Übergangsformen". In diesem Zusammenhang gerät auch der von Scott bemühte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse in die Kritik. Es sei gerade die Entdeckung von Ardipithecus gewesen, welche die bisherige "Annahme, wir hätten uns aus uralten schimpansenähnlichen Kreaturen entwickelt, als ganz und gar falsch" erwiesen habe. Da hat er Recht! Aber Scott hat gar nicht behauptet, dass der gemeinsame Vorfahr schimpansenähnlich war, nur, dass es einen solchen gegeben hat. Und Scotts Aussage, "mehr Fossilien werden mehr Details bringen", dreht Comfort strategisch um: "Sie haben die Fossilien also immer noch nicht!" Mal gespannt, was Genie morgen dazu sagt

- hhp

Christian Gapp versucht, die Argumentationsstrukturen der Gegner der Evolutionstheorie mit denen der Gegner der Speziellen Relativitätstheorie zu parallelisieren, um zu dem gemeinsamen Schluss zu kommen: "Es ist verschwendete Zeit, ihre Argumente rational entkräften zu wollen." Der Vergleich ist faszinierend - auf den ersten Blick. Aber der Abschnitt der "Kernargumente von Evolutionskritikern" wirkt seltsam künstlich; nirgends taucht das Standardargument der 'irreduziblen Komplexität' auf. Erst später erfährt der Leser, dass der Abschnitt durch leichte Änderungen aus einer Argumentation gegen die Spezielle Relativitätstheorie generiert wurde. Das erklärt die Künstlichkeit, aber auch die unzureichende Übertragbarkeit. Auf diese Weise wird man Evolutionskritiker sicher auch mit Argumenten der - leider ausgestorbenen - Vertreter der 'flachen-Erde-Theorie' vergleichen können. Das wird dem Niveau der Evolutionskritiker hierzulande nicht gerecht - sowenig ich deren Position teile!

- hhp

Darwins Theory ist weniger eine Anfrage an die Existenz Gottes als vielmehr eine Herausforderung für die Argumentation mit dem Lückenbüßergott. Darwin habe für die Biologie diegleiche Bedeutung wie Laplace für die Physik. Laplace bestritt nicht die Existenz Gottes, wohl aber schloss er die Lücken, die Newton noch als Gottesbeweis zuließ. So verhalte es sich auch mit Darwin: Evolution ist kein Argument gegen Gott, sie schließt aber die Erklärungslücke des komplexen Designs, eine Lücke, die viele als Gottesbeweis missbraucht haben

- hhp

Das Dollo'sche Gesetz der Irreversibilität der evolutionären Entwicklung hat nun auf molekularem Level eine Bestätigung erfahren. Neue Mutationen machten es der Evolution praktisch unmöglich, die Richtung umzukehren. "Sie brennen die Brücke nieder, welche die Evolution gerade überschritten hat", sagt der Autor des entsprechenden Nature-Artikels, die Biologe Joseph Thornton. Reversibilität sei nur bei äußerst einfachen Merkmalen (z. B. bei einer einzigen Mutation) denkbar. Werden neue Merkmale produziert mit verschiedenen wechselseitig sich beeinflussenden Mutationen, versperrt die Komplexität eine rückwärtige Evolution. Dieses sage nun Bedeutendes aus über den Kurs der evolutionären Geschichte. "Die natürliche Selektion kann eine Menge erreichen, aber in eingeschränkter Weise. Selbst harmlose, zufüllige Mutationen können ihren Pfad blockieren". Thornton weiter: "Die Evolution zu uns war nicht unausweichlich, sondern nur ein Wurf des evolutionären Würfels"

- hhp

Der Beitrag von Karl Giberson stellt sich der schwierigen Theodizeefrage, die angesichts der zahlreichen Übel und der Vorstellung eines gütigen und allmächtigen Gottes aufbricht. ID-Anhängern gibt Giberson zu bedenken, dass es "schwer vorstellbar ist, dass Gott absichtlich derart üble Dinge designe". In der ID-Rhetorik sind die beschworenen "irredzierbar komplexen" Systeme immer nützlich oder schön; bei Blickerweiterung führen solche komplexen Maschinen aber ebenso Schmerz und Tod herbei. Diese dürfe man nicht unterschiedslos Gott zuschreiben. Die Evolution zeige nun, dass der Natur kreative Kräfte eigen sind. Diese Kräfte schaffen sowohl wunderbare, wie auch schreckliche Dinge; sie stammen zwar von Gott, werden aber von der Natur ausgeübt. Gott schafft durch Zweitursachen! Der Autor setzt die Gabe der Kreativität in Analogie zur Gabe der menschlichen Freiheit: Beides könne - von Gott unbeabsichtigt - zu Übeln führen. Damit nimmt der Autor "Gott aus der Verantwortung"

- hhp