Glaubte man im Mittelalter, die Erde sei flach?

Leitartikel von Pablo de Felipe

Heutzutage betrachten die meisten Menschen die Annahme einer flachen Erde als ultimativen Nonsens und als wissenschaftliche „Ketzerei“. Anhänger einer flachen Erde genannt zu werden ist die schlimmste aller ‚wissenschaftlichen‘ Beleidigungen. Mehr als ein Jahrhundert wurde nun gerade dies einem ganzen Jahrtausend europäischer Geschichte vorgeworfen, welches als Bastion der christlichen Anhängerschaft des Glaubens an eine flache Erde angesehen wurde. In einem „finsteren Zeitalter“, so die Anklage, soll die Christenheit Wissen unterdrückt haben. Ist die Anklage aber begründet?

Bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert hat eine große Zahl von Historikern dieses angenommene Jahrtausend der Ignoranz (5. bis 15. Jh.), in der die wissenschaftlichen Kenntnisse soweit zurückgegangen sein sollen, dass man fast die Weisheit der alten Griechen ausradiert und den Globus verflacht hätte, als unwahr verurteilt.
Dieselben Historiker haben ebenso die Behauptung widerlegt, dass der Glaube an eine flache Erde vorherrschend war bis Kolumbus (oder Magellan oder Kopernikus oder irgendeine andere Figur des 16. Jahrhunderts) die Wahrheit einer runden Erde wiederherstellte.
Mit einer fehlerhaften Schau der Vergangenheit bewaffnet machen Internetkämpfer jedoch  kühne Behauptungen über das von dem finsteren christlichen Zeitalter hinterlassene ‚Loch‘ auf der einen Seite und den großartigen und stetigen Fortschritt der einmal von der Religion befreiten Wissenschaft auf der anderen Seite. Trotz der klaren Position der Forschung im 20. Jahrhundert zu dieser Frage sollten wir das Potenzial solcher Rhetorik nicht unterschätzen, historische‘ Rechtfertigungen für eine Konfliktdarstellung des Verhältnisses von Wissenschaft und Glauben zu liefern und für eine Agenda, welche die Religion aus der gegenwärtigen Gesellschaft entfernen möchte.

Die Erfindung der flachen Erde

Wissenschaftshistoriker, insbesondere solche, die sich auf die Geschichte des Verhältnisses von Wissenschaft und Religion konzentriert haben, konnten die „Konfliktthese“ widerlegen und als eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts entlarven, die aus den erhitzten Debatten über Darwin und die zunehmende Säkularisierung der Wissenschaft entstanden ist. Es sind die beiden Autoren John W. Draper und Andrew D. White, die immer wieder in diese künstliche Konstruktion eines Krieges zwischen Wissenschaft und Glauben involviert sind, der angebliche mittelalterliche Glaube an eine flache Erde wird von ihnen oft als Beweis dieses Konfliktes herbeizitiert.

Durch das ganze 20. Jahrhundert hindurch haben jedoch eine Reihe prominenter Gelehrter (wie Francis S. Betten im Jahre 1923 und andere glänzende Namen wie Lynn Thorndike, Samuel Eliot Morison, E.G.R. Taylor, C.S. Lewis und Edward Grant) der Behauptung widersprochen, dass die mittelalterliche Kultur von dem Glauben an eine flache Erde dominiert worden sei.

Dies kulminierte 1991 in dem Buch Inventing the Flat Earth (Fig. 2) von dem Mediävisten Jeffrey Burton Russell, der versuchte die historischen Wurzeln dieser heimtückischen Anklage aufzudecken, die er „Flachheitsfehler“ („flat error“) nannte und als die „fast universelle Annahme“ definierte, „dass gebildete mittelalterliche Menschen glaubten, die Erde sei flach“ (S. xiii). Russell identifizierte als Schuldige für diesen Flachheitsfehler den Schriftsteller Washington Irving (frühes 19. Jahrhundert), dessen erfundene Biographie von Kolumbus lange als historisch angesehen wurde, und dazu den belesenen akademischen Historiker Antoine-Jean Letronne, dessen gelehrter Essay über die kosmologischen Ansichten der Kirchenväter als letztgültig verstanden wurde.

