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Verführte Physiker

Schönheit oder/und Wahrheit?

Zu schön, um wahr zu sein. So lautet eine Redensart. Gilt das auch für physikalische Theorien? In der FAZ ist ein lesenswertes Interview mit der Physikerin Sabine Hossenfelder abgedruckt. Frau Hossenfelder zweifelt sehr an der Tragweite bestimmter Kategorien, vor allem die der Symmetrie in der Physik. Symmetrien sind ohne Zweifel "elegant" und auch "schön", denn sie machen Ordnungen sehr offensichtlich. Doch möglicherweise sind Physikerinnen und Physiker auf dem Holzweg, wenn die das Kriterium der Symmetrie zu stark betonen. Symmetrische Lösungen können Hinweise auf Wahrheit geben, sie müssen es aber nicht. Frau Hossenfelder prangert vor allem an, dass die Tendenz existiert, Symmetrien aufgrund der Datenbefunde theoretisch zu konstruieren. Ihre Einwände sind gewichtig: Was ist die Bedeutung von theoretischen Ansätzen, die empirisch nicht umfassender sind als ihre Vorgänger, jedoch alles in Symmetrien darstellen können? In der Physik ist das herausragende Kriterium immer die Empirie, das ist unbestritten. Macht es darüber hinaus Sinn, symmetrische Lösungen unsymmetrischen vorzuziehen? Letztlich zielt die Diskussion auf die Kriterien für physikalische Fundamentaltheorien, eine offene Debatte!

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Erstellt von fv | |   Physik

Spuren einer neuen Kraft

Lange war es ruhig an der Front der physikalischen Grundlagenforschung. Das Higgs-Boson, das 2012 identifiziert wurde, war auch keine wirkliche Neuerung, eher eine Bestätigung alter theoretischer Vermutungen. Doch möglicherweise zeigt sich nun etwas wirklich Neues. Messungen am Large Hadron Collider in Genf geben erste Indizien, dass die Standardtheorie der Elementarteilchen möglicherweise nicht das letzte Wort ist. Es gibt Abweichungen in den Messungen, die andeuten, dass die schwache Wechselwirkung nicht auf alle Leptonen gleich groß ist. Der Artikel mutmasst, dass es Teilchen geben könnte, die irgendetwas zwischen Quarks und Leptonen darstellen. Das ist insofern spannend, weil so vielleicht sogar ein Ausweg aus einer Pattsituation möglich werden könnte, die die Grundlagenphysik ergriffen hat. (vgl. das Gespräch mit Harald Lesch  zur Krise der Physik: www.youtube.com/watch. Noch sind es viele Konjunktive - aber es zeigt: Die Grundlagenforschung der Physik bleibt spannend!

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Erstellt von fv | |   Deutsch

Kann man beweisen, dass Gott existiert?

Kann man Gott beweisen?

Vor kurzem gab es ein längeres Interview von Zeit online mit dem Theologen Dirk Evers zu der Frage, ob man Gott beweisen kann. Das Gespräch fand großes Interesse und ist vielfach kommentiert worden. Es zeigt gut, wie philosoophisch vielschichtig die doch scheinbar einfache Frage ist. Für mich ist das zentrale Problem, dass man die Ausgangsfrage nur dann präzise formulieren kann, wenn man sagen kann, was oder wer Gott ist. Die Frage: Kann man X beweisen? kann man nur dann beantworten, wenn man weiß, was X ist. Nun zeigen aber alle biblischen Texte deutlich, dass Gott offenkundig keine Entität ist, die Menschen so leichthin begreifen können. Also wird man ihn auch nicht beweisen können, wenn man ihn nicht hinreichend kennt. Der Beweis ist nur für die naheliegend, die genau zu wissen meinen, wer oder was Gott ist. Religiöse Menschen sind da vorsichtiger. Religiöse Sprache, und das Wort "Gott" gehört dazu, ist eine Erfahrungssprache, die auf Erfahrungen weist, die man eben nicht mehr so klar im Griff hat. Auf eine solche Sprache kann man aber nur der verzichten, der meint, alles klar im Griff zu haben. Die meisten stimmen darin überein, dass wir vieles nicht "im Griff" oder verstanden haben. Dann muss man auch über das reden können, was man nicht hinreichend verstanden hat. Für religiöse Menschen kann es deshalb Sinn machen, über Gott zu reden, auch wenn man ihn nicht beweisen kann!

