Presseschau

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Die Presseschau bietet kurze aktuelle Lesehinweise , zusammengestellt und kommentiert von Silke Hartmann (sh),  Petra Kühn (pk), Heinz-Hermann Peitz (hhp) und Hildegard Peters (pts) von unserem Kooperationspartner Forum Grenzfragen, und von unseren Redakteuren Andreas Losch (al) und Frank Vogelsang (fv).

Erstellt von fv | | Hirnforschung | Deutsch

Forschern gelingt "Telepathie" Experiment

Wie weit kann unser Denken öffentlich werden? Ein kürzlich in Frankreich und Indien durchgeführtes Experiment lässt weitgehende Möglichkeiten eines technischen Umgangs mit Gedanken erahnen. So ist es einer Forschergruppe gelungen, ein EEG (Elektroenzephalogramm) eines Gedankens in Indien aufzuzeichnen, es als Datensatz nach Frankreich zu schicken und über transkranielle Magnetstimulation wieder einem Probanden zuzuführen, so dass dieser den ursprünglichen Gedanken erkennen kann. Wie so oft, ist das zunächst nur ein bescheidener Anfang, es ging offenkundig nur um aus einem Wort bestehende Begrüßungsformeln, ob das auch je für komplexe GEdanken gilt (IRonie etc)? Wie ist das bei unterschiedlichem Wortschatz und Bildungsgrad? Doch zumindest zeigt das Experiment, dass Output und input technisch grundsätzlich beherrschbar sind! - fv

Erstellt von hhp | | Anthropologie | Englisch | Hirnforschung | Wissenschaftsgeschichte

Three Myths About the Brain - The New York Times

Anfang des 19. Jahrhunderts entfernte der Neurophysiologe Pierre Flourens sukzessive Hirngewebe bei verschiedenen Tieren, um zu dem Schluss zu gelangen, dass mentale Fähigkeiten nur einen kleinen Teil der Zerebrallappen benötigen. Das sei die Geburtsstunde des populären Mythos, dass der Mensch nur ca. 10% seines Gehirns nutze. Unbeeindruckt davon, dass heute die Neurowissenschaft diese Auffassung einmütig zurückweise, lebe der Mythos beharrlich weiter. Ein anderer derartiger Mythos stelle die Meinung dar, linke und rechte Hirnhälfte seien fundamental verschieden: Die linke Hälfte sei angeblich logisch und detailorientiert, wohingegen die rechte Hälfte der Sitz von Leidenschaft und Kreativität sei. Auch diese Karikatur stamme aus dem 19. Jahrhundert und dort gemachten Beobachtungen von Hirnschädigungen. Tatsache sei hingegen, dass die Gemeinsamkeiten beider Hälften größer sind als die Unterschiede, und besonders bei komplexen Aufgaben wie Kreativität und logische Wundertaten seien beide Hälften beteiligt. In den letzten Jahren habe sich ein neuer Mythos herauszubilden begonnen: Der Mythos der Spiegelneuronen. Bei Makaken hatte man entdeckt, dass Spiegelneuronen sowohl bei einer Aktivität als auch bei der Beobachtung dergleichen Aktivität anderer aktiviert wurden. Dies sei Grundlage für z. B. Sprache, Imitation und Empathie - auch beim Menschen. In der populären Kultur werde daraus die Behauptung, durch unsere Spiegelneuronen erlebten wir ein Fußballspiel, als ob wir auf dem Platz wären und jeden Schuss und Pass simulierten. Dagegen betonten aktuellere Theorien eher die Rolle der Spiegelneuronen bei der motorischen Kontrolle als beim Verstehen von Aktionen. "Ein wenig Mythenprävention heute mag uns vor großem neurowissenschaftlichem Unsinn morgen bewahren", rät der Artikel abschließend. - hhp

Erstellt von hhp | | Deutsch | Hirnforschung | Komplexität | Psychologie | Wissenschaftstheorie

Simulation eines Gehirns - Viel Geld für wenig Erkenntnis - faz online

Mit einer Milliarde Euro von der EU soll das Human Brain Project (HBP) ein komplettes menschliches Gehirn simulieren. Falls dies gelänge, könnten Theorien über die Funktionsweise des Gehirns getestet und bspw. medizinische Experimente durchgeführt wären, die am lebenden Menschen nicht durchführbar sind. Es verwundert kaum, dass derart optimistische Versprechungen zu einem offenen Brief an die EU-Kommission führten, den 600 renommierte Kritiker unterzeichnet haben. Ein Erfolg sei genauso wenig wie beim Vorläuferprojekt zu erwarten, wichtige Teilprojekte seien gestrichen worden und das derzeitige Wissen reiche für ein derart ambitioniertes Projekt nicht aus. Auch Methodenkritik wurde laut: Nicht der Bottom-up-Ansatz, der von der Zellebene aus das Ganze verstehen wolle, sei zielführend, sondern ein (psychologischer) Top-down-Ansatz, der das Gehirn vom Verhalten her zu verstehen suche. So hält ein Kritiker das HBP für ein "milliardenschweres Glücksspiel auf Basis falscher Annahmen". - hhp