Technik und Transzendenz: Über das Wesen der Technik und die normativen Verpflichtungen ihres Gebrauchs

Leitartikel von Benedikt Paul Göcke

Die gegenwärtigen Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz und der synthetischen Biologie eröffnen der Menschheit neue Möglichkeiten. Der Mensch kann jetzt nicht nur das individuelle und gesellschaftliche Leben, sondern auch die Natur auf eine Art und Weise gestalten, die weit über den bislang durch seine Kunstfertigkeit generierten Handlungsspielraum hinausgeht. Aufgrund dieses neuen Handlungsspielraums stellt sich dringlicher denn je die Frage des normativen Gebrauchs von Technik, also der Frage wozu diese benutzt und eingesetzt wird.

Im Folgenden wird zunächst dafür argumentiert, dass Technik ihrem Wesen nach ein auf die Verwirklichung zukünftiger und vom Menschen als wertvoll anerkannter Sachverhalte gerichtetes Mittel zum Transzendieren bestehender körperlicher und geistiger Grenzen der menschlichen Existenz ist. Daran anschließend wird argumentiert, dass das Potential zur Entwicklung und Verwendung von Technik zum Transzendieren des jeweiligen status quo ein wesentliches Merkmal vernünftigen und körperlichen Daseins ist. Schließlich wird gefolgert, dass die Menschheit aus ethischer Perspektive Technik gebrauchen sollte, um die Natur sowie das individuelle und gesellschaftliche Leben gemäß der durch die Vernunft erkannten Ideale menschenwürdigen Lebens zu gestalten.

1. Was ist Technik?

Der Mensch ist ein Wesen zweier Welten: Durch seine Vernunft hat er Anteil am Reich des Geistes und durch seinen Körper hat er Anteil an der Natur. Aufgrund seines Geistes ist der Mensch in der Lage, durch und mit seinem Körper zielgerichtet in der Natur zu handeln [1]. Menschliche Handlungen basieren dabei auf der Intention, unter Verwendung geeigneter Mittel, einen bestimmten Sachverhalt zu verwirklichen, der für das handelnde Subjekt über einen Wert verfügt, den es mit seiner Handlung in der Wirklichkeit realisieren will [2]. Um seine Handlungszwecke zu verwirklichen, kann der Mensch nicht nur auf das in der Natur vorfindliche Material als unmittelbar verfügbares Mittel zurückgreifen, sondern aufgrund seiner durch theoretische und praktische Vernunft konstituierten Kunstfertigkeit dieses Material auch zur Konstruktion von Artefakten nutzen, die hinreichend und notwendig sind, um die von ihm intendierten und im Vorhinein als wertvoll anerkannten Sachverhalte zu verwirklichen [3]. Alle diejenigen Artefakte, die der Mensch aufgrund seiner Kunstfertigkeit entwickelt, weil sie einen bestimmten Zweck erfüllen sollen, werden im Folgenden als Technik bezeichnet. Im Gegensatz zur schönen Kunst, die nicht notwendigerweise einen Zweck erfüllen muss, ist Technik daher nützliche Kunst [4].

Obwohl der konkrete Verlauf der Entwicklung technischer Artefakte aus der Perspektive der Geschichtswissenschaften den Zufällen der Menschheitsgeschichte zu verdanken ist, ist das Potential zur Entwicklung und Verwendung von Technik aufgrund der spezifischen körperlichen und geistigen Verfassung menschlicher Existenz eine wesentliche Eigenschaft des Menschen, die dadurch konstituiert wird, dass der Mensch aufgrund seiner Vernunft und seiner dadurch bedingten Kreativität nicht nur in der Lage ist, die Grenzen seiner jeweiligen körperlichen und geistigen Leistungs- und Handlungsfähigkeit zu erkennen, sondern in eins damit auch zu erkennen, ob – und wenn ja: wie – er diese Grenzen basierend auf seiner Erfahrung mit seiner Lebenswirklichkeit unter Zuhilfenahme des in der Natur unmittelbar Vorfindlichen oder von ihm Konstruierbaren bei Bedarf überschreiten kann. Basierend auf der durch seine spezifische Existenzform implizierten Technikaffinität gründet die Motivation, technische Artefakte zu entwickeln, aus systematischer Perspektive also in der Fähigkeit des Menschen, zu erkennen, dass er mit Hilfe der von ihm entwickelten Technik Sachverhalte verwirklichen kann, deren Bestehen er als wertvoll anerkennt, die er aber aufgrund seiner spezifischen körperlichen und geistigen Grenzen – aufgrund seiner Endlichkeit – selbst unter Einbezug des in der Natur unmittelbar vorfindlichen Materials nicht verwirklichen könnte.