Echte frühere Anhänger einer flachen Erde

Eine sorgfältige Untersuchung der frühen christlichen Literatur bringt tatsächlich einige Anhänger einer flachen Erde hervor. Man muss jedoch zwei Faktoren berücksichtigen. Erstens: Obwohl die Kugelgestalt der Erde bereits von Platon und Aristoteles im 4. Jahrhundert angenommen wurde, hielten während des römischen Reiches viele die Kugelgestalt für eine Erfindung der Philosophen. Trotz der Triumphe alexandrinischer hellenistischer Wissenschaft, die mit großer Genauigkeit den Umfang der Erde schon Jahrhunderte vor Christus kalkulierte, verneinten berühmte Schriftsteller wie der Epikureische Philosoph Lucretius (ca. 99- ca. 55 v.Chr.) die Kugelgestalt, und Plinius der Ältere (ca. 23-79 n.Chr.) und Plutarch (ca. 45-120 n.Chr.) skizzierten immerhin die Argumente und Einwände gegen eine Kugelgestalt, auch wenn sie selbst nicht Anhänger einer flachen Erde waren.

Dies weist darauf hin, dass noch vor der Geburt Christi die alte Wissenschaft in eine fundamentale Krise geraten war. Es war die Ära der Enzyklopädisten und Kommentatoren. Römische Autoren waren weniger an wissenschaftlicher Forschung und Innovation interessiert, sondern schon zufrieden, wenn sie Informationen und Zusammenfassungen vergangener griechischer wissenschaftlicher Errungenschaften sammelten. Darüber hinaus waren Neoplatonisten und Moralphilosophen mehr an menschlichen und religiösen Ideen als an dem natürlichen und physikalischen Bereich interessiert. Dieser Trend zur Spiritualität wiederum beeinflusste das entstehende Christentum.

Zweitens war die Zahl christlicher Anhänger einer flachen Erde ziemlich klein. Vielleicht noch wichtiger ist es, dass von einer seltenen Ausnahme abgesehen (Lactantius, ca. 250 – ca. 325 n.Chr., der die antiphilosophischen rhetorischen Strategien einiger skeptischer Intellektueller und mancher Christlichen Apologeten verfolgte) alle bekannten christlichen Anhänger einer flachen Erde mit einer bestimmten theologischen Schule und hermeneutischen Methode innerhalb der alten Christenheit identifiziert werden können: der Schule von Antiochia. Diese Stadt war ein wichtiges Zentrum der früheren Christenheit, in ihr gab es ein Patriarchat. Ihre bekannte theologische Schule reagierte gegen die allegorischen Exzesse der Schule von Alexandria (Zentrum eines anderen Patriarchates) und verteidigte eine wörtlichere, kontextuellere und historischere Lesart der Bibel. Leider brachte ihre von dieser wörtlichen Lesart der Bibel beeinflusste Kosmologie ein schachtelförmiges Universum mit einer flachen Erde hervor.

Der Sieg der Kugelgestalt in der spätantiken Kirche

Die finale Konfrontation zwischen den antiochenischen schachtelförmigen und den alexandrinischen kugelförmigen Kosmologien fand im 6. Jahrhundert statt. Auf der einen Seite haben wir die Christliche Topographie, eine weitschweifige Arbeit eines pensionierten Kaufmanns, traditionell unter dem Namen Cosmas Indicopleustes bekannt, der jedoch von manchen Gelehrten des 20. Jh. mit Constantin von Antiochia identifiziert worden ist. Der erbitterte Angriff auf die Kugelgestalt, den er in seiner Arbeit vollzieht, weist wahrscheinlich auf die schwindende Popularität seiner eigenen Flache-Erde-Kosmologie hin, und ebenso darauf, dass der Autor sich auf feindlichem Gebiet befand, nämlich in Alexandria. Während einer verbreiteten Annahme zufolge dort die Wissenschaft im Zusammenhang mit der Ermordung der Philosophin und Mathematikerin Hypatia durch einen christlichen Mob im Jahre 415 ausradiert wurde, blühte die Wissenschaft in Alexandria tatsächlich auch danach noch weiter. Auch heidnische Lehrer setzten ihre Aktivitäten in dieser Zeit fort. Tatsächlich wurden die Ideen von Cosmas durch niemand anderem als dem bekanntesten Intellektuellen der Zeit in Alexandria in Frage gestellt: John Philoponus (ca. 470- ca. 570 n.Chr.), der ebenfalls Christ war. In seinem Kommentar zu Genesis 1 (De Opificio Mundi) erwiderte Philoponus den Anhängern einer flachen Erde mit tiefem Sarkasmus.

