Erstellt von hhp | | Deutsch | Einstein | Physik | Quantenphysik | Wissenschaftsgeschichte

Einstein würde sich die Haare raufen - zeit.de

Der Titel des Artikels spielt darauf an, dass sich Einstein nie mit der seltsamen Welt der Quanten abfinden wollte. Hier dachte Einstein klassisch: Objekte 'haben' Eigenschaften - egal, ob man sie misst ('Realität'), und diese Realität lässt sich 'lokal' beschreiben, da räumlich weit getrennte Objekte keinen Einfluss nehmen ('Lokalität'). Nun soll in der Quantenphysik alles anders sein: Objekte bekommen Eigenschaften erst durch Messungen zugeschrieben und nehmen dabei instantan Einfluss auf weit entfernte Objekte, haben eine 'spukhafte Fernwirkung', wie Einstein formulierte. Da dies mit der Alltagsphysik und gar dem Alltag so gar nicht vereinbar zu sein scheint, suchte man stets in "Schlupflöchern" nach Alternativtheorien "mit einem alltagstauglicheren Weltbild". Nun gebe es aber ein Experiment, mit dem Wissenschaftler "die Unausweichlichkeit der Quantenmechanik eindrucksvoll demonstriert haben". Sie hätten die beiden wichtigsten Schlupflöcher gleichzeitig geschlossen, was bisher nicht gelungen sei. Es blieben zwar noch minimale Lücken offen, neue "lokal-realistische" Entwicklungen seien davon aber nicht zu erwarten. Fachleute mögen urteilen, inwieweit das neue Experiment tatsächlich neu ist: Schon 2008 konnte der theoretische Physiker Jürgen Audretsch schreiben: "Es gibt keine lokal realistische Alternative zur Quantentheorie". Der kurze, aber lesenswerte Artikel verweist mit einem Link auf die frei verfügbare Originalpublikation in Nature. Indes scheinen die eingebetteten Videos, die das Unanschauliche anschaulich machen könnten, nicht zu funktionieren. - hhp

Erstellt von al | | Komplexität | Anthropologie | Deutsch | Hirnforschung | Evolution | Evolutionsmedizin

Im Kern überraschend

Die Idee, dass es keine nennenswerten genetischen Differenzen zwischen den Körperzellen gebe, war einst ein Credo der biomedizinischen Forschung. Anders als bisher vermutet, tragen Körperzellen des Menschen aber kein einheitliches Erbgut in sich, sondern bilden Mosaike. Die biologische Identität des Individuums muss aufgegeben werden. Befunde legen nahe, dass jede einzelne Nervenzelle im Großhirn mehr als 1.500 unterschiedliche Mutationen beherbergt. Wie viel Individuum ist der Mensch? Nicht nur solche philosophischen und anthropologischen Fragen stellen sich. Die neuen Erkenntnisse haben ganz handfeste Konsequenzen. Die Gene, die Eigenschaften und Krankheiten von Menschen steuern und die unser Verhalten leiten, könnten anders agieren als bislang angenommen. Man stehe analog dem großen Unbekannten der Astrophysik "vor der dunklen Materie der Genetik". - al

Erstellt von al | | Deutsch | Anthropologie | Astronomie

Außerirdische Leiden

Ein Flug zum Mars oder Mond wären ohne Weltraummedizin aussichtslos. Man mag Flugbahnen auf Jahre zentimetergenau im Voraus berechnen können, Menschen bringen die Unberechenbarkeit mit an Bord. In Experimenten auf der Erde und aus der Analyse zurückliegender Missionen haben die Ärzte einiges über die Anforderungen an solche Expeditionen herausgefunden. Bis zur Landung auf einem fernen Planeten gilt es, vier Phasen zu überstehen, die in dem Artikel geschildert werden. Die Menschen wollten immer die Grenzen sprengen und ihre Spielräume erweitern. Die Frage ist also nicht, ob so eine Mission Wirklichkeit wird, sondern nur, wann man das macht. - al

Erstellt von fv | | Deutsch | Physik | Wissenschaftstheorie

Die Intuition des Charles Townes

Welche Rolle hat die Intuition in der Wissenschaft? Anbei findet sich ein interessanter Blog-Beitrag, der an den Physiker Charles Townes erinnert und dessen Fähigkeit zur Intuition hervorhebt. Welche Rolle spielt die Intuition in der wissenschaftlichen Forschung? Wahrscheinlich muss man unterschiedliche Phasen wissenschaftlicher Forschung beschreiben: Es gibt Zeiten, an denen neue Gipfel gestürmt werden (die Paradigmenwechsel des Thomas Kuhn) und es gibt Zeiten, an denen die Mühen der Ebene unumgänglich sind und viele kleine Schritte gemacht werden müssen. Spannend sind natürlich die ersteren: Beneidenswert sind jene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihrer Intuition nachgehen und so Neues entdecken können! Wichtig scheint mir das Lob der Einfachheit zu sein: Oft verstecken sich auch unverstandene Anteile einer Theorie in hochkomplexen Rechnungen. Doch das sieht man erst, wenn jemand seiner Intuition folgte und eine einfache Antwort auf die gleiche Frage präsentieren kann. Die Phase der Intuitionen ist natürlich auch für das Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie oder Theologie sehr interessant! - fv