Wenn der Begriff der Transzendenz so verstanden wird, dass er ein Überschreiten von Grenzen bezeichnet, dann besteht das Wesen der Technik als nützlicher Kunst in nichts anderem als dem Transzendieren der jeweiligen körperlichen und geistigen Grenzen des Menschen zur Verwirklichung seiner Werte. Technik ist in diesem Sinne immer Transzendierungstechnik. Die oft vorgetragene These, dass die Entwicklung und Verwendung von Technik zu einer Entfremdung des Menschen mit sich selbst führt, ist daher zurückzuweisen: Wenn das Potential zur Entwicklung und Verwendung von Technik, wenn also das Potential zum Transzendieren seiner körperlichen und geistigen Grenzen zum Wesen des Menschen gehört, dann kann sich der Mensch durch den Gebrauch von Technik metaphysisch nicht von seinem Wesen entfremden, da er eben nun dann seinem Wesen entspricht, wenn er Technik entwickelt, um mit ihrer Hilfe die Wirklichkeit gemäß seinen Werten zu gestalten.

Obwohl der konkrete Verlauf der Entwicklung technischer Artefakte aus der Perspektive der Geschichtswissenschaften den Zufällen der Menschheitsgeschichte zu verdanken ist, ist das Potential zur Entwicklung und Verwendung von Technik aufgrund der spezifischen körperlichen und geistigen Verfassung menschlicher Existenz eine wesentliche Eigenschaft des Menschen, die dadurch konstituiert wird, dass der Mensch aufgrund seiner Vernunft und seiner dadurch bedingten Kreativität nicht nur in der Lage ist, die Grenzen seiner jeweiligen körperlichen und geistigen Leistungs- und Handlungsfähigkeit zu erkennen, sondern in eins damit auch zu erkennen, ob – und wenn ja: wie – er diese Grenzen basierend auf seiner Erfahrung mit seiner Lebenswirklichkeit unter Zuhilfenahme des in der Natur unmittelbar Vorfindlichen oder von ihm Konstruierbaren bei Bedarf überschreiten kann. Basierend auf der durch seine spezifische Existenzform implizierten Technikaffinität gründet die Motivation, technische Artefakte zu entwickeln, aus systematischer Perspektive also in der Fähigkeit des Menschen, zu erkennen, dass er mit Hilfe der von ihm entwickelten Technik Sachverhalte verwirklichen kann, deren Bestehen er als wertvoll anerkennt, die er aber aufgrund seiner spezifischen körperlichen und geistigen Grenzen – aufgrund seiner Endlichkeit – selbst unter Einbezug des in der Natur unmittelbar vorfindlichen Materials nicht verwirklichen könnte.

Wenn der Begriff der Transzendenz so verstanden wird, dass er ein Überschreiten von Grenzen bezeichnet, dann besteht das Wesen der Technik als nützlicher Kunst in nichts anderem als dem Transzendieren der jeweiligen körperlichen und geistigen Grenzen des Menschen zur Verwirklichung seiner Werte. Technik ist in diesem Sinne immer Transzendierungstechnik. Die oft vorgetragene These, dass die Entwicklung und Verwendung von Technik zu einer Entfremdung des Menschen mit sich selbst führt, ist daher zurückzuweisen: Wenn das Potential zur Entwicklung und Verwendung von Technik, wenn also das Potential zum Transzendieren seiner körperlichen und geistigen Grenzen zum Wesen des Menschen gehört, dann kann sich der Mensch durch den Gebrauch von Technik metaphysisch nicht von seinem Wesen entfremden, da er eben nun dann seinem Wesen entspricht, wenn er Technik entwickelt, um mit ihrer Hilfe die Wirklichkeit gemäß seinen Werten zu gestalten.