Echos der Debatte sind uns in einem Buch des armenischen Wissenschaftlers Shirakatsi aus dem 7. Jahrhunderts erhalten geblieben, der ebenfalls Cosmas gegenüber kritisch eingestellt war. Zwei Jahrhunderte später las der Patriarch von Konstantinopel, Photius, Cosmas‘ Buch und schrieb eine vernichtende Kritik darüber in seiner Bibliotheca. Zu diesem Zeitpunkt waren die Antiochenischen Theologen bereits aus theologischen Gründen als Anhänger der Nestorianischen Häresie verurteilt wurden, was auch zu dem Niedergang ihrer Kosmologie beitrug.

Der einzige bekannte westliche, also lateinische Autor, der den Glauben an eine kugelförmige Erde attackierte, Lactantius, wurde wiederum von Augustin von Hippo gelesen. Augustinus versuchte Lactantius’ apologetisches Buch der Göttlichen Unterweisungen mit seinem bis heute berühmten Gottesstaat zu überwinden. Augustin blieb kritisch gegenüber der Vorstellung von Menschen auf der anderen Seite der Erde (den sog. Antipoden), enthielt sich aber jeglicher Kritik an der Kugelgestalt der Erde. Lactantius wurde in der folgenden Zeit nur noch selten gelesen.  Augustinus fortdauernde Kritik der Antipoden führte im Mittelalter zu einer lebendigen Debatte über die Möglichkeit der Existenz von Menschen südlich des Äquators (der von den alten römischen Geographen als unpassierbarer Feuerring verstanden wurde) oder auf anderen Landmassen, die durch gewaltige Ozeane getrennt seien (Fig. 4). Für Augustin und mittelalterliche Theologen legten solche Barrieren nahe, dass die Antipoden keine Nachkommen Adams sein könnten und ihre Existenz daher zu einem echten theologischen Problem führen würde.

Der mittelalterliche Erdball

Als die politische Einheit und Organisation der westlichen römischen Welt zerschlagen wurde, war der lateinische Westen für ein Jahrtausend von dem griechisch geprägten Ostreich getrennt. Während die Erkenntnisse der alten Philosophen und Wissenschaftler im Osten weiterhin vervielfältigt und gelesen und später den muslimischen Reichen übergeben wurden, ermattete der Westen in akademischer Hinsicht, weil sehr wenige Texte ins Lateinische übersetzt worden waren, wenige Menschen Griechisch sprachen, und der Nachrichtenverkehr im Mittelmeergebiet verloren ging. Manche haben deshalb angezweifelt, dass die Kugelgestalt der Erde zu dieser Zeit noch bekannt war - dies scheint mir jedoch eine überzogene Darstellung zu sein. Jedenfalls machte die mittelalterliche katholische Kirche niemals eine Erklärung hinsichtlich der Gestalt der Erde, und schon bei dem Mönch Bede (673-735 n.Chr.) finden wir in Nordengland wieder eine robuste Verteidigung der Kugelgestalt der Erde.

Sich dessen bewusst, was verloren gegangen war, versuchten mittelalterliche Intellektuelle als Erben einer ‚konservativen‘ Tradierung der spätantiken Kommentatoren das fehlende Wissen wiederherzustellen. Solch ein Zugang basierte weniger auf einer Missachtung ihrer eigenen Vergangenheit, denn mehr auf einer übermäßigen Verehrung der alten Leitsterne des Wissens, wie Plato und Aristoteles.

Die karolingische ‚Renaissance‘ im 8. Jh., die Gründung der Universitäten vom 11. Jh. an, die frenetische Aktivität der Übersetzer im 11. und 12. Jh., die folgende ‚Renaissance‘ im 12. Jh. und die profunden Debatten und manchmal stark kritischen Reaktionen gegenüber altem scholastischem Lernen vom 12. bis zum 14. Jh. zeigen alle ein klares Wissen von der Kugelgestalt der Erde und der alten Astronomie/Geographie, der von europäischen Gelehrten und religiösen Autoren dieser Zeit bereitwillig gefolgt wurde (Fig. 1 und 5).

Selbst sehr populäre Bücher wie Dantes Göttliche Komödie (frühes 14. Jh.) und die fiktionalen Reisen Jean de Mandevilles (spätes 14. Jh.), in den folgenden zwei Jahrhunderten die am meisten gelesenen mittelalterlichen Bücher, hielten eindeutig an der Kugelgestalt fest.

