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Die Folgen der digitalen Transparenz - Spektrum der Wissenschaft

Der Philosoph und Kognitionswissenschaftler Daniel C. Dennet und der Medienwissenschaftler Deb Roy wagen einen interessanten Vergleich. Wie im Kambrium die zunehmende Transparenz der Meere zu einer Explosion der Arten und neuer Verhaltensstrategien führte, so wird die heute zunehmende Datentransparenz ebenfalls zu einer Explosion neuer Organisationen und neuer Verhaltensstrategien führen. Damals wie heute sind neue Flexibilitäts- und Schutzmechanismen gegen die drohende Transparenz überlebenswichtig. Die Autoren betonen dabei weniger die Privatsphäre der Individuen, vielmehr liegt ihnen an der Abschottung der Institutionen: "Trotz aller politischen Phrasen über die segensreichen Vorzüge der Transparenz herrscht in den Zentren der Macht weiterhin Geheimhaltung - und das aus gutem Grund". Und den guten Grund liefern natürlich die Naturwissenschaften: "Eine biologische Betrachtung macht deutlich, dass Transparenz nicht nur Vorteile hat". So können wir bei einer transparenten NSA o. ä. "nicht ausschließen, dass unsere Nachrichtendienste dauerhaft geschwächt werden und künftige Gefahren schlechter erkennen". Der letzte Satz beeilt sich dann aber doch mit der Forderung, dass man alles "dem Wohl des Individuums unterwirft", wobei dies nicht aus dem Kambrium abgeleitet zu sein scheint. Insgesamt fragt man sich, ob die Autoren den kambrischen Vergleich als amüsante Analogie, ob sie ihn deskriptiv oder gar normativ verstehen. Letzteres scheint sich als naturalistischer Fehlschluss an manchen Stellen Bahn zu brechen. - hhp

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Unsere Evolution geht weiter - Spektrum der Wissenschaft (Printausgabe)

Der Anthropologe John Hawks argumentiert gegen den Anschein, der Mensch habe sich durch Medizin und Technik dem Zugriff der natürlichen Selektion entzogen. Die menschliche Evolution führt ihre Arbeit fort, wie sie auch in der jüngsten Vergangenheit (Evolutionsbiologen meinen damit die letzten 30.000 Jahre) nicht untätig war. Seit der Mensch Nahrung kochte, wurden Zähne und Kiefer kleiner; wo Getreide angebaut wurde, enthielt der Speichel zunehmen Amylase zum Stärkeabbau, und bekannt ist die Entwicklung der Laktosetoleranz. Dabei lässt sich beobachten, dass die populäre Meinung, das bessere Gen setze sich letztendlich durch, nicht notwendig zutrifft. So konnte sich eine in Asien verbreitete Hämoglobinvariante in Afrika nicht durchsetzen, obwohl dies einen hohen Malariaschutz garantiert hätte. Dort hatte schon eine Variante mit geringerem Schutzniveau die Sterberate verringert und damit das Rennen entschieden, bevor Konkurrenten angetreten waren. Auch heute - so Hawks - geht die Evolution weiter. Genetische Großprojekte sollen dabei tiefere Einsichten in die aktuellen Evolutionsprozesse vermitteln. Trotz nie dagewesener globaler Mobilität und genetischer Vermischung prognostiziert Hawks jedoch keine zunehmende Homogenisierung, sondern Vielfalt: "Jeder zukünftige Mensch wird ein individuelles Mosaik aus unserer Evolutionsgeschichte sein". - hhp

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Vor Adam die Mikroben

Die Rekonstruktion einer frühen Lebensform auf dem Grund des Ozeans bringt die Forschung nach der Entwicklung des Lebens voran. Die aufgespürten sogenannten "Lokiarchaeota" machen deutlich, dass die Eukaryoten (zu denen auch wir gehören) aus den Archaea hervorgegangen sind. Das ist eine Revolution in der Forschung. [Der Artikel ist derzeit leider nur kostenpflichtig erhältlich.] - al