Da ein wesentliches Merkmal des Gebrauchs von Technik darin besteht, dass die konstruierten Artefakte ihren Zweck durch die Verwirklichung eines bestimmten Sachverhaltes erfüllen sollen, dessen Bestehen der Mensch als wertvoll anerkennt, folgt, dass Technik ab ovo Teil der menschlichen Wertordnung ist und damit in einem normativen Kontext steht. Dies impliziert zum einen, dass Technik ein Mittel der Wertschöpfung des Menschen ist, mit deren Hilfe er konkrete Werte in seiner Lebenswelt verwirklichen will: Ein Auto, das sich aufgrund seiner technischen Konstruktion nur dann bedienen lässt, wenn der Fahrzeugführer einen im Kraftfahrzeug integrierten Atemalkoholtest bestanden hat, ist beispielsweise eine Manifestation des gesellschaftlichen Wertes, dass ein Kraftfahrzeug nur nüchtern bedient werden soll. Zum anderen impliziert das normative Wesen der Technik, dass die These ihrer Wertneutralität, die besagt, dass nicht das technische Artefakt als Produkt menschlicher Kunstfertigkeit, sondern nur der konkrete Gebrauch einer Technik über einen Wert verfügen kann, aus zwei Gründen zurückgewiesen werden muss [5]. Erstens ist jedes technische Artefakt als Mittel zur Verwirklichung eines bestimmten Wertes eo ipso eine vorwegnehmende Repräsentation der zukünftigen Verwirklichung dieses Wertes und muss sich daher an diesem Wert messen lassen. Zweitens impliziert die Tatsache, dass Technik missbraucht werden kann, dass sie vor ihrem Gebrauch über einen Wert verfügen muss, der ihren Missbrauch begrifflich erst ermöglicht. Jemand, der einen Schraubenzieher verwendet, um einen Menschen zu erstechen, missbraucht dieses Artefakt, da er es aus seinem normativen Kontext herausnimmt und auf eine Art und Weise verwendet, für die es nicht konstruiert worden ist. Technik kann also nur missbraucht werden, wenn sie vor ihrem Gebrauch über einen Wert verfügt, der missachtet werden kann [6].

Obwohl für die Entwicklung und Verwendung von Technik nicht mehr als ein alltägliches Erfahrungswissen notwendig ist und gerade frühe Formen technischer Artefakte vor dem Hintergrund eines impliziten Wissens über die Beschaffenheit der Gesetze und Eigenschaften der Natur entwickelt worden sind, implizieren diese Wissensformen eine Grenze der Konstruktionsmöglichkeit technischer Artefakte. Diese Grenze der Technikentwicklung besteht darin, dass das alltägliche Erfahrungswissen sowie das implizite Naturverständnis nur zu einem oberflächlichen Wissen über die Gesetze und Eigenschaften der Natur führen, und deswegen das Potential zur Konstruktion technischer Artefakte gemäß diesem oberflächlichen Verständnis der Natur einschränken.

Die Überschreitung dieser Grenze, die zur Entwicklung und Verwendung moderner Technik führte, wurde erst durch den im 17. Jahrhundert etablierten wissenschaftlichen Zugang zur Wirklichkeit ermöglicht, da die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften über die Gesetze und Eigenschaften der empirischen Wirklichkeit notwendig für die Entwicklung technischer Artefakte sind, die gemäß dem inneren Wesen der empirischen Wirklichkeit konstruiert sind: Die modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, sofern sie sich als verlässlich erwiesen haben, geben nicht nur Auskunft darüber, welche Artefakte gemäß den fundamentalen Gesetzen und Eigenschaften der Natur prinzipiell konstruiert werden können, sondern geben aufgrund ihrer Einsicht in die Sache der Natur der Kunstfertigkeit des Menschen überhaupt erst Anleitung, wie technische Artefakte den Gesetzen und dem Wesen der empirischen Wirklichkeit gemäß konstruiert werden müssen, um zu funktionieren und ihren Zweck zu erfüllen [7].