Die wirklichen Debatten und Sorgen bevor Kolumbus

Es war ein Fehler in der Interpretation des Mittelalters und insbesondere der Debatte über die Antipoden, welche tatsächlich in keiner Weise mit dem Glauben an eine flache Erde verbunden war, der Historiker und Gelehrte dazu verführte, das Vorliegende mißzuverstehen und zu folgern, dass mittelalterliche Menschen in Finsternis und Ignoranz lebten. Eine vielsagende Illustration dieses Versagens betrifft die berühmten „T-O Karten“ (Fig. 6, üblicherweise ist der Osten oben). Ihre Kreisform sollte keinesfalls eine scheibenförmige Erde präsentieren. Sie beabsichtigten jedoch, nur die für den Leser relevanten Teile zu identifizieren, also die drei bekannten Kontinente der Nördlichen Hemisphäre, innerhalb eines kreisförmigen ozeanischen Rahmens (in Anlehnung an Modelle, die auf die alte römische Periode zurückzugehen scheinen).

Tatsächlich ist es nicht schwierig, sie in den selben Büchern zu finden, in denen andere ‚zonale Karten‘ erscheinen, die eine Übersicht des ganzen Planeten bieten, mit den gefrorenen Polen oben und unten, dem feurigen Äquator in der Mitte, und zwei temperierten Zonen dazwischen (in manchen Fällen treten beide Karten nebeneinander auf, Fig. 7). Es gibt außerdem Beispiele beider Karten, die in einer zonalen Karte zusammengeführt sind, in welcher die T-O karte innerhalb der temperierten Zone der Nördlichen Hemisphäre innerhalb eines rechteckigen Rahmens enthalten ist (Fig. 8). Islamische Kartographie bildete die bewohnte Welt mit einem zirkulären ozeanischen Rahmen ab, der in manchen Fällen Linien beinhaltete, die klimatische Zonen bezeichneten (Fig. 9, Süden ist oben).

Die Kenntnis der Kugelgestalt war also die Voraussetzung von Kolumbus‘ Unternehmen (welche er aus mittelalterlichen Büchern lernte, die von kirchlichen Autoren wie Pierre d’Ailly geschrieben worden waren), nicht ihr Ergebnis. In den Debatten am spanischen Hof, die zu seiner berühmten ersten Atlantiküberquerung führten, stand er nicht fanatischen Klerikern gegenüber, die Anhänger einer flachen Erde waren. Sie waren stattdessen wegen der Distanz, der Schwierigkeit einer Rückkehr und Spekulationen über die Antipoden etc. besorgt. Ironischerweise benutzten sie die Kugelgestalt der Erde sogar als Argument gegen die Segelpläne des Kolumbus!

 

Der Aufstieg des Mythos der christlichen Annahme einer flachen Erde

J.B. Russells Identifizierung von Irving und Letronne als einzige Schuldige, die den Flachheitsfehler begangen hätten, wurde in den letzten 25 Jahren von vielen aufgenommen. Andere Historiker jedoch haben eine komplexere Ansicht vertreten, wie der Flachheitsfehler konstruiert worden ist.

Rudolf Simek und Reinhard Krüger haben auf die Bedeutung der Wiederentdeckung von Cosmas im Jahre 1706 hingewiesen, und mehr noch auf Montfaucons Vorwort in dessen Wiederveröffentlichung des Buches von Cosmas. Hier machte Montfaucon Fehler durch eine Generalisierung, indem er die frühen Christlichen Schriftsteller und Kirchenväter anklagte, den Ansichten von Cosmas über eine flache Erde gefolgt zu sein. Zusätzlich entdecktes Material weist auf die Existenz einer sogar noch komplexeren Vorgeschichte der Diskussion um den „Flachheitsfehler“ vor dem 19. Jahrhundert hin und damit ebenso auf die Vorgeschichte eines Konfliktmodells für Beziehungen zwischen Wissenschaft und Glauben. Tatsächlich studiere ich gerade detailliert die relevanten ideologischen Transformationen von der späten mittelalterlichen Periode bis zum 18. Jahrhundert.

