Wurde die Urknalltheorie aus Glauben geboren? Lemaîtres Uratom-Hypothese

Dominique Lambert

Es war ein Physiker und katholischer Priester, Vater Georges Lemaître, der die heutzutage weithin akzeptier-te Idee entwickelte, dass das Universum einen Anfang hatte, von ihren Kritikern “Urknalltheorie“ genannt. Was inspirierte ihn, diese Annahmen zu machen? Trafen sich Wissenschaft und Glaube in seiner wissenschaftlichen Theorie, wie unterschied er zwischen den beiden?

Ein bedeutender Moment in Georges Lemaîtres Leben war sicherlich der Erste Weltkrieg, der genau dann begann, als er in Louvain seinen Bachelor in Ingenieurwissenschaften erhielt. Er diente zu Beginn des Krieges als Freiwilliger in der Infanterie und später in der Artillerie, und war in wichtige Kämpfe entlang des Flusses Yser verwickelt. Wenn er Zeit hatte zu ruhen, widmete Lemaître sich dem Gebet und dem Studium vieler Bücher. Zum Beispiel studierte er sorgfältig zwei Werke Poincarés, Electricité und Optique. Als er das letztgenannte aufmerksam las, fragte sich Lemaître, ob die Essenz der Materie aus Teilchen (Elektronen) oder Wellen (elektromagnetischen Wellen) besteht. Er suchte nach einer Art einheitlichen Begründung des Universums.

Zur selben Zeit nun meditierte Lemaître über die Bücher der Psalmen und das Buch Genesis der Bibel. Er versuchte für sich eine Auslegung der ersten drei Verse des Buches Genesis zu finden. Dies führte zu einem kleinen Aufsatz mit dem Titel “Les trois premières paroles de Dieu” (“Die ersten drei Worte Gottes”) (Lemaître, 1996a). In dem Aufsatz versuchte er, den biblischen Ausdrücken eine symbolische Bedeutung mit Bezug auf wissenschaftliche Konzepte zu geben (Wasser, Licht, …). Zum Beispiel konstituierte das biblische Licht des “es werde Licht” für ihn die grundlegende Wirklichkeit am allerersten Anfang, welche dem fortschreitenden Entstehen der Materie aus einer Art Kondensation Raum gab. Der biblische Text konnte hier von ihm also als eine Art physikalische Beschreibung verstanden werden.

Der junge Soldat Lemaître sprach mit einigen seiner engen Freunde über diesen Aufsatz. Einer von Ihnen, Joris van Severen, mit dem er viele Diskussionen führte, schrieb in seinem Notizbuch am 17. April 1917, nachdem er von diesem Aufsatz gehört hatte (Lambert 2007, 48):

« Lemaître wird die ganze Wissenschaft verändern…Er wird eine wirkmächtige und wundervolle Kosmogonie errichten»

Auf Fronturlaub in Paris stellte Lemaître seinen Aufsatz dem französischen Schriftsteller Léon Bloy vor. Lemaître war von Bloys Büchern fasziniert, in denen dieser die Botschaft der gesegneten Jungfrau von La Salette vorstellte und verteidigte. Bloy überzeugte Lemaître, seine symbolische Auslegung, die wissenschaftliche Konzepte und biblischen Inhalt vermischte, beiseite zu lassen, einen “Versuch der wissenschaftlichen Interpretation der ersten Verse des Hexameron (des Sechstagewerks)”, wie er sagte (Lemaître 1996a, 109). Lemaître folgte Bloys Rat. Dennoch kann man zwei Stellen aufspüren, in denen die Eingebungen der “Drei Worte Gottes” auch in seinen rein wissenschaftlichen Beiträgen zu Tage treten.