Wenn der Mensch die Gesetze und Eigenschaften der Natur vollständig und transparent erforscht hätte, hätte er konsequenterweise den maximalen Rahmen der Gestaltung der Natur und damit alle Möglichkeiten zur Entwicklung technischer Artefakte theoretisch ausgeschöpft, da das Wissen darüber, wie die Natur funktioniert, ihn prinzipiell in die Lage setzen würde, Artefakte zu bauen, die den Gesetzen und Eigenschaften der Natur entsprechend ihren Zweck nicht nur erfüllen sollen, sondern bei korrekter Handhabung aufgrund der Naturgesetze auch erfüllen müssen: Wenn es beispielsweise gelingen sollte, auf der Grundlage der Quantenmechanik einen Quantencomputer zu konstruieren, der Rechenoperationen nicht mit Hilfe von Bits, sondern von Qubits durchführen soll, dann wird der Quantencomputer bei korrekter Handhabung unter Voraussetzung der Wahrheit der Quantenmechanik notwendigerweise funktionieren, wie er funktionieren soll. Je umfangreicher das menschliche Wissen über die Beschaffenheit der empirischen Wirklichkeit also ist, desto größer ist der Handlungsspielraum des Menschen, durch die Entwicklung und Verwendung von Technik, wertschöpfend tätig zu werden. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass der prinzipielle Handlungsspielraum des Menschen, durch Technik die Wirklichkeit gemäß seinen Werten zu gestalten, solange vergrößert werden wird, solange der Mensch die Wirklichkeit wissenschaftlich erforscht und zu neuen Erkenntnissen gelangt [8].

Da die moderne naturwissenschaftliche Erforschung der empirischen Wirklichkeit ihrem Wesen nach auf das Experiment im Sinne einer Fragestellung an die Natur verwiesen ist, welches in seinem Aufbau und der Tiefe seiner Fragestellung auf technische Artefakte angewiesen ist, folgt, dass ein systematisch bedingtes Merkmal der modernen naturwissenschaftlichen Erforschung der Wirklichkeit darin besteht, dass sie ein Wechselspiel zwischen Fortschritten in den theoretischen Wissenschaften und den für die Entwicklung technischer Artefakte zuständigen Ingenieurswissenschaften impliziert: Theoretische Erkenntnisse ermöglichen die Entwicklung neuer Technik, deren Verwendung im experimentellen Setting wiederum die Entdeckung neuer theoretische Erkenntnisse begünstigen kann, und vice versa. Eine prinzipielle wissenschaftstheoretische Trennung der unterschiedlichen Disziplinen in angewandte und theoretische Wissenschaften ist daher aufgrund des interdisziplinären Austauschs und des Zusammenhanges der unterschiedlichen Erkenntnisse in den praktischen und theoretischen Wissenschaften im Bereich der Technikforschung nicht angemessen. Aus wissenschaftstheoretischer Perspektive ist es adäquater, die Entwicklung moderner Technik als gemeinsames Unternehmen der praktischen und theoretischen Wissenschaften zu verstehen, die beide konstitutiver Teil des einen, durch theoretische und praktische Vernunft regulierten, wissenschaftlichen Zugangs zur Wirklichkeit sind. Die Entwicklungsmöglichkeiten von Technik und die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der empirischen Wirklichkeit bedingen und affirmieren sich gegenseitig.

Wenn das Ziel des naturwissenschaftlichen Zugangs zur Wirklichkeit verstanden wird als ein Abbilden des Wesens der Natur im Geist – da durch die Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Forschung das Wesen der Natur als vernünftiges und dem menschlichen Geiste transparentes Wesen vor das innere Auge geführt wird – und wenn die Entwicklung und Verwendung von Technik als ein Abbilden des Geistes in der Natur verstanden wird – da technische Artefakte als Produkt menschlicher Kunstfertigkeit in die Natur gestelltes Produkt der Vernunft des Menschen sind – dann kann der Fortschritt der Entwicklung und Verwendung von Technik, der darin besteht, dass der Mensch mit Hilfe der ihm zur Verfügung stehenden Technik die Natur sowie das individuelle und gesellschaftliche Leben in immer höherem Maße kontrolliert gestalten kann, als ein konstitutiver Teil des durch die Wissenschaften befeuerten geschichtlichen Prozesses der Horizontverschmelzung von Geist und Natur gedeutet werden, der seinen Ursprung im Wesen des Menschen nimmt und ihn im Zuge der Verwirklichung seiner Werte notwendig zur Transzendierung der jeweiligen körperlichen und geistigen Grenzen führt: Je besser die Natur im Geiste abgebildet wird, je besser kann sich der Geist in Form von und mit Hilfe technischer Artefakte in der Natur verwirklichen. Die Möglichkeit des Entwickelns und Verwendens von Technik am Schnittpunkt von Geist und Natur setzt also eine ursprüngliche Offenheit der Natur für den Geist und des Geistes für die Natur voraus, was bedeutet, dass die Möglichkeit von Technik impliziert, dass Natur und Vernunft aufeinander zugeordnet sind. Die Entwicklung und Verwendung von Technik im Rahmen des wissenschaftlichen Zugangs zur Wirklichkeit ist vor diesem Hintergrund nichts anderes als eine Aktualisierung des für das Wesen des Menschen konstitutiven Vermögens, seine durch Körper und Geist konstituierte Endlichkeit zu transzendieren, um auf diese Weise die Natur sowie das individuelle und gesellschaftliche Leben gemäß seiner Werte zu gestalten, damit durch die Erkenntnis der Natur im Geist der Geist in der Natur verwirklicht werden kann [9].

