Göttliche Geistesblitze. Pfarrer und Priester als Erfinder und Entdecker von Eckart Roloff

Rezension von Dr. Andreas Losch

Vorneweg gesagt: es handelt sich bei diesem Buch nicht um ein wissenschaftliches Buch. Es begibt sich zwar auf „Spurensuche“, nämlich derjenigen Spuren, die die im Untertitel genannten Geistlichen als „Erfinder  und Entdecker“ hinterlassen haben, erzählt von den Befunden aber eher in lockerer Form eines „Hätten Sie gewusst“? Nun, vielleicht ja gerade für die Urlaubszeit eine passende Lektüre. Es soll hier rezensiert werden, weil es thematisch so gut passt. 

Der Titel des Buches – Gott im Titel verkauft sich wohl nicht schlecht – wird bald relativiert, insofern als das Neue, um das es im Buch geht,  meist nicht als Geistesblitz zustande kommt, sondern Jahre dauert (S. 2). Geistlichen wird vom Autor bei Geistesblitzen eine besondere Zuständigkeit nahegelegt (S. 4), was vielleicht ein bisschen gewollt erscheint. Wenn man bedenkt, wie religiös aufgeladen erfinderisches wie wissenschaftliches Tun im Anfang gewesen ist, liegt der Autor mit dieser Wortgleichung historisch allerdings nicht ganz falsch.

Geschichtliches Grundlagenwissen

Neben den Vorstellungen der Geistlichen und Ihrer Erfindungen und Entdeckungen – diese durchaus um historische Genauigkeit bemüht, aber stets auch mit der Frage der Verwertbarkeit des Materials beschäftigt (so etwa: hier ließe sich doch eine fesselnde Romanszene daraus machen) – widmen sich eigene Kapitel dem „religiösen Image der Technik“, Klöstern als „Keimzellen des Fortschrittes“ und der Beteiligung der Kirche(n) an den ersten Universitäten. Damit wird geschichtliches Grundlagenwissen vermittelt, das leider heutzutage abhanden zu kommen droht, besonders bei historisch weniger geschulten Menschen.

Ob jetzt wie in diesem Buch gerade Carl Sagan als Garant einer versöhnlichen Sicht von Wissenschaft und Religion dienen sollte, kann man im Gefolge der Kennermeinung Ian Barbours, der ihn als Propagandisten eines Konfliktes zwischen beiden einordnet, sicher in Frage stellen. Die Intention des Autors wird allerdings deutlich, nämlich den vermeintlichen Gegensatz von Theologie und Naturwissenschaft aufzulösen, und das ist sicher lobenswert.

Historische Fehler

Der Ton des „Hätten sie gedacht?“ wird freilich da problematisch, wo der Autor die klösterlichen und universitären Errungenschaften vor der Folie einer nicht gründlich recherchierten Mittelalterperspektive zur Geltung bringt. Kostprobe gefällig? „Der Glaube rangierte weit vor dem Wissen; das konnte noch gar nicht gesichert sein. So galt Jerusalem lange Zeit als Nabel der Erde, und die war eine platte Scheibe.“ (S. 31) Kolumbus ging dagegen „bereits von der Kugelform der Erde aus“ (S. 32). Dieser simple Gegensatz, der sicherlich einprägsam ist, nur nicht historisch (man denke z.B. an die Kugelgestalt des Reichsapfels), wird leider auch in diesem Buch weiter transportiert. Dabei wäre es sicherlich angemessener, sich zu fragen, ob nicht die Kirche in Europa lange Zeit schlicht so ziemlich der einzig mögliche gesellschaftliche Rahmen für Gelehrtheit und Wissenschaft war – und letztere sich auch als eigenständige soziale Größe erst im 19. Jahrhundert entwickelt hat. Ein wenig schimmert diese Erkenntnis S. 60 durch, wo die früheren Privilegien der Theologen beschrieben werden.