Die erste Stelle ist am Ende seines berühmten Artikels von 1927, in dem er darlegte, was später das “Hubblesche Gesetz” genannt wurde (Lemaître 1927). In einem Absatz, der nichts mit dem Rest des Artikels zu tun hat, legt er nahe, dass die Ursache der Expansion des Universums der “Druck der Strahlung” aufgrund einer Anhäufung von sich in einem geschlossenen Universum umkehrenden Lichtstrahlen sein könnte. Interessanterweise finden wir etwas Ähnliches in dem genannten Aufsatz, wo Lichtstrahlen beschrieben werden, die in der geschaffenen Welt umkehren. Helge Kragh hat die kryptische und merkwürdige Natur dieses Absatzes bezüglich der Ursache der Expansion des Universums herausgestellt (Kragh 2004, 130):

“Lemaître argumentierte, dass das expandierende Universum einen Grund für seine zunehmende Abweichung von der statischen Welt Einsteins brauchte. Zu dieser Zeit konnte er nicht sagen, was dieser Grund war, außer dass er durch die Strahlung selbst arrangiert worden sein könnte, wie er selbst es etwas kryptisch ausdrückte. Doch schon die bloße Absicht nach einem Grund für die Expansion zu suchen ist bemerkenswert, weil es die physische Natur seines Modells unterstreicht.”

Die zweite Stelle ist in einem Artikel (Lemaître 1930), der sehr wichtig in Hinsicht auf die Entstehung der Uratomhypothese ist. Dieser Artikel wurde von Millikans Theorie der kosmischen Strahlen beeinflusst. Wir wissen heute, dass dieser berühmte amerikanische Wissenschaftler den “Wärmetod“ des Universums, wie er durch das zweite Gesetz der Thermodynamik vorhergesagt wurde, nicht akzeptieren wollte. Seiner Auffassung nach wäre dieser “Tod” nicht kompatibel mit der Christlichen Lehre von den letzten Dingen, der er anhing. Zusammen mit einem Mitarbeiter namens Harvey Cameron stellte er sich einen Prozess vor, der die Ordnung im Universum wiederherstellt, um dem Zustand der maximalen Entropie zu entkommen, die dem Wärmetod entsprach (Kragh 2004, 90-92). Es ist interessant festzuhalten, dass hier also ein religiöser Glaube direkt die Konstruktion einer neuen wissenschaftlichen Theorie beeinflusst hat. Es ist ebenso interessant, dass kurz zuvor einige materialistisch orientierte Wissenschaftler – wie Svante Arrhenius, Nobelpreisträger 1903 – sich einen analogen Prozess vorstellten, diese allerdings, um die ewige Stabilität der Strukturen des Universums abzusichern (Kragh 2008, 165-166).

Wir haben hier zwei gegensätzliche philosophische Ideen, welche zu demselben physikalischen Projekt führten, einen „antientropischen“ Mechanismus. Millikan und Cameron stellen sich vor, dass Teilchen (Protonen und Elektronen) in einem Kondensationsprozess aus in dem Universum vorhandener Strahlung erschaffen werden können. Die Teilchen setzen sich spontan zusammen, und die Massenabweichung von so einer Teilchenverdichtung wird in der Form von Strahlungen abgegeben, die Millikan und Cameron fälschlicherweise als kosmische Strahlung identifizieren. Der Teilchenkondensationsprozess kann durch Strahlung endlos weitergehen und vermeidet so den Wärmetod des Universums. Lemaître, der die Gelegenheit hatte, während seines Aufenthaltes in den USA mit Millikan zu diskutieren, war von dieser Hypothese beeindruckt, doch in seinen eigenen Überlegungen behielt er nur die Idee, dass Teilchen aus einem Strahlungshintergrund erschaffen werden. 1930 nahm er auf die Expansion des Universums Bezug (welche die Wellenlänge einer jeden Strahlung modifiziert) und folgerte (Lemaître 1930, 182; Lambert 2015, 144):

“Die Möglichkeit ist nun zulässig, dass Licht der ursprüngliche Zustand der Materie war und dass alle in Sternen kondensierte Materie durch den von Millikan vorgeschlagenen Prozess geformt wurde.”