2. Wozu soll der Mensch Technik verwenden?

Das Potential zur Entwicklung und Verwendung von Technik als einem Mittel der Transzendierung der körperlichen und geistigen Grenzen des Menschen zur Gestaltung der Natur und des individuellen sowie gesellschaftlichen Lebens gehört wesenhaft zur Existenz des Menschen. Obwohl der Gebrauch von Technik zur Verwirklichung der Zwecke des Menschen in der Vergangenheit oft negative Folgen für die Natur sowie das individuelle und gesellschaftliche Leben impliziert hat, die im Vorhinein nicht erkannt worden sind oder billigend in Kauf genommen wurden, lässt sich beobachten, dass der wertschöpfende Gebrauch der Technik zur Gestaltung der menschlichen Lebenswirklichkeit in Gesamten zur Steigerung der Lebensqualität der Menschheit beigetragen hat und beiträgt [10].

Die Beiträge der gegenwärtigen Technik zur möglichen Gestaltung der Natur sowie des individuellen und gesellschaftlichen Lebens haben dabei mittlerweile einen Stand erreicht, der den Menschen in die Lage versetzt, die Natur sowie das individuelle und gesellschaftliche Leben auf eine Art und Weise gemäß seiner Werte zu gestalten, die vor einigen Jahrzehnten außerhalb der Science-Fiction-Literatur undenkbar gewesen wäre. Um nur einige Beispiele zu nennen:

  1. Die Erkenntnisse der synthetischen Biologie ermöglichen gezielte Eingriffe in das Genom einer biologischen Spezies und können prinzipiell die durch die kontingente Evolution entstandene biologische Natur jeder Lebensform dauerhaft und auf vererbbare Art und Weise verändern.
  2. Die Erkenntnisse der Kybernetik ermöglichen prinzipiell die Entwicklung und Verwendung von Mensch-Maschine- und Gehirn-Computer-Schnittstellen und tragen damit zu einer Transzendierung der Grenze zwischen biologischen Lebensformen und Maschinen bei, die im Falle des Menschen dazu führen könnte, dass er seine Existenz nicht länger als rein biologische, sondern als kybernetische Lebensform versteht.
  3. Die Erkenntnisse im Bereich des Geoengineerings ermöglichen prinzipiell massive Eingriffe in das ökologische System der Erde und anderer Planeten, die sowohl zur Veränderung der klimatischen Bedingungen als auch zur Um- und Neugestaltung ganzer Lebensräume eingesetzt werden können.
  4. Die Erkenntnisse der KI-Forschung ermöglichen nicht nur eine flächendeckende Digitalisierung und informationelle Vernetzung der Menschen untereinander, sondern tragen aufgrund der Fortschritte im maschinellen Lernen und ihrer Vernetzung mit den Erkenntnissen der Kybernetik maßgeblich dazu bei, dass künstlich-intelligente Systeme die zahlreichen Aufgaben, für die sie eingesetzt werden können, auf eine Art und Weise erledigen, die die Leistungsfähigkeit des Menschen bei Weitem übersteigt.

Im Gesamt ergeben die prinzipiellen Möglichkeiten des skizzierten gegenwärtigen Entwicklungsstandes der Menschheit, der verstanden werden kann als die natürliche Konsequenz der im Wesen des Menschen gründenden Anlage zur Horizontverschmelzung von Geist und Natur, das Bild einer über die Kontingenzen der bisherigen kosmologischen und biologischen Evolution prometheisch sich erhebenden Menschheit, die sich durch die Produkte des technologischen Fortschritts die ultima ratio der Kontingenzüberwindung an die Seite stellt.

