Presseschau

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Die Presseschau bietet kurze aktuelle Lesehinweise , zusammengestellt und kommentiert von Silke Hartmann (sh),  Petra Kühn (pk), Heinz-Hermann Peitz (hhp) und Hildegard Peters (pts) von unserem Kooperationspartner Forum Grenzfragen, und von unseren Redakteuren Andreas Losch (al) und Frank Vogelsang (fv).

Erstellt von al | | Deutsch | Atheismus | Darwin | Dawkins | Evolution

Wo ist Gott?

Ein Gespräch mit Martin Nowak, Professor für Evolutionsbiologie in Harvard und gläubiger Katholik, über sein Vertrauen in Gott und in die Naturgesetze. Nowak sieht keinen Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und christlicher Weltanschauung. Die Argumente von Gegnern dieser Haltung seien nicht wissenschaftlich, sondern subjektive Weltanschauungen, selbst eine Art von atheistischer Religion. Sind die Interviewenden überzeugt, "tausende Naturwissenschaftler" hätten Wissenschaft als Befreiung von den Irrationalitäten des Glaubens erlebt, kontert Nowak: diese Wissenschaftler werden nicht von einem Glauben kuriert, sondern von einem Aberglauben. Viele Menschen dächten, sie müssen zwischen einer religiösen und einer wissenschaftlichen Weltanschauung wählen. Das stimme aber nicht. -- Ein hochinteressantes Interview, das allerdings sowohl bei Interviewern wie bei Nowak von einer intensiveren Auseinandersetzung mit der Geschichte des Verhältnisses von Religion und Wissenschaft weiter gewinnen würde. - al

Erstellt von hhp | | Atheismus | Englisch | Evolutionspsychologie | Soziobiologie | Umweltverantwortung

E. O. Wilson: Religious faith is dragging us down - New Scientist magazine, 24 January 2015, pp 28-29

„Es wäre das Beste, die Religionen auszulöschen“, meint E. O. Wilson, Pionier der Soziobiologie, im Anreißer des Artikels. Der martialisch anmutende Rat wird allerdings durch den Nachsatz, dass „die spirituelle Sehnsucht des Menschen“ von der Ausrottung auszunehmen sei, relativiert. Was Wilson damit meint, wird in dem Interview anlässlich seines neuesten Buches, „The Meaning of Human Existence“, deutlicher. Das Buch ist der zweite Teil einer Trilogie, welche die drei Hauptfragen von Religion und Philosophie beantworten will: Woher kommen wir, wer sind wir und wohin gehen wir? Das letzte Buch steht also noch aus, die Richtung deutet Wilson aber vor dem Hintergrund des globalen Artenschwundes an. Dass wir diese globale Bedrohung allen wissenschaftlichen Warnungen zum Trotz ignorieren, sieht Wilson gut soziobiologisch darin begründet, dass wir einem Denken in Stammesstrukturen - durch Religionen institutionalisiert - verhaftet sind. „Jeder Stamm, egal wie großzügig, freundlich, liebevoll und barmherzig er sein mag, schaut nichtsdestoweniger auf alle anderen von oben herab. Was uns runterzieht ist religiöser Glaube“. Wilson sieht dabei sehr wohl, dass die Menschen als Individuen und als Gattung einen starken religiösen, spirituellen Impuls teilen, der die Menschheit vereine. Aber: „Diese transzendente Suche ist von den Stammesreligionen gekapert worden“. Darum also rät Wilson, „dass es zum Wohle des menschlichen Fortschritts wohl das Beste wäre, religiösen Glauben bis zu seiner Auslöschung zu dezimieren, nicht aber die natürlichen Sehnsüchte unserer Spezies oder das Stellen dieser großen Fragen zu eliminieren“. Die Frage stellt sich jedoch, wie (wünschenswert und) aussichtsreich ein solches Wilsonsches Eliminationsprojekt ist. Als „natürliche Sehnsucht“ wird das „große Fragen“ nicht innerlich bleiben, sondern die Kommunikation suchen und sich Kommunikationsgemeinschaften, sprich: Religionen, schaffen. Wäre es nicht ein wünschenswertes Ziel, Religionen nicht abzuschaffen, sondern von fundamentalistischer (Stammes-)Konkurrenz zu globalem Dialog zu bewegen? Zum Schluss bleibt noch die allgemeine Frage, ob die Woher- und Wohin-Fragen, wie Wilson sie stellt, tatsächlich mit den Woher- und Wohin-Fragen der Religionen identisch sind. Wird hier nicht der Geltungsanspruch überzogen, wie dies der Soziobiologie wiederholt – nicht zuletzt von Wilson selbst – vorgeworfen wurde? - hhp

Erstellt von hhp | | Atheismus | Benedikt XVI. | Englisch | Evolution | Franziskus (Papst) | Gottesbild | Intelligent Design | Johannes Paul II. | Kosmologie | Kreationismus | Schöpfung | Vatikan | Wissenschaftsgeschichte

Stop Celebrating the Pope's Views on Evolution and the Big Bang. They Make No Sense. - newrepublic

Für Jerry A. Coyne, Atheist und Verfechter des Konfliktparadigmas, sprechen "Berge von Beweisen" für die Evolution, "nicht ein Beweis jedoch für die religiöse Alternative einer göttlichen Schöpfung". Entsprechend sei Franziskus' Akzeptanz der Evolution ein reines Lippenbekenntnis, und seine Rede trage immer noch Tönungen eines Kreationismus. Die offizielle Sicht des Vatikan sei nicht auf der Höhe moderner Wissenschaft, sondern eine Kombination von Evolutionstheorie und biblischem Spezialkreationismus, wie er sich in der Erschaffung der Seele und der angenommenen Historizität von Adam und Eva zeige. Ähnlich setze Franziskus für den Urknall Schöpfung voraus, wo wir doch alle wüssten, "dass das Universum durch rein physikalische Prozesse aus dem Nichts entstanden sein kann". Wenn Coyne dieses "Nichts" ausdrücklich mit dem "Quantenvakuum" gleichsetzt, müsste er eigentlich wissen, dass dies nichts mit dem philosophisch-theologischen "Nichts" zu tun hat, hier also gar keine Konfliktsituation entstehen kann. Auch die "Spekulation" Gottes mit Multiversums-Theorien auszuhebeln, ist nicht weniger spekulativ. Wenn Franziskus dann für die Evolution Schöpfung voraussetzt, wundert sich Coyne: "Man beachte, dass das Wort 'Schöpfung' ['creation'] immer noch vorkommt". Hat er ernsthaft erwartet, dass der Papst nicht mehr an Schöpfung glaubt? Im Folgenden räumt Coyne ein, dass überhaupt nicht klar wird, wie genau der Papst Schöpfung versteht. Dennoch weiß Coyne genau: "Es ist klar, dass ein wie auch immer gearteter Kreationismus immer noch wesentlicher Bestandteil von Franziskus' Sicht des Lebens ist". Bei derart unklarer Begriffslage ist der Schluss von 'creation' auf 'creationism' natürlich nicht mehr als ein Taschenspielertrick. - hhp