Es ist hier interessant festzuhalten, dass Lemaître auf ein ursprüngliches „Licht“ verwies. Wie in seinem Aufsatz zur Kriegszeit und in der Schlussfolgerung seines 1927er Artikels, wo er – wie wir gesehen haben – die Ursache der Expansion des Universums dem “Lichtdruck” zuordnete, so ist er auch hier überzeugt, dass der Ursprung der Materie im Universum Strahlung ist, also Licht! Ihm zufolge haben wir also am Anfang der Welt eine Menge Licht. Wir können nun verstehen, warum Lemaître 1931 vorschlug, am Anfang des Universums ein einziges ursprüngliches Quantum zu denken, dass entweder als Welle (Strahlungsquantum) oder als Teilchen (das berühmte Uratom) interpretiert werden kann.

Das Thema des Lichtes als ursprünglicher Stoff des Universums hat eindeutig eine Rolle in Lemaîtres Vorstellung gespielt. Der biblische Kontext wird natürlich nicht unmittelbar in Lemaîtres Artikeln verwendet. Es ist jedoch interessant festzuhalten, dass Intuitionen oder Bilder, die aus seiner symbolischen Bibelauslegung herrührten, zu Einsichten auf einem Forschungsgebiet beitrugen, das noch völlig unbekannt war. Der religiöse Hintergrund spielt hier die Rolle, Intuitionen bereitzustellen. Als die Theorie etabliert worden war, verschwanden alle diese außer-wissenschaftlichen Einsichten im Entdeckungskontext und überließen das Feld allein denjenigen logischen und empirischen Elementen, die zu einem wissenschaftlichen Begründungszusammenhang gehören.

Wissenschaft ist in der Praxis jedoch nicht allein auf rein rationaler und logischer Basis errichtet. Wenn sie unbekanntes Gebiet betreten, brauchen Wissenschaftler Hilfe durch irgendeine führende oder regulierende Idee… Vorstellungskraft, ästhetische Überlegungen, philosophische Annahmen und selbst religiöse (oder manchmal anti-religiöse) Vorurteile können eine solche Rolle als Wegweiser spielen.

An dieser Stelle sollte man jedoch erwähnen, dass solche “philosophischen” oder “religiösen” Inputs nicht mit dem verwechselt werden sollten, was wir die wirkliche (metaphysische) Struktur oder den wirklichen (metaphysischen) Inhalt der Wissenschaft nennen könnten. Obwohl wir also nicht leugnen können, dass religiöser Hintergrund (bezogen auf die Bedeutung und die ursprüngliche Rolle des “Lichtes”) an dem allersten Anfang in unserem Beispiel mit dem Prozess verschränkt ist, der Lemaître zur Idee des Uratoms führte, müssen wir dennoch zwei wichtige Dinge festhalten.

Erstens: Der Impuls, der den Artikel Lemaîtres von 1931 hervorrief (Lemaître 1931a), wo er zum ersten Mal die Idee des Uratoms darlegte, war zu einem gewissen Teil eine Reaktion auf einen anderen Artikel von Eddington, der die Idee eines Anfangs des Universums eindeutig ablehnte. Eddington glaubte, dass solch ein Anfang eine theologische Idee sei, verwechselte jedoch Schöpfung und natürlichen Anfang (Eddington 1931). Lemaîtres Artikel argumentiert dagegen, dass eine legitime, rein wissenschaftliche Auffassung des “natürlichen Anfangs” (einem Status minimaler Entropie entsprechend) existiert.
Wir müssen daher sagen, dass falls etwas “Religiöses” in den Prozess, der zu der Idee des ursprünglichen Quantums führte, involviert ist (“Licht war der ursprüngliche Zustand der Materie”), es eine “säkulare” Reaktion auf eine missverstandene theologische Idee ist. Was den berühmten Artikel Lemaîtres von 1931 letztlich verursachte, war Eddingtons Verwechslung des physikalischen Anfangszustandes mit der Idee einer Schöpfung aus dem Nichts.