Aus philosophischer Sicht führt der neue Handlungsspielraum des Menschen, dem die natürliche Lebenswelt in ihren Grundfesten mehr und mehr zur Verfügungsmasse wird, erneut und in nie gekannter Dringlichkeit zur Frage, ob der Mensch mithilfe der Technik sowohl die Natur als auch sein individuelles und das gesellschaftliche Leben wertschöpfend auf eine bestimmte Art und Weise, also orientiert an bestimmten Werten, gestalten soll [11].

Obwohl es ganz unterschiedliche Arten von Werten gibt, die das Handeln des Menschen und damit auch seinen Gebrauch von Technik bestimmen können – oft motivieren ästhetische oder ökonomische Werte die Entwicklung und den Gebrauch von Technik – wird der Begriff des Wertes im Folgenden auf den des moralischen Wertes reduziert, wobei angenommen wird, dass ein Sachverhalt genau dann über einen moralischen Wert simpliciter verfügt, wenn es moralisch geboten ist, diesen Sachverhalt zu verwirklichen.

Basierend auf dieser Einschränkung lässt sich die Frage des normativen Gebrauchs der Technik als Verschränkung der folgenden drei Fragen verstehen: (1) Ist es moralisch geboten, dass der Mensch Technik zur Verwirklichung moralischer Werte entwickelt und verwendet? (2) Gibt es überhaupt moralische Werte, die Gebote konstituieren, dass der Mensch durch den Gebrauch von Technik diese Werte in der Natur und im individuellen wie gesellschaftlichen Leben verwirklichen soll? (3) Und wenn es sie gibt, wie lassen sich diese moralische Werte identifizieren?

Die erste Frage ist affirmativ zu beantworten. Unabhängig davon, ob es moralische Werte gibt, lässt sich zeigen, dass im Falle ihrer Existenz der Mensch aus ethischer Perspektive Technik entwickeln und verwenden soll, um die Natur und sein individuelles oder gesellschaftliches Leben gemäß moralischer Werte zu gestalten. Dies gilt zumindest dann, wenn er aufgrund seiner körperlichen und geistigen Grenzen diese Werte ohne den Gebrauch von Technik nicht verwirklichen könnte und es prinzipiell möglich ist, die Wirklichkeit gemäß dieser Werte durch den Gebrauch von Technik zu gestalten. Denn, wenn die Verwirklichung eines bestimmten Sachverhaltes moralisch geboten ist, dann ist auch moralisch geboten, was notwendig oder hinreichend für die Verwirklichung dieses Sachverhaltes ist, solange dadurch nicht gegen anderweitige ethische Verbote verstoßen wird. Wenn es also moralisch geboten ist, dass ein bestimmter Sachverhalt bestehen soll, dann ist auch die Entwicklung und die Verwendung von Technik, die zur Verwirklichung dieses Sachverhaltes beiträgt, unter den spezifizierten Bedingungen moralisch geboten.

Vor diesem Hintergrund kann die Frage beantwortet werden, ob es überhaupt moralische Werte gibt, die der Entwicklung und Verwendung von Technik eine ethische Ausrichtung verleihen können. Unter Einklammerung des ethischen Nihilismus, dem mit seiner Leugnung der Existenz moralischer Werte auch die Frage des normativen Gebrauchs der Technik obsolet wird, gibt es zwei Antworten auf die Frage, wie die Existenz moralischer Werte bestimmt werden kann: Sie sind entweder unbedingt gültig und existieren damit auf eine zumindest prinzipiell objektiv bestimmbare Art und Weise oder sie sind nur relativ für ein Subjekt oder eine Gemeinschaft von Subjekten gültig, die sich darauf geeignet hat, dass bestimmte moralische Werte für sie gelten sollen. Wenn angenommen wird, dass es keine objektiven moralischen Werte gibt, dann wird die ethische Frage danach, ob der Mensch Technik auf eine bestimmte Art und Weise zur Gestaltung der Wirklichkeit verwenden soll, keine unbedingt gültige, sondern nur ein empirische Antwort erhalten, da im Rahmen eines ethischen Relativismus die normative Verwendung von Technik notwendigerweise im Ermessen des einzelnen Subjekts oder einer bestimmten Wertegemeinschaft liegt. Wenn hingegen im Rahmen des ethischen Realismus angenommen wird, dass es objektive moralische Werte gibt, dann folgt, dass die Entwicklung und Verwendung von Technik zur Verwirklichung dieser Werte objektiv moralisch geboten ist. Obwohl die Schwierigkeit des ethischen Realismus prima facie darin besteht, die von ihm postulierten objektiven moralischen Werte erkenntnistheoretisch zu identifizieren und auszubuchstabieren, ist er dem ethischen Relativismus vorzuziehen, solange am Unbedingtheitscharakter moralischer Gebote festgehalten wird, da der ethische Relativismus leicht zum Zusammenbruch normativer Sprache und daher zum ethischen Emotivismus führt, dem ein „Du sollst“ zum „Ich will/Wir wollen“ wird.

