Presseschau - englischsprachige Artikel

Die Presseschau bietet kurze aktuelle Lesehinweise , zusammengestellt und kommentiert von Silke Hartmann (sh),  Petra Kühn (pk), Heinz-Hermann Peitz (hhp) und Hildegard Peters (pts) von unserem Kooperationspartner Forum Grenzfragen, und von unseren Redakteuren Andreas Losch (al) und Frank Vogelsang (fv).

Erstellt von hhp | | Englisch | Evolution

The energy expansions of evolution - nature

Der interessante und frei verfügbare Nature-Artikel beschreibt die zunehmende Energienutzung der Evolution in 5 energetischen Epochen, die jeweils neue Energiequellen erschließen konnten: geochemische Energie, Sonnenlicht, Sauerstoff, Fleisch und Feuer. Das expandierende Energieangebot konnte den profitierenden Organismen Vielfalt und ein komplexer werdendes Ökosystem ermöglichen. - hhp

Erstellt von hhp | | Künstliche Intelligenz | Bioethik | Englisch | Hirnforschung

Vatican ponders power, limits of artificial intelligenz

Der Artikel berichtet von einer Konferenz der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften über "Möglichkeiten und Grenzen der Künstlichen Intelligenz". Wie immer, so waren auch dieses Jahr prominente Protagonisten der Szene eingeladen. Der französische Neurowissenschaftler Stanislas Dehaene referierte über die Frage "Was ist Bewusstsein, und könnten Maschinen es haben?" und hielt es für "sehr wichtig", die gesellschaftlichen Auswirkungen, vor allem für den Arbeitsmarkt, zu bedenken. Maschinen müssten außerdem ethische Kontrollen implantiert bekommen, damit sie moralische Gesetze respektierten. Der Direktor der KI-Forschung von Facebook, Yann LeCun, legte den Schwerpunkt auf die zunehmende maschinenunterstützte Kommunikation, die intelligente Maschinen voraussetze. Als Beispiel nannte er, dass bereits heute 1 Milliarde Fotos täglich auf Facebook hochgeladen und dort inhaltlich identifiziert würden, um den Nutzern ähnliche Bilder zeigen und Sehbehinderten Textbeschreibungen anbieten zu können. Für die Zukunft denkt LeCun an selbstfahrende Autos, Autos on demand via smartphone, größere Verkehrssicherheit, aber auch an medizinische Anwendungen. Letztere sind bei Demis Hassabis, Chef des KI-Unternehmens "Google Deep Mind", längst Praxis - wenn auch im vorliegenden Artikel unerwähnt. Statt dessen wird berichtet, für wie wichtig Hassabis die kirchliche Beteiligung zum gesellschaftlichen Wohl der KI-Forschung hält, und dass er mit der Einrichtung eines Ethikrates an die vorderste Front ethischen Denkens über KI-Anwendungen gelangen will. Der Artikel erwähnt nicht, dass Anfang 2016 Google Deep Mind die Zusammenarbeit mit der britischen Gesundheitsbehörde National Health Service (NHS) bekannt gab und Zugriff auf 1,6 Millionen Versichertendaten erhielt. Das öffentlich benannte Ziel war die Unterstützung von Nierenkranken. Ein dem New Scientist vorliegendes Dokument jedoch "enthüllte, dass die Zusammenarbeit des Technikgiganten mit dem NHS weit über die öffentlichen Ankündigungen hinausgeht". So seien ebenfalls Daten über Abtreibungen, Drogenabhängige und HIV-Positive zugänglich. (New Scientist vom 29.04.16) Wen wundert es, dass Kritiker auf den Plan getreten sind. Soll die im vorliegenden Artikel von allen KI-Protagonisten bekräftigte Offenheit für gesellschaftlich-ethische Belange kein reines Lippenbekenntnis bleiben, muss die Zusammensetzung und Wirkungsweise evtl. Ethikräte künftig wohl demokratischer, transparenter und glaubwürdiger sein. - hhp

Erstellt von fv | | Physik | Englisch | Wissenschaftstheorie

Must science be testable?

String-Theorie - Wissenschaft oder Pseudowissenschaft Der Autor dieses Artikels, der Philosoph Massimo Pigliucci, beschreibt eine recht lebendige Diskussion zwischen Physikern und Wissenschaftstheoretikern über den Status der String-Theorien. Der Streit geht von der Frage aus, ob man überhaupt zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft so klar unterscheiden kann. Ein einigermaßen klares Unterscheidungskriterium hat Karl Popper formuliert: Wissenschaftliche Theorien müssen falsifizierbar sein. Doch schnell ist diese Behauptung in den Streit einbezogen: Ist das Kriterium hinreichend? Ist es eindeutig genug? Pigliucci verteidigt die Position von Popper und ich finde das attraktiv und nachvollziehbar: Irgendwie muss man zwischen Wissenschaft udn Pseudowissenschaft unterscheiden können, um die Wissenschaft in ihrer Stärke zu erhalten. Doch wo ist die Grenze zu ziehen? Leider scheint der Autor am Ende des Beitrags zu stark auszuweichen und irenische Formeln anzubieten. Die Diskussion ist aber - aus guten Gründen - wohl noch lange nicht beendet! - fv