Zweitens müssen wir bemerken, dass das nicht bedeutet, dass Lemaître seine Hypothese jedweder metaphysischen oder theologischen Bedeutung berauben wollte. Keinesfalls! Doch in dieser Hinsicht erwägt er, dass diese Bedeutung nicht unmittelbar erfasst werden konnte, weil sie auf der Ebene mathematischer und physikalischer Größen blieb. Er schätze die theologische Deutung, doch er wollte auch die Tatsache betonen, dass die tiefe theologische Bedeutung von Gottes Schöpfung nicht unmittelbar durch Physik dargelegt werden könnte. Nachdem er seine rein wissenschaftliche Uratomhypothese vor Teilnehmern der Elften Solvaykonferenz 1958 erklärt hatte, sagte er unzweideutig (Lemaître 1958, 7):

“Dies bedeutet nicht, dass Kosmologie keine Bedeutung für die Philosophie hat. ”

Und während des Zweiten Vatikanischen Konzils, sagte Lemaître als Antwort auf eine Frage von Edouard Massaux, dem zukünftigen Rektor der Katholischen Universität von Louvain, hinsichtlich des Ursprung des Uratoms (Lambert 2015, 150):

“Das Uratom ist natürlich von Gott geschaffen!”

Um den Unterschied zwischen “religiösen” Motivationszusammenhängen oder Hintergründen, die zu neuen wissenschaftlichen Ideen führen einerseits und einer tiefen theologischen oder metaphysischen Bedeutung von wissenschaftlichen Inhalten (nicht mit diesen Inhalten zu identifizieren oder zu verwechseln!) andererseits zu verstehen, können wir uns Cantors Lehre transfiniter Zahlen vor Augen führen. Es stimmt, dass Cantor religiös motiviert war, als er seine Studie unendlicher Mengen vorschlug (das “Aleph” Symbol ist ein Hinweis darauf). Doch die wirkliche philosophische Bedeutung oder die der Lehre unendlicher Mengen inhärente Struktur hat mit Cantors ursprünglicher Motivation nichts zu tun. Es gibt tiefe philosophische Angelegenheiten, die von der Mengenlehre und von ihren reichen und verschiedenen Axiomen adressiert werden können (zum Beispiel: was ist der ontologische Status einer Menge? Was ist die philosophische Bedeutung eines Axioms der Wahl oder des Axioms, das besagt, es existieren unendliche Mengen, usw.). Doch diese legitimen und hochinteressanten philosophischen Angelegenheiten haben nichts zu tun mit Cantors Vorhaben, einen mathematischen Zugang zu Gottes Attributen zu finden.

Der gesunde Optimismus eines Physikers, der auch gläubig war

Während seines ganzen Lebens war Georges Lemaître überzeugt, dass das Universum durch die menschliche Vernunft verstanden werden kann. Bereits 1920-23, als er noch auf dem Priesterseminar studierte, brachte er in einem Manuskript mit dem Titel „Einsteins Physik“ (“La physique d’Einstein”) die Tatsache zum Ausdruck, dass das Universum verständlich und vollkommen an unsere rationalen Fähigkeiten angepasst ist (Lemaître 1996b, 226). Für ihn hatte das Universum endlich zu sein! Dies ist vollkommen auf einer Linie mit seiner Geübtheit in Thomistischer Theologie, welche er 1919 an dem Philosophischen Institut in Louvain erhielt. An dieser Stelle ist er in Opposition zu Blaise Pascal. 1958 sagte er ausdrücklich (Lemaître 1958, 7):

“Die Ansicht, die wir vorgetragen haben [die Uratomhypothese] kann derjenigen von Pascal in den Pensées gegenübergestellt werden. Wir können Pascals Worte umkehren und sagen, dass das weder in Größe noch in Dauer unendliche Universum eine Beziehung zur Menschheit hat. Wissenschaft muss angesichts des Universums nicht aufgeben; und wenn Pascal versucht, die Existenz Gottes aus der angenommenen Unendlichkeit der Natur abzuleiten, könnten wir annehmen, dass er in die falsche Richtung schaut. Es gibt keine natürliche Begrenzung der Macht des Verstandes. Das Universum macht da keine Ausnahme, es ist nicht außerhalb seiner Reichweite.”