Erstellt von al | | Biologie | Deutsch | Evolution

Funde aus der Tiefsee erklären Puzzle des Lebens

Wissenschaftler haben in den Tiefen des Meeres ein Lebewesen aufgespürt, das ein völlig neues Licht auf die Entstehung höherer Lebensformen wirft. Der Fund stützt die Theorie, dass die Eukaryoten aus den Prokaryoten hervorgegangen sind und sich nicht eigenständig entwickelt haben. - al

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Frontalangriff auf die wissenschaftliche Methode - spektrum.de

Der Kosmologe und Mathematiker George Ellis und der Astronom Joe Silk sehen in neuen spekulativen Theorien einen Frontalangriff auf die mit Poppers Falsifikationsprinzip verbundene (natur-) wissenschaftliche Methode. Die Gefahr, experimentelle Überprüfbarkeit durch Eleganz zu ersetzen, liege bei Multiversums-, Viele-Welten- oder Stringtheorie nur allzu nahe. Wenn Theorien so variabel sind, dass sie sich mit jedem empirischen Befund vereinbaren ließen, seien sie nicht falsifizierbar und willkürlich. Die Kritik der Autoren hat aber offenbar auch einen strategischen Hintergrund: Man müsse bedenken, dass diese "Überprüfbarkeitsdebatte" die Tür für Politiker, Fundamentalisten und Pseudowissenschaftler öffne. (Der Artikel ist die Übersetzung eines Nature-Artikels, über den bereits die FAZ unter dem Titel "Physik am Scheideweg" am 07.01.15 nicht unkritisch berichtete; s. u.). - hhp

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Schattenspiele in der hellen Welt des Lichts

Wissen wir, was das Licht ist? Licht ist elektromagnetische Strahlung in einem bestimmten Spektralbereich. So kurz und bündig lautet die Definition des Lichts, das letztlich auf die ersten Überlegungen Newtons zurückgeht. Bekanntlich hat Goethe dieser Theorie eine andere entgegen gesetzt. Kürzlich ist dazu ein Buch erschienen, das die FAZ rezensiert hat. Der Autor, Olaf Müller, versucht in einer wissenschaftstheoretischen Sicht den Ansatz von Goethe in Teilen zu rehabilitieren. Ob das gelingt, darüber bleibt der Rezensent unentschieden. Philosophisch ist aber interessant: Wenn man der oben genannten Defintion folgt, so ist noch nicht alles über das Licht gesagt. Phänomenologische Untersuchungen können weitere Dimensionen aufstossen. Denn wir Menschen sind keine Roboter, die Wellenlängen messen, sondern leibliche Wesen mit bestimmten Weltzugängen. Dass uns das Licht maßgeblich die Welt erschließen hilft (so reden wir nicht zufällig von Aufklärung, vom Licht des Verstandes), ist nicht trivial. Auch in der Religion spielt das Licht eine große Rolle. Ostern feiern wir Christus als Licht der Welt. In diesem Sinne allen ein gesegnetes Osterfest! - fv

Erstellt von fv | | Bioethik | Deutsch

Kommt das bioethische Armageddon?

Der synthetisierte Mensch In einem aktuellen Grundsatzartikel berichtet Joachim Müller-Jung in der FAZ auf die erheblichen Fortschritte in der gezielten Behandlung von Zellen der menschlichen Keimbahn. Nun hat die FAZ immer schon eine eher sehr skeptische Haltung gegenüber den Biotechnologien zum Ausdruck gebracht, aber tatsächlich scheint es da neue Möglichkeiten zu geben, die selbst die Protagonisten der Forschung zum Nachdenken bringen. Neu ist, dass nun auch Länder beteiligt sind, die nicht zu den klassischen "westlichen" Forschungsnationen gehören. Wie aber wird man in China, in anderen Ländern mit den Möglichkeiten umgehen? Die Forderung nach einem Moratorium der Forschung wirkt da eher weltfremd. Dennoch wird sich die wissenschaftliche Zivilisation genau überlegen müssen, nach welchen Maßstäben sie das neue wissenschaftliche Wissen einsetzt. Sehr intensive bioethische Debatten kündigen sich an! - fv