Presseschau

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Die Presseschau bietet kurze aktuelle Lesehinweise , zusammengestellt und kommentiert von Silke Hartmann (sh),  Petra Kühn (pk), Heinz-Hermann Peitz (hhp) und Hildegard Peters (pts) von unserem Kooperationspartner Forum Grenzfragen, und von unseren Redakteuren Andreas Losch (al) und Frank Vogelsang (fv).

Erstellt von fv | | Deutsch | Anthropologie

Erstmals Gravuren von Neanderthalern entdeckt

Und sie waren doch Künstler! Neuere Untersuchungen an Funden, die man in Gibraltar gemacht hat, zeigen, dass aufwändiger hergestellte Steinzeichen in Höhlen auf die Produktion durch Neanderthaler verweisen. Denn sie sind etwa 38000 Jahre alt und sind damit vor der Zeit zu datieren, in der homo sapiens sapiens diese Gegend besiedelte. Damit wäre belegt, dass die Neanderthaler nicht nur über Werkzeuge verfügten, sondern auch rudimentäre Kunst vollbrachten. Kann man also auch auf eine Religiosität von Neanderthalern schließen!? Das alles bedeutet, dass die Sonderstellung des Menschen, des homo sapiens sapiens, wieder einmal schwieriger zu begründen sein wird. Das weist in eine ähnliche Richtung wie die anthropologische Forschung von Michael Tomasello und anderen! - fv

Erstellt von hhp | | Anthropologie | Englisch | Hirnforschung | Wissenschaftsgeschichte

Three Myths About the Brain - The New York Times

Anfang des 19. Jahrhunderts entfernte der Neurophysiologe Pierre Flourens sukzessive Hirngewebe bei verschiedenen Tieren, um zu dem Schluss zu gelangen, dass mentale Fähigkeiten nur einen kleinen Teil der Zerebrallappen benötigen. Das sei die Geburtsstunde des populären Mythos, dass der Mensch nur ca. 10% seines Gehirns nutze. Unbeeindruckt davon, dass heute die Neurowissenschaft diese Auffassung einmütig zurückweise, lebe der Mythos beharrlich weiter. Ein anderer derartiger Mythos stelle die Meinung dar, linke und rechte Hirnhälfte seien fundamental verschieden: Die linke Hälfte sei angeblich logisch und detailorientiert, wohingegen die rechte Hälfte der Sitz von Leidenschaft und Kreativität sei. Auch diese Karikatur stamme aus dem 19. Jahrhundert und dort gemachten Beobachtungen von Hirnschädigungen. Tatsache sei hingegen, dass die Gemeinsamkeiten beider Hälften größer sind als die Unterschiede, und besonders bei komplexen Aufgaben wie Kreativität und logische Wundertaten seien beide Hälften beteiligt. In den letzten Jahren habe sich ein neuer Mythos herauszubilden begonnen: Der Mythos der Spiegelneuronen. Bei Makaken hatte man entdeckt, dass Spiegelneuronen sowohl bei einer Aktivität als auch bei der Beobachtung dergleichen Aktivität anderer aktiviert wurden. Dies sei Grundlage für z. B. Sprache, Imitation und Empathie - auch beim Menschen. In der populären Kultur werde daraus die Behauptung, durch unsere Spiegelneuronen erlebten wir ein Fußballspiel, als ob wir auf dem Platz wären und jeden Schuss und Pass simulierten. Dagegen betonten aktuellere Theorien eher die Rolle der Spiegelneuronen bei der motorischen Kontrolle als beim Verstehen von Aktionen. "Ein wenig Mythenprävention heute mag uns vor großem neurowissenschaftlichem Unsinn morgen bewahren", rät der Artikel abschließend. - hhp

Erstellt von hhp | | Anthropologie | Atheismus | Deutsch | Evolutionismus | Evolutionspsychologie | Giordano-Bruno-Stiftung | Soziobiologie | Wissenschaftstheorie

Naturgeschichte des Glaubens - Wiener Zeitung Online

Der bekannte Wissenschaftstheoretiker Franz M. Wuketits beginnt den Artikel mit der Feststellung, dass der religiöse Glaube "zu den anthropologischen Universalien" gehört und der Mensch die Charakterisierung "Homo religiosus" zu Recht trägt. Warum nur - so fragt der evolultionsbiologisch interessiert Autor - kann sich ein derart zeit- und energieintensives Engagement behaupten? Mit dem Biologen Eckart Voland macht Wuketits deutlich, dass Religion in der Tat "mit adaptiven Vorteilen verbunden" ist, nämlich mit verbesserter Kontingenzbewältigung und größerer Gruppensolidarität. Der Autor (Mitglied der Giordano-Bruno-Stiftung) wird freilich nicht müde, darauf hinzuweisen, dass aus dem adaptiven Vorteil nicht etwa ein Wahrheitsanspruch folgt: "Daraus die 'Wahrheit' irgendeiner Religion oder gar einen 'Gottesbeweis' abzuleiten, wäre allerdings weit verfehlt". Mehr noch: Ein Jenseitsglaube weise den Menschen "als irrationales Wesen" aus. Macht aber nichts, denn "Illusionen können durchaus nützlich sein". Die Illusionsbehauptung lebt freilich von dem Trugschluss, dass eine diesseitige Erklärung eine transzendente Dimension ausschließt. Nur so kann Wuketits zu dem reduktionistischen Fazit kommen: "Wir sind nur von dieser Welt". - hhp