Die Überzeugung, dass das Universum eine Struktur hat, die durch die menschliche Vernunft entschleiert werden kann, ist in der Tat tief in religiösem Glauben verwurzelt. Während eines katholischen Kongresses 1936 in Mechelen verband Lemaître die Aufgabe, die Geheimnisse der Natur zu entfalten, mit der Entdeckung als Reflex von Gottes Intelligenz (Lemaître 1936, 65; aus dem französischen de Felipe 2015):

“ “[...] Es ist die Aufgabe des Menschen, die Schöpfung, die ihn umgibt und zu der er gehört, zu verstehen und wertzuschätzen, um in ihr eine Spiegelung der göttlichen Intelligenz wahrzunehmen; dies, durch sein Staunen, von verstehbarer Materie umgeben zu sein.”

Lemaître war sicherlich überzeugt, dass seine wissenschaftliche Aufgabe dazu beträgt, etwas von einem göttlichen Logos zu entschleiern (ein vestigium). Mehr noch ist es Gott, der die Menschen mit der Fähigkeit ausstattet, etwas von ihm durch empirische Hinweise zu erschließen. Am Ende einer Präsentation seiner kosmologischen Ideen sagte der belgische Physiker (Lemaître 1950, 55):

“Wir können diesen schnellen Überblick über den großartigsten Gegenstand, den der menschliche Verstand zu erforschen versucht ist, nicht beenden, ohne auf diese hervorragenden Anstrengungen der Wissenschaft in der Eroberung der Erde stolz zu sein, und auch nicht ohne unsere Dankbarkeit dem Einen gegenüber zum Ausdruck zu bringen, der sagte: ‘Ich bin die Wahrheit’'; Einer, der uns den Verstand gab, ihn zu verstehen und einen Schimmer seiner Herrlichkeit in unserem Universum zu erkennen, welches er so wundervoll an jene mentalen Mächte angepasst hat, mit denen er uns ausgestattet hat.”

Für Lemaître ist Wissenschaft für Gläubige und Nichtgläubige zwar dasselbe. Dennoch wird die Arbeit des gläubigen Wissenschaftlers stark durch die Tatsache befördert, dass er dank seines Glaubens weiß, dass das Rätsel des Universums eine Lösung hat: das Universum ist verstehbar, weil es von einer Intelligenz erschaffen worden ist. Dies stellt ein von einem Optimismus getragenes Ziel dar, und dieser Optimismus ist eine notwendige Bedingung dafür, die harte Arbeit der wissenschaftlichen Aktivität fortzusetzen. Wie er sagte (Lemaître 1936, 70; aus dem Französischen, de Felipe 2015):

“Er [der christliche Forscher] könnte sogar einen Vorteil gegenüber seinem nichtgläubigen Kollegen haben. Beide bemühen sich, das vielfach verschlüsselte Palimpsest der Natur zu entschlüsseln, auf dem die vielen Spuren der verschiedenen Epochen unsrer langen Weltgeschichte sich überkreuzen und vereinigen. Doch der Gläubige weiß, dass das Puzzle gelöst werden kann, das es eine zugrunde liegende, schließlich durch ein intelligentes Wesen ausgearbeitete Logik hat; und dass das von der Natur gestellte Rätsel gestaltet worden ist, um auch gelöst zu werden, und dass sein Schwierigkeitsgrad ohne Zweifel in Reichweite unserer menschlichen Möglichkeiten ist, möge er heute oder morgen erreicht werden. Dieses Wissen wird ihm keine neue Forschungsmittel bereitstellen, doch es wird ihm helfen, den gesunden Optimismus zu unterhalten, ohne den sein Vorhaben nicht lange anhalten wird.”