Im Rahmen eines realistischen Paradigmas objektiver moralischer Werte kann die dritte Frage nach der Identifizierung der Werten, die den menschlichen Umgang mit Technik aus ethischer Perspektive bestimmen sollen, wie folgt beantwortet werden: Die spezifische Existenzform des Menschen als körperliches Vernunftwesen impliziert nicht nur, dass es Bedingungen gibt, die notwendig und hinreichend dafür sind, dass der Mensch seinem Wesen gemäß existieren und in diesem Sinne eine menschenwürdige Existenz führen kann, sondern auch, dass der Mensch, geleitet durch praktische und theoretische Vernunft, die Werte erkennen kann, die ihm ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Wenn es also geboten ist, dass der Mensch Technik entwickelt und verwendet, um moralische Werte in der Welt zu realisieren, und wenn es objektive moralische Werte gibt, die implizieren, dass es aufgrund des Wesens des Menschen geboten ist, dass bestimmte Sachverhalte notwendigerweise in der Welt bestehen, damit eine menschwürdige Existenz möglich ist, dann folgt, dass es moralisch geboten ist, durch die Entwicklung und Verwendung von Technik genau die Sachverhalte zu verwirklichen, die dem Menschen eine menschenwürdige Existenz ermöglichen.

Wenn darüber hinaus angenommen wird, dass das Potential zur Entwicklung und Verwendung von Technik zur Transzendierung seiner körperlichen und geistigen Grenzen zum Wesen des Menschen gehört, das durch den Fortschritt der Wissenschaften einen immer größeren Handlungsspielraum der Gestaltung der Natur und des individuellen wie gesellschaftlichen Lebens ermöglicht, dann folgt, dass das Potential zur Transzendierung des status quo mittels einer technischen Gestaltung der Wirklichkeit gemäß der durch die Vernunft erkannten objektiven moralischen Werte, die ein menschenwürdiges Leben aller Menschen ermöglichen, Teil des Wesens des Menschen ist, das zu realisieren er durch die Moral selbst berufen ist [12]. Die technische Verwirklichung der civitas perfecta ist somit Postulat der praktischen Vernunft.

Benedikt Paul Göcke
Veröffentlicht im Oktober 2020

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes an der Universität Cambridge, Clare Hall.

Bibliographie

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Anmerkungen

[1] Für eine weitergehende Analyse des Wesens des Menschen vgl. Göcke (2012), Göcke (2014) und Göcke (2018).

[2] Der Begriff des Wertes wird für den Zweck der gegenwärtigen Überlegungen wie folgt definiert: „A value is anything that serves as a basis for discriminating between different states of affairs and ranking some of them higher than others with respect to how much they are desired or cared about or how the personal, social, or cosmic order ought to be.” (Miller 2020: 7). Für eine weitergehende Analyse des Handlungsbegriffs siehe Kutschera (1986) und Meixner (2001).