Erstellt von al | | Evolution | Anthropologie | Deutsch

Unser neuer Vetter vom Kap

Noch nie wurde ein so umfangreicher Fossilienschatz aus der Vorgeschichte des Menschen geborgen wie jener aus der Rising-Star-Höhle westlich der südafrikanischen Hauptstadt Johannesburg. Der dort gefundene Homo naledi verfügte zwar über recht menschliche Füße, hatte aber Hände eher wie ein Affe und ein Gehirn, das ungefähr so groß war wie eine Orange – er ist also ein ziemlich undefinierbares Zwischenwesen, das wohl nicht in die direkte Linie unserer Vorfahren passt, aber doch zur Familie gehört. Der Versuch, im Clan der Menschenartigen den Überblick zu behalten, wird damit immer anspruchsvoller. Die Einteilung in Gattungen, Familien, Ordnungen und Arten ist wie jede Systematik der Natur nur eine Abstraktion. Sie ist hilfreich und sinnvoll, um umfangreiche Sammlungen nach einem verbindlichen Schema zu ordnen. Letztlich aber ist sie ein gedankliches Hilfskonstrukt, das der unübersichtlichen Wirklichkeit nur bedingt entspricht. Das gilt insbesondere für den Begriff der "Art" oder der "Spezies", der zur Einteilung der Natur besonders beliebt ist. - al

Erstellt von hhp | | Anthropologie | Biologie | Soziobiologie | Deutsch

Geschlecht und Evolution: „Es wird versucht, alles gleichzumachen“ - Stuttgarter Zeitung

Das neue Buch des Evolutionsbiologen Axel Meyer wende sich gegen die Gender-Forschung und stelle dies als "Konflikt zwischen Natur- und Geisteswissenschaften" dar. Im vorliegenden Interview stellt Meyer den weitgehenden Einfluss der Gene auf die Geschlechterdifferenz heraus, und hier gehe es "um wissenschaftliche Evidenz ... nicht um Philosophie, nicht um Ideologie". Die Anfrage, selbst ideologisch, sprich "biologistisch" zu sein, weist Meyer von sich: Es sei durchaus nicht alles genetisch determiniert. Nur werde "mit ideologischem Impetus vollkommen übertrieben versucht, alles gleichzumachen". Nach den umstrittenen Äußerungen des Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera sorgt nun auch Meyers Beitrag für eine Wiederbelebung der alten "nature vs. nurture"-Debatte. - hhp

Erstellt von al | | Deutsch | Hirnforschung

Große Koalition des Mitgefühls

Häufig sind es nicht nüchterne Argumente, die dem eigenen Handeln die Richtschnur vorgeben, sondern eher intuitive Einsichten, die im Unbewussten reifen und sich zunächst eher als vages Gefühl äußern. Die Ratio liefert in solchen Fällen erst im Nachhinein jene Argumente, die den zuvor intuitiv getroffenen Entschluss rechtfertigen. Wer im Fernsehen eine anrührende Flüchtlingsreportage sieht, wer gemeinsam mit anderen im Fußballstadion jubelt oder angesichts einer Großkundgebung massenhafte Trauer verspürt, kann die Erfahrung einer "emotionalen Ansteckung" machen: Man wird dabei von den Emotionen seiner Mitmenschen auf eine Weise berührt, ja mitgerissen, die sich unserer Kontrolle entzieht und uns umso stärker ergreift. Seit den Tagen des Nationalsozialismus schlägt dem Erleben kollektiver Emotionen in Deutschland stets eine besondere Skepsis entgegen. Es scheint, als müssten wir uns erst wieder daran gewöhnen, dass kollektive Gefühle auch positiv besetzt sein können. Das Leid der Flüchtlinge, denen wir in diesen (und noch vielen kommenden) Tagen begegnen, stellt nicht nur eine Herausforderung für unser kollektives Gefühlsleben dar, sondern bietet zugleich die Möglichkeit einer echten Lernerfahrung: der Erkenntnis nämlich, dass aktives Mitgefühl anderen hilft und zugleich unsere eigene Gemütsverfassung zum Guten verändern kann. Was aus einem historischen Moment dann einen sehr persönlichen macht. - al