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|   Anthropisches Prinzip

Wie der Jesuit Teilhard de Chardin den Glauben mit der Wissenschaft vereinen wollte - NZZ

In einem offiziellen Gesuch plädiert der Päpstliche Kulturrat für die Rehabilitierung des interdisziplinären Pioniers Pierre Teilhard de Chardin - Anlass für den systematischen Theologen Jan-Heiner Tück, in die Gedankenwelt Teilhards einzuführen. Da mit der positiv zu würdigenden Grundintention Teilhards, Glaube und Evolution zu versöhnen, tiefgreifende Veränderungen in Schöpfungs-, Gottes- und Christusverständnis einher gegangen seien, habe Teilhard von Anfang an bis über seinen Tod hinaus "Schwierigkeiten mit den kirchlichen Autoritäten" gehabt. Erst mit dem Zweiten Vaticanum seien "Rezeptionsblockaden" gefallen, und Papst Franziskus habe nun "positiv auf Teilhard de Chardin Bezug genommen". Der Autor begrüßt eine Rehabilitierung Teilhards, was eine "Selbstkorrektur des römischen Lehramtes" einschließe, aber auch bedeute, "die selektive Rezeption Teilhards in Esoterik und New Age, in Transhumanismus und Digitalismus kritisch unter die Lupe zu nehmen". Bei einer Rehabilitierung müsse allerdings "die methodische Unschärfe, aber auch die eigenwillige Begrifflichkeit Teilhards" vermieden werden, wenn man im aktuellen interdisziplinären Gespräch ernst genommen werden wolle.

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Erstellt von fv | |   Deutsch

Denn sie wissen nicht, wie sie es tun

Kann man künstliche Intelligenz kontrollieren?

 

Zunächst einmal scheint diese Frage leicht zu beantworten zu sein: Natürlich kann man künstliche Intelligenz kontrollieren und man muss es auch. Doch so einfach ist es nicht, jedenfalls nicht für die neuen Ansätze künstlicher Intelligenz, die durch selbstlernende Systeme entsteht. Das Problem ist, dass die Systeme so viele innere Freiheitsgrade aufweisen, dass nicht klar ist, wie genau die Systeme lernen. Der angehängte Artikel der FAZ macht das an einfachen Beispielen deutlich. Selbstlernende Systeme lernen durch sehr viele iterative Prozesse, so dass die jeweiligen Veränderungen in den Systemen nicht mehr im Einzelnen nachvollzogen werden können. Zu prüfen ist dann nur das äußere Verhalten. Das aber kann jetzt richtig und in einer neuen Situation plötzlich anders und dann falsch sein. So gibt es schon Versuche, selbstlernende Systeme wiederum durch neue mathematische Systeme zu analysieren: Warum tun sie, was sie tun? Wenn man bedenkt, wofür selbstlernende Systeme eingesetzt werden sollen (Verkehr, Übersetzung von Sprachen etcpp), dann ist deutlich, dass ein Verhalten, dass nicht ganz und gar verstanden ist, ein Problem darstellt. Es bleibt spannend, ob und wie diese Systeme künftig unsere Welt mit steuern werden...!