Die Erfindung des ‚dunklen Zeitalters‘ durch Gelehrte der Renaissance ist damit tatsächlich eine komplexe Geschichte. Humanisten wollten das Studieren klassischer Autoren und von Originaltexten ohne die Vermittlung mittelalterlicher Gelehrte erneuern, weil die mittelalterliche Überlieferung in verschiedener Hinsicht fehlerhaft schien. Paradoxerweise hat die Renaissance, die oft als eine sehr progressive Periode angesehen wird, nicht nur viele frühere Errungenschaften im Dunkel verschwinden lassen, sondern war auch weniger progressiv als oft gedacht, weil sie vielmehr Höhepunkt des alten Projektes der Römischen und mittelalterlichen Kommentatoren war. Sie war eine Re-naissance, also eine immer noch rückwärtsblickende Bewegung, die Aristoteles und andere alte Gelehrte hoch hob. Um es noch komplexer und paradoxer darzustellen: die Reformation des frühen 16. Jahrhunderts und die folgende Konfrontation und Polarisierung gab europäischen Intellektuellen wesentlich weniger Freiheit, religiösen Autoritäten und überlieferten Ansichten zu widersprechen als es in der scholastischen Ära üblich war. Trotzdem bestärkten viele Protestanten in der späteren Diskussion das Vorurteil gegenüber dem Mittelalter, welches sie als Periode katholischer Unterdrückung ansahen. Gelehrte der Aufklärung wiederum hatten keine bessere Meinung und machten die ganze christliche Vergangenheit (von welcher Konfession auch immer) bis zu ihrer eigenen Zeit schlecht.

Irgendwann in diesem Zeitabschnitt der Aufklärung, insbesondere nach der Wiederentdeckung von Cosmas und der zunehmenden Kritik an der Christlichen Tradition, wurde der angebliche Glaube von mittelalterlichen Christen an eine flache Erde das ideale Thema, um alle Bitterkeit der Moderne gegenüber der Vergangenheit auszudrücken. Der Mythos, der damals erzeugt wurde, lebt immer noch weiter, wird unseren Kindern in der Schule gelehrt und endlos von den Massenmedien, Filmen, Romanen usw. wiederholt. Es ist ein zentrales Stück in dem größeren zeitgenössischen Mythos eines Konfliktes zwischen Wissenschaft und Glauben. Ein Mythos, der erstaunlicherweise nicht stirbt, trotz der Tatsache, dass im 15. Jahrhunderte tatsächlich niemand fürchtete, von dem Rand der Erde zu fallen.

Pablo de Felipe
Veröffentlicht im Januar 2017

(Übersetzung: Andreas Losch)

Editiert am 16.07.2017 und am 11.09.2017

We offer this article also in its original English version

Danksagung des Autors: Die Publikation wurde möglich durch die Unterstützung der Templeton World Charity Foundation, Inc. (www.templetonworldcharity.org). Die in der Veröffentlichung ausgedrückten Meinungen sind diejenigen des Autors allein und spiegeln nicht notwendig die Ansichten der Stiftung wider.
Pablo de Felipe ist gegenwärtig ein Doktorand an dem Department of Classics der University of Reading, wo er die historischen Ursprünge des hier beschriebenen Flachheitsfehlers erforscht. Das Faraday Institute for Science and Religion (faraday-institute.org, UK) unterstützt Pablo de Felipe in seinen Doktorstudien. Der Autor möchte Dr. Robert Keay für seine hilfreiche Durchsicht des Textes danken.

Pablo de Felipe erwarb einen PhD in Chemie (Molekularbiologie) an der Autonomen Universität von Madrid (Spanien). Er arbeitete als Research Fellow an der Universität von St. Andrews (UK), bevor er für die Universidad Autónoma de Madrid (Spanien, www.facultadseut.org) arbeitete. Seit April 2016 ist er Lecturer in Science and Faith an der SEUT School of Theology, einer evangelischen Institution in Madrid (Spain) wo er auch das das Centro de Ciencia y Fe (Zentrum für Wissenschaft & Glauben, www.cienciayfe.es) koordiniert, welches zur Fundacion Federico Fliedner gehört (www.fliedner.es, Spanien).


Der Flachheitsfehler wurde kürzlich in zwei knappen Kapiteln von Kompendien ähnlicher populärer Mythen angeprangert: Louise M. Bishop, ‘The Myth of the Flat Earth’. In: Stephen J. Harris and Bryon L. Grigsby (Hg.). Misconceptions About the Middle Ages (New York and London: Routledge, 2008), 97-101. Lesley B. Cormack, ‘Myth 3: That Medieval Christians Taught that the Earth was Flat’. In: Ronald L. Numbers (Hg). Galileo Goes to Jail and Other Myths About Science and Religion (Cambridge, MA and London: Harvard University Press, 2009), 28-34.

Für eine Diskussion der alten und mittelalterlichen Debatten über die flache Erde und die Antipoden, siehe Pablo de Felipe und Robert D. Keay, ’Science and Faith Issues in Ancient and Medieval Christianity’, parts 1, 2 and 3. BioLogos Blog, December 2nd, 3rd and 4th, 2013, available at: biologos.org/blogs/archive/series/science-and-faith-issues-in-ancient-and-medieval-christianity.