En Passant wird auch Luthers Äußerung zu Kopernikus in einer seiner Tischreden als Ausdruck der  Wissenschaftsdistanz des neuen Glaubens hochstilisiert (vgl. dazu Losch, Jenseits der Konflikte, S. 26). In solchen grundsätzlichen Fragen liegen erkennbar nicht die Stärken des Buches. Es findet sich so auch manches Halbwissen. Wenn S.80 vom geozentrisch orientierten „Irrglauben der Antike“ die Rede ist, scheint der Autor Aristarch von Samos nicht zu kennen. Weil der Autor in der Qualität seiner Quellen nicht genau differenziert, wird dann auch schon mal Brecht als Quelle der Auseinandersetzungen um Galilei benutzt (S.83). Das Eingeständnis Johannes Paul II. im Fall Galilei wird S. 106 als eben solches interpretiert, ohne die gleichzeitige Kritik des Papstes am Galilei-Mythos wahrzunehmen. Auch die Frage der Haltung der katholischen Kirche zu Darwin (warum eigentlich nicht der anglikanischen?) wird S. 264 recht kurz und einseitig abgehandelt.

Erfinder und Entdecker

Die Personen, um die es in dem Buch eigentlich geht, die Geistlichen als Erfinder und Entdecker, werden in den zentralen Kapiteln allerdings in der Regel sorgfältig bedacht. So entsteht beim Leser ein buntes Kaleidoskop an Eindrücken. Da erfährt man von der Erfindung des Schießpulvers und dass hier hinter dem Namen „Berthold Schwarz“ sicher ein Fragezeichen zu setzen ist. Die Beiträge von Geistlichen zur Mathematik werden kurz skizziert. Vom Pionier der Waschmaschinen ist ebenso die Rede wie von den Errungenschaften von Sebastian Kneipp und Gregor Mendel. Moderne Erfindungen wie die optische Telegrafie, Zeitlupe und Funk kommen genauso zur Sprache wie die Tüfteleien von Philipp Matthäus Hahn und den „elektrischen“ Theologen. Da ist schon einiges an interessantem Material zu finden.

Ein weiter Horizont

Ein abschließendes Kapitel betrachtet den Umgang der Kirchen mit den „Innovationen unserer Zeit“; in ihm wird immerhin deutlich, dass Technik an sich ambivalent ist, die spannenden bioethischen Fragen unserer Zeit werden aber nur ganz pauschal angeschnitten (Text zu einem Bild mit Kondomen: „Unerwünschte Technik“).

Damit wird in dem Buch ein weiter Horizont abgeschritten, der sicherlich mehrere eigenständige Abhandlungen rechtfertigen würde. Das Problem dieses Buches ist sicherlich, dass in ihm Quellen von sehr unterschiedlicher Qualität verarbeitet worden sind. Wer um diese Schwächen des Buches weiß, wird auf sicherlich angenehme und lockere Weise über die geistlichen Urheber von sehr unterschiedlichen Erfindungen informiert.  

Allerdings hätte sich der Rezensent mehr Grundlagenrecherche und Sorgfalt bei der Quellenauswahl gewünscht. Der verbreitete Irrglaube, im Mittelalter habe man sich eine Scheibenerde vorgestellt, wurde durch Washington Irvings Kolumbusroman verbreitet, der geschickt Fakt und Fiktion verwoben hat. Gerade auch in der Populärliteratur, wie sie das Buch von Roloff zweifelsohne darstellt, ist daher eine fundierte wissenschaftliche Grundlage wesentlich.

Die Sprache im Buch ist locker und einprägsam, einige Abbildungen lockern das Schriftbild noch weiter auf. Der Preis ist mit 14,90 € sicherlich als günstig zu bezeichnen.

 

337 Seiten, Wiley-VCH 2012    ISBN 978-3527-328642

Dr. Andreas Losch, Nizza im August 2012