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Erstellt von al | |   Deutsch

Doktor Seltsam

Wundersame Heilungen wurden früher meist als Zufall abgetan. Immer wieder stehen Mediziner aber vor Menschen, die eigentlich an einer bestimmten Krankheit leiden sollten – von ihr aber auf unerklärliche Weise verschont werden. Pharmaforscher, Mediziner und Biowissenschaftler haben nun begonnen, eine neue Sicht zu entwickeln: Gerade die außergewöhnlichen, scheinbar zufälligen Glücksfälle können sich als ungeheuer wertvoll erweisen; in solch besonderen Menschen, ihren Genen oder Lebensumständen, liegt womöglich ein gewaltiger Erkenntnisschatz verborgen: Wissen für unmögliche Heilungen und überraschende Therapien für Leiden, vor denen die Medizin kapituliert hat. Wissenschaftler nennen diese rätselhafte Eigenschaft biologische Resilienz. Was aber ist ihr Geheimnis? Kriegen Wissenschaftler das heraus, haben sie ein fantastisches Wissen darüber erlangt, wie unheilbare und oft tödliche Erbleiden gelindert oder geheilt werden können. Denn es ist zu erwarten, so jedenfalls formuliert es der US-Genomexperte Dan McArthur, dass man "durch die Analyse solch resilienter Individuen deren schützende Faktoren identifizieren" könne. Diese Erkenntnis werde man nutzen, um jene zu behandeln, die nicht das Glück haben, als genetische Superhelden zur Welt gekommen zu sein. Auch wenn Medikamente, die sonst nicht helfen, bei einigen außergewöhnliche Wirkung zeigen, hat das immer einen Grund. Solche "exceptional responders" sind keineswegs nur Glückspilze und ihre Therapieerfolge nicht nur Zufall. Es dämmerte die Erkenntnis, dass auch jeder Krebspatient eine höchstpersönliche Krankheit hat und daher eine auf seinen Tumor zugeschnittene Therapie benötigt. Das Konzept ist heute in aller Munde, aber noch lange nicht verwirklicht – die individualisierte Medizin. Es fehlte bislang schlicht an dem genetischen Werkzeug, mit dem sich ein notwendiger Eingriff im Erbgut präzise hätte durchführen lassen. Seit wenigen Jahren gibt es endlich das gesuchte Werkzeug: eine hochpräzise Genschere. Mit dem als Crispr/Cas9 bekannt gewordenen genchirurgischen Verfahren haben die Therapeuten ein ultrafeines Skalpell, das den entsprechenden Eingriff erlaubt. Heikel sind derartige Versuche trotzdem. Niemand kann die veränderten Zellen zurückholen, sind sie erst in den Körper des Patienten zurückübertragen worden. Die Mediziner müssen absolut überzeugt sein, dass die Verfahren wirklich funktionieren und sicher sind.

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Erstellt von hhp | |   Anthropologie

Wir waren nie Darwinisten - Richard Dawkins Foundation

Der bekannte Biologiehistoriker Thomas Junker beklagt sich hier über "eine eigenartige neue Spezies: Darwinisten, die sich nicht für die Biologie interessieren". Viele dieser "Salon- oder Pseudo-"Darwinisten hätten die Evolution zur Religionskritik genutzt, parteipolitisch oder weltanschaulich missbraucht, aus der Biologie dann aber letztlich keine lebenspraktischen Konsequenzen gezogen. Im Gegenteil: Junker identifiziert unter den neuen "Darwinisten ohne Biologie" geradezu "Biologiehasser", die sofort Biologismus wittern, sobald es um menschliches Verhalten geht. Wenn es Junker demgegenüber um "biologische Grundlagen menschlichen Verhaltens" ('Grundlagen', nicht 'Determinanten') geht und um die Klärung, "ob es eine biologische Erklärung geben könnte und wie weit sie trägt", dann ist dem sicher zuzustimmen. Nur sollte man darüber hinaus nicht verkennen: Zwar neigen Biologiehasser zum Biologismusvorwurf, aber nicht hinter jedem Biologismusvorwurf steckt ein Biologiehasser!

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