Erstellt von fv | | Englisch | Galileo Galilei

Opposition to Galileo was scientific

Die WISSENSCHAFTLICHE Debatte um Galileo Galileis Thesen Üblicherweise wird das Auftreten von Galileo Galilei als eine Widerspruch der Wissenschaft gegen die traditionelle Religion beschrieben. Der Autor des beiliegenden Artikels Christopher Graney deutet die Situation anders. Tatsächlich, so sagt er, war es ein innerwissenschaftlicher Konflikt! Denn die Position, die Galilei kritisiert, war ebenfalls wissenschaftlich begründet. Hierzu verweist er auf den frühen Astronomen Johann Georg Locher, der ebenfalls das Fernglas nutzte, jedoch Schlüsse aus den Beobachtungen zog, die auf das Ptolemäische System deuteten. Locher verteidigte das alte System mit einer systematischen Deutung der Beobachtungen. Galilei kannte die Veröffentlichung von Locher und hat sich auch kritisch auf ihn bezogen. Insofern ist der Disput zumindestens auch ein innerwissenschaftlicher Disput gewesen. Graney ist diese Feststellung wichtig, weil sie Heroen, die sich einsam gegen den Mainstream wenden, abwertet, auch Galileo war kein solcher Heros, sondern ein Wissenschaftler, der in innerwissenschaftliche Diskussionen verwickelt war. Eine interessante Perspektive, die den "Normalfall" wissenschaftlicher Forschung betont! - fv

Erstellt von hhp | | Englisch | Evolution | Gottesbild | Theodizee

The Uncontrolling Love of God

Paul Wallace, Autor des Buches "Unter uns die Sterne - Gott im evolvierenden Kosmos finden", erzählt in diesem biografischen Artikel, wie er seine Glaubenszweifel überwinden konnte, die er angesichts der vermeintlichen Unvereinbarkeit eines liebenden, vorsehenden Gottes mit der ineffizienten und Leid schaffenden Evolution empfand. Schlüssel für Wallaces Umdenken war ein Buch von Thomas Jay Oord, das ihm den Grund seiner Zweifel vor Augen führte: eine "falsche Sicht von Gottes Wirken in der Welt", das unter Gottes Vorsehung ein ständiges, korrigierendes Eingreifen in den Lauf der Welt verstand. Demgegenüber habe Oord die Evolution als 3 Milliarden Jahre dauerndes Drama göttlicher Liebe vorgestellt, in dem Gott "nicht wesentlich allmächtig, sondern wesentlich liebend und kreativ" gesehen wird. Insofern es in einer solchen Welt "keinen Hauch eines göttlichen Zwangs" gebe, könne Gott auch Tod und Leid nicht beenden. Diese Sicht würden manche wohl nicht befriedigen, vermutet Wallace. Für ihn selbst jedoch macht Evolution nun wieder "Sinn im Lichte göttlicher Liebe". - hhp

Erstellt von hhp | | Evolution | Englisch | Crispr | Darwin

From Fins Into Hands: Scientists Discover a Deep Evolutionary Link - The New York Times

Nach dem Motto "Was Darwin noch nicht wissen konnte" berichtet der Wissenschaftsjournalist Carl Zimmer von modernem Gene-Editing, durch das ferne Verwandtschaften durch anatomische Ähnlichkeiten aufgedeckt werden können. So habe sich Darwin zwar über den ähnlichen Aufbau von Menschenhand, Maulwurfsextremität, Delfinflosse, Fledermausflügel etc. wundern und auf gemeinsame Vorfahren schließen können, die evolutive Verwandtschaft von Menschenhand und Fischflosse jedoch konnte erst kürzlich durch Gentechnik (Crispr) belegt werden. So wurde herausgefunden, dass Fingerknochen und Flossenstrahlen auf der Ebene der Ursprungszellen Äquivalenzen aufweisen und die Entwicklung von Flossen und Gliedmaßen denselben Regeln folgt. Über die Erhellung stammesgeschichtlicher Verwandtschaftsbeziehungen hinaus versprechen sich die Forscher auch Einblicke in den Übergang unserer Vorfahren vom Wasser zum Land. - hhp

Erstellt von hhp | | Epigenetik | Englisch | Biologie | Wissenschaftsgeschichte

Epigenetics Has Become Dangerously Fashionable - nautil.us

Es ist nur auf den ersten Blick verwunderlich, dass in diesem Artikel zwei Kriminologie-Professoren vor dem neuen Epigenetik-Hype warnen. Sie beobachten mit Verwunderung, wie die Epigenetikwelle ihr eigenes Gebiet überschwemmt und anrät, einen Großteil der grundlegenden Verhaltensgenetik über Bord zu werfen, da die Epigenetik uns dazu zwänge, die Biologie neu zu denken. Enthusiasten erwarteten gar die Lösung großer Menschheitsprobleme wie Armut, Kriminalität und Fettleibigkeit - zum Erstaunen mancher Genetik-Experten. Die aufgeregte Rezeptionsbereitschaft bei den Sozialwissenschaften werde dabei v. a. durch das Schlagwort der "transgenerationellen Epigenetik" ausgelöst, der Annahme also, dass die Umwelt Gene beeinflusse und dies über Generationen weitergegeben werde. Den Grund für diese sozialwissenschaftliche Euphorie vermuten die Autoren weniger in der Wissenschaft als vielmehr darin, dass die Epigenetik vermeintlich den Sieg des "Sozialen" über das "Biologische" ausrufe. Die wirklichen Erkenntnisse dagegen rieten eher zur Vorsicht. In den Worten von Stephen Pinker deuten die Autoren auf ein Missverständnis: "Die intergenerationellen Effekte ... werden manchmal als Lamarckismus missverstanden, was sie aber nicht sind: Sie ändern nicht die DNA-Sequenz, werden nach ein oder zwei Generationen wieder aufgehoben und stehen ihrerseits unter Kontrolle der Gene". Obendrein seien die meisten dieser Effekte an Nagern mit hoher Reproduktionsrate nachgewiesen; eine Übertragung auf den Menschen basiere auf Vermutungen oder unzuverlässig kleinen Stichproben mit der Gefahr der Verwechslung von Ursachen. Keine der neuen Erkenntnisse ändere etwas an den reichen Einsichten der quantitativen Genetik und Vererbungsforschung. - hhp