[3] Franssen et al (2020) verwenden einen weiter gefassten Technikbegriff, da sie Instrumentalität und Produktivität als zwei gleichberechtigte Aspekte der Technik verstehen, während in der gegenwärtigen Analyse der Schwerpunkt auf der Produktivität liegt: „Technology can be said to have two ‘cores’ or ‘dimensions’, which can be referred to asinstrumentality and productivity. Instrumentality covers the totality of human endeavours to control their lives and their environments by interfering with the world in an instrumental way, by using things in a purposeful and clever way. Productivity covers the totality of human endeavours to brings new things into existence that can do certain things in a controlled and clever way. For the study of instrumentality, however, it is in principle irrelevant whether or not the things that are made use of in controlling our lives and environments have been made by us first; if we somehow could rely on natural objects to always be available to serve our purposes, the analysis of instrumentality and its consequences for how we live our lives would not necessarily be affected.”

[4] Für eine Analyse des Zusammenhangs zwischen Technik als schöner Kunst und Technik als nützlicher Kunst vgl. Krause (1811).

[5] Vgl. Pitt (2014) und Miller (2020) zur These der Wertneutralität von Technik: „According to the Value-Neutrality Thesis (VNT), technology is morally and politically neutral, neither good nor bad; only its uses have moral or other value, not the technology itself.”

[6] Das Technik zunächst in dem Sinne missbraucht werden kann, dass sie für Zwecke verwendet wird, für die sie nicht konstruiert worden ist, ist konsistent damit, dass sich der Gebrauch von Technik für Zwecke, für die sie nicht konstruiert worden ist, als eine neue Verwendungsweise dieser Technik etablieren kann.

[7] Obwohl die modernen Techniken einen größeren Handlungsspielraum ermöglichen als frühe Techniken, ändert sich durch ihr Aufkommen nicht die wesensgemäße instrumentelle Verwendung von Technik. Vgl. Heidegger (1954: 6): „Die instrumentale Bestimmung der Technik ist sogar so unheimlich richtig, daß sie auch noch für die moderne Technik zutrifft, von der man sonst mit einem gewissen Recht behauptet, sie sei gegenüber der älteren handwerklichen Technik etwas durchaus Anderes und darum Neues.“ Für eine weitergehende Analyse des wissenschaftlichen Zugangs zur Wirklichkeit vgl. Göcke (2018a).

[8] Vgl. zum Prozess des wertschöpfenden Technikgebrauchs als Kennzeichen des homo faber auch Pitt (2010: 449): „[W]e are makers, builders. [...] More than anything, we make things and what is most important about what we do is the process we engage in before, during, and after we do what we do. We plan, evaluate, and readjust. We are involved in a continuous feedback loop, learning from our mistakes, and building bigger, more complicated, and, hopefully, better things. […] The things [we construct are] part of a process whereby we come to reshape the world in our image. We can argue about whether this is a good thing, but it is what we do.”

[9] Für eine vertiefende Analyse der geschichtsphilosophischen Implikationen der Technikentwicklung vgl. Göcke (2019).

[10] Vgl. für statistische Analysen zum Thema https://ourworldindata.org. Vgl auch Sorgner (2016: 9-10): „[D]er Gebrauch von Techniken [war] in der Regel im menschlichen Interesse [...] und deshalb [ist] davon auszugehen, dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird, und dass der angemessene Einsatz von Techniken auch die Wahrscheinlichkeit erhöht, die Grenzen des Menschseins zu erweitern, was in unserem Interesse wäre, da auf diese Weise auch die Wahrscheinlichkeit, ein gutes Leben zu führen, gefördert wird.“

[11] Vgl. für die folgenden Reflektionen auch Jonas (2001). 

[12]  Für eine weitere Analyse über die Chancen und Risiken des Gebrauchs moderner Technik und ihrer Interpretation im Transhumanismus vgl. Göcke (2017), (2018b), (2018c) und (2018d).

Bildnachweis

  • Abstract futuristic - technology with polygonal shapes on dark blue background. Design digital technology concept. 3d illustration: Adobe Stock #353280797©putilov_denis

  • Leonardo's Da Vinci engineering drawing: Adobe Stock #28755832 ©janaka Dharmasena  

  • silhouette of virtual human with aura chakras on space nebula 3d illustration: Adobe Stock #275013976 ©monsitj 

Wozu sollten wir unsere Technologie nutzen?

Gehört das Potential zur Entwicklung und Verwendung von Technik zur Transzendierung seiner körperlichen und geistigen Grenzen zum Wesen des Menschen, wie Bendedikt Göcke es darlegt? Was meinen Sie? Und wozu sollten wir unsere Technologien nutzen?

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