Für eine Einführung in mittelalterliche Karten siehe Evelyn Edson, Mapping Time and Space: how medieval mapmakers viewed their world (London: British Library, 1997).

Für den Mythos eines Konfliktes zwischen Wissenschaft und Glauben, siehe Peter Harrison, ‘Der Mythos eines ständigen Kampfes zwischen Wissenschaft und Religion’ hier auf Dialog Theologie & Naturwissenschaften, 2016.

Bildnachweis
Fig. 1
Bild aus Sacrobosco’s On the Sphere of the World (13. Jh., Druck von 1550), welches die Kugelgestalt der Erde illustriert (c) Wikimedia commons
Fig. 2 Buchcover von Jeffrey Burton Russell, Inventing the Flat Earth (1991)
Fig. 3 Cosmas Indicopleustes' Kosmologie aus der Christlichen Topographie (ca. 550 n.Chr., Kopie aus dem 11. Jh.) (c) Wikimedia commons
Fig. 4 Die vier Landmassen in der Vorstellung der hellenisitschen Kosmologie (c) Wikimedia commons
Fig. 5 Bild aus Gossuin de Metz’s L’Image du Monde (13.Jh., Kopie des 14. Jh.), welches die Kugelgestalt der Erde illustriert (c) Wikimedia commons
Fig. 6 Typisches Beispiel einer T-O Karte aus Isidore’s Etymologien (7.Jh., Kopie des 12.Jh.) (c) Wikimedia commons
Fig. 7 Beispiel einer T-O Karte, Seite an Seite mit einer Zonenkarte, aus Giacomo Forestis Novissime hystoriarum omnium repercussiones (1483; erste illustrierte Ausgabe, 1486; das Bild ist aus der Ausgabe von 1503, es schient in früheren Ausgaben nicht vorzukommen, wenigstens nicht bis 1492) (c) Wikimedia commons
Fig. 8 Bild einer zonalen Karte, die eine T-O Karte in der Nördlichen temperierten Zone enthält, aus der Arnstein Bibel (12. Jh.) (c) British Library
Fig. 9 Weltkarte in einem Exemplar von Al-Idrisis Abhandlung (1154, Kopie von 1553) (c) Wikimedia commons

Mythos und Wirklichkeit des mittelalterlichen Glaubens an eine flache Erde

Haben Sie schonmal von der Annahme einer flachen Erde gehört?

Pablo de Felipe schildert in seinem Leitartikel Mythos und Wirklichkeit des mittelalterlichen Glaubens an eine flache Erde. Haben Sie davon schon einmal gehört? Konnte seine Argumentation sie überzeugen? Stimmen Sie ihm zu, wenn er darin eine unrechtmässige Beschuldigung der Christenheit sieht?

Kommentare (2)

  • AlphaEtOmega
    AlphaEtOmega
    am 15.01.2019
    Es bebt vor Ihm alle Welt! Der Erdkreis steht fest und wankt nicht. Der Herr regiert als König. Der Erdkreis steht fest und wird nicht wanken. 1. Chronik 16:30, Psalm 93:1
    (Ein Kreis ist keine Kugel. Das Wort Ball oder Kugel wäre der Schrift bekannt und diese würde den Kreis auch so benennen. In aller Logik ist ein flacher Erdkreis der fest steht damit gemeint)

    Er hat der Sonne am Himmel ein Zelt (wie eine Halbkugel) gemacht. Und sie geht hervor wie ein Bräutigam aus seiner Kammer und freut sich wie ein Held, die Bahn zu durchlaufen. Sie geht an einem Ende des Himmels auf und läuft um bis ans andere Ende. Psalm 19:5
    (Die Sonne umkreist also den festen, flachen Erdkreis – und nicht die Erde die Sonne)

    Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und die Ausdehnung verkündet das Werk Seiner Hände. Lobt Ihn, Sonne und Mond, lobt Ihn, alle leuchtenden Sterne! Lobt Ihn ihr Himmel der Himmel, und ihr Wasser oben am Himmel. Psalm 19:2
    (Hat eine Kugel „Wasser oben am Himmel“?)

    Nach der rev. Elberfelder:
    Lobt Ihn ihr Himmel der Himmel, und ihr Wasser, die ihr oberhalb der Himmel (nicht oberhalb einer konkaven oder konvexen Kugel) seid. Psalm 148:4

    Nach der rev. Elberfelder:
    Und Gott nannte die Wölbung (hebräisch Schale - nicht Kugel) Himmel. 1. Mose 1:8

    Nach der rev. Elberfelder:
    Es sollen Lichter (Sterne) an der Wölbung (hebräisch Schale, Kuppel - nicht Kugel) werden, um zu scheiden zwischen Tag und Nacht. 1. Mose 1:14

    Nach der rev. Elberfelder:
    Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Himmelsgewölbe (hebräisch Schale - nicht Kugel) verkündet Seiner Hände Werk.Psalm 19:1

    Nach der rev. Elberfelder:
    Du, der in Licht sich hüllt wie in ein Gewand, der die Himmel ausspannt gleich einer Zeltdecke (nicht Kugel) der seine Obergemächer errichtet in den Wassern. Psalm 104:2-3
    Er hat die Erde gegründet auf (nicht in) ihre Grundfesten. Psalm 104:5
    Ich habe die Säulen (nicht Kugel - sondern Erdkreisfläche AUF Säulen) Fläche festgestellt. Psalm 75:4

    Da sah man die Gründe des Meeres, und die Grundfesten des Erdkreises wurden aufgedeckt. Er ist es, der über dem Kreis der Erde(!) (also über der FLACHEN Erde und nicht in einer konkaven und nicht oben an einer konvexen Kugel) thront, der den Himmel ausbreitet wie einen Schleier (nicht Kugel) und ihn ausspannt wie ein Zelt (Halbkugel) zum Wohnen.
    2. Samuel 22:16, Jesaja 40:22

    Nach der rev. Elberfelder:
    Er ist es, der da thront über dem Kreis der Erde, dass ihre Bewohner wie Heuschrecken erscheinen, der die Himmel ausspannt und wie einen Schleier und ihn ausbreitet wie ein Zelt (nicht Kugel!) zum Wohnen.
    Jesaja 40:22

    Und ich erhob wiederum meine Augen in den Himmel und sah ein hohes Dach und sieben Wasserstürze ergossen in einen Hof viel Wasser. Hennoch 89:2 (Nochmal: Wasser in oder über einer Kugel?)

    Und oberhalb (nicht innerhalb bei einer konkaven Kugelwelt) der Himmelsausdehnung die über ihren Häuptern war, war das Gebilde eines Thrones. Oben auf dem Gebilde des Thrones aber sass eine Gestalt, anzusehen wie ein Mensch. Hesekiel 1:26

    Denn die Grundfesten der Erde gehören dem Herrn, und Er hat den Erdkreis auf sie gestellt.
    1. Samuel 2:8 (Nicht in (konkav) und nicht auf die Kugel; (konvex) sondern AUF die Grundfesten)
    Er stört die Erde auf von ihrem Ort, so dass ihre Säulen (in der oder unter der Kugel?) erzittern. Wo warst du, als ich den (flachen) Grund der Erde legte? Wer hat ihre Masse bestimmt? Oder wer hat die Messschnur über sie ausgespannt? Worin wurden ihre Grundpfeiler (für eine Kugel?) eingesenkt? Hiob 9:6, 38:4
    Worauf stehen ihre Füsse (der Erde) und wer hat den ECKSTEIN gelegt? Hast du der Morgenröte gezeigt, dass sie die Ecken der Erde fasse und die gottlosen herausgechüttelt werden. Hiob 38:4

    Als Er den Himmel gründete, war ich dabei; als Er einen Kreis abmass (nicht Kugel) auf der Oberfläche der Meerestiefe, als Er die Wolken droben befestigte und Festigkeit gab den Quellen der Meerestiefe, als Er dem Meer seine Schranken (ewiges Eis der Rundum-Arktis, nicht Südpol) setzte, damit das Wasser Seinen Befehl nicht überschreite. Sprüche 8:27
    Gott hat die Erde an die Meere gegründet und an den Wassern (Ströme der grossen Tiefe) bereitet. Psalm 24:2
    Kanäle sind mit dem Wasser der GROSSEN TIEFE verbunden. Die Quelle der Flüsse und Seen werden vond er grossen Tiefe gespeist und nichtz etwa von Regen. Dies haben die Weisen schon immer gewusst.
    Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, da sie her fließen, fließen sie wieder hin. Prediger 1:7

    Ich will zum Norden sagen; Gib heraus! Und zum Süden: Halte nicht zurück! Bringe meine Söhne aus der Ferne herbei und meine Töchter vom Ende (Kugeln haben normalerweise kein Ende; Nur Flächen) der Welt. Jesaja 43:6

    Und danach sah ich vier Engel an den vier Enden der Erde stehen. Und er (Satan) wird ausgehen, um die Heidenvölker zu verführen, die an den vier Enden der Erde (Kugeln haben normalerweise kein Ende; Nur Flächen) leben. Offenbarung 7:1, 20:8
  • Lutz Schnelle
    Lutz Schnelle
    am 28.04.2019
    Das Postulat einer "flachen Erde" ist schon rätselhaft. Im Mittelalter nannten wir die Fläche "Weltscheibe" und daran haben wir geglaubt.

    Diese Bild stammt aus dem 16. Jhd. und steht für das Ende des Weltscheibenglaubens:

    https://i.pinimg.com/originals/bd/5c/2e/bd5c2e4da748641b77e703a1a58d5ce1.jpg

    Hier steht Archimedes auf der Weltscheibe. Die Kugel ist zusammengeschrumpft zur Fläche.
    Interessant an dem Bild ist, daß die astrologischen Elemente (Sternzeichen) noch da sind, aber es sind Relikte der stillstehenden Kugelerde (geozentrisch).

    https://c8.alamy.com/compde/kj1jef/griechische-abbildung-mit-der-darstellung-der-vier-elemente-erde-luft-wasser-und-feuer-durch-die-kuppel-der-fixsterne-umgeben-auch-dargestellt-ist-thale-konzept-der-flachen-erde-auf-dem-wasser-schwimmend-die-zentrale-figur-im-bild-archimedes-darstellt-vom-16-kj1jef.jpg

    Der "Reichsapfel" wird von vielen Autoren auch als Beweis eines antiken Glaubens an die Kugelerde herangezogen, aber der hat damit nichts zu tun, sondern ist das Symbol des Universums mit dem Thron Gottes darauf.

    Das Bild der Hildegard von Bingen gilt auch als Beweis für den Kugelglauben, aber das ist Aberglaube. Im Mittelalter ist der Schöpfungsmythos oft als Kreis mit Pflanzenbewuchs dargestellt worden.

    https://hildegard.center/wp-content/uploads/2015/01/DSC09872.jpg

    Mein Lieblingskönig, Otto der Große, hält die Weltscheibe in der Hand. Die Statue steht im Magdeburger Dom.

    https://bilder4.n-tv.de/img/incoming/origs662255/9732732015-w1000-h960/magdeburg2.jpg

    Die Kugelerde ist im Mittelalter ganz einfach vergessen worden. Sowas soll passieren.

    Aber ich möchte noch die Formel zur Berechnung der Erdkrümmung einfügen, um den Irrwitz der Kugelerde deutlicher zu machen.

    h = 6371,22 - √ ( 6371,22² - (sin ( km * 360 / 40031.56 ) * 6371,22 )² )

    Zum Überprüfen der Formel gebe man den Erdradius: 40031.56 / 4 (Viertelkreis) ein und sollte 6371,22 km Höhe (h) erhalten.

    Das Zeichen vor der Klammer ist ein Wurzelzeichen, je nach Zeichensatz kann es passieren, daß es falsch dargestellt wird.

    Worüber Kritiker und Sympathiesanten bedenklich schweigen, daß eine 100 km entfernt liegende Stadt 785 m unter dem Horizont (Tangente) läge.

    Die Krümmung muß zwingend das errechnete Maß aufweisen, anderenfalls könnte nicht eine so ideale Kugel entstehen, wie sie die Nasa präsentiert.
    Auch ein Rotationselipsoid ist absurd, weil das
    a. die Frage aufwirft, warum sich nicht alles Wasser am Äquator sammelt und
    b. steile Gefälle hätte, sagen wir, dann hätte h eine Höhe 2 km auf 100 km.

    Kopernikus hat übrigens nur die Dokumente von Aristarchos 320 v.Chr. von Samos wieder entdeckt und Galilei hat sie nur veröffentlicht.
    Aristarchos heliozentrisches System ließ sich in der Antike nicht durchsetzen.

    Mit der Berechnung lassen sich nun allerlei einfache Experimente machen. Da kommt aber jeder selber drauf, der guten Willens ist. Typ Baumwipfel in 10 km Entfernung.

    Die Bibel ist kein Beweis für die Weltscheibe, sie ist nur ein Beweis des Glaubens daran.

    Mit christlichen Grüßen

Neue Antwort auf Kommentar schreiben