Nach Lemaître erkennen wir hier einen wichtigen Einfluss des religiösen Glaubens auf die wissenschaftliche Forschung. Religiöser Glaube bringt gleichzeitig einen psychologischen Einfluss auf den Wissenschaftler hervor (zu wissen, dass eine tiefe Verstehbarkeit existiert, kann die wissenschaftliche Unternehmung bestärken), wie er ebenso dazu beizutragen hilft, die grundlegende Annahme der Verstehbarkeit und Einheit des Universums zum Ausdruck zu bringen.

Die erkenntnistheoretische Rolle der Philosophie und der christlichen Theologie

Lemaîtres Uratomhypothese ist ein Weg, einen natürlichen (physikalischen) Anfang des Universums zu beschreiben. Einige Wissenschaftler zu seiner Zeit und noch heute, und bei weitem nicht die unbedeutendsten, verwechselten diese Auffassung mit einer Schöpfung im metaphysischen oder theologischen Sinn. Dank seiner vertieften thomistischen Übung wusste Lemaître, dass Schöpfung eine metaphysische Beziehung ist, in der Gott der Welt Existenz verleiht ex nihilo subjecti. Schöpfung ist nicht eine Frage des Anfangs. In einem lange nach Lemaîtres Tod herausgegebenem, aber Ende der 1930er Jahre geschriebenen Text sagt er (Lemaître 1985, 47):

“Was geschah davor? Davor müssen wir dem Nullwert des Radius (des Universums) ins Auge blicken. Wir haben diskutiert, wie weit es als Null im strikten Sinne behandelt werden muss, und wir haben gesehen, dass dies eine sehr unbedeutende Menge bedeutet, sagen wir ein paar Lichtstunden. Wir können von diesem als einem Anfang reden, ich sage nicht: einer Schöpfung. Physikalisch ist es ein Anfang in dem Sinne, dass, falls etwas davor geschehen war, es keinen beobachtbaren Einfluss auf das Verhalten unseres Universums hat, da jedwede Eigenschaft der Materie vor diesem Anfang durch die extreme Kontraktion an der theoretischen Null vollständig verloren gegangen ist. Eine Präexistenz des Universums hat metaphysischen Charakter. Physikalisch betrachtet geschieht alles, als ob die theoretische Null wirklich ein Anfang war. Die Frage, ob es wirklich ein Anfang oder doch eher eine Schöpfung war (also etwas aus Nichts begann), ist eine philosophische Frage, die nicht durch physikalische oder astronomische Überlegungen beantwortet werden kann”.

Die Thomistische Philosophie stellt ihm also ein Werkzeug bereit, erkenntnistheoretische Verwirrung zu vermeiden und so frei zu sein, auch kosmologische Modelle mit einer anfänglichen Singularität zu erforschen. Nach Georges Lemaîtres Erkenntnistheorie kann der natürliche Anfang vollständig durch wissenschaftliche Methoden beschrieben werden und kann daher sowohl von Gläubigen als auch von Materialisten angenommen werden. Nachdem er seine Uratomhypothese auf der 1958er Solvaykonferenz vorgestellt hatte, sagte er weiterhin (Lemaître 1958, 7):

“Dies ist der philosophische Hintergrund der Uratomhypothese. Soweit ich sehen kann, bleibt eine solche Theorie vollständig außerhalb jeder metaphysischen oder religiösen Frage. Es lässt es dem Materialisten frei, jedwedes transzendentale Wesen zu leugnen. Er mag für den Grund der Raumzeit dieselbe Geisteshaltung wie für Ereignisse in nicht singulären Orten der Raumzeit beibehalten. Für einen Gläubigen entfernt es jeden Versuch der Vertrautheit mit Gott, wie es Laplaces 'Stups' oder Jeans’ Finger waren. Es stimmt mit den Worten von Jesaja überein, der von dem ‚Verborgenen Gott‘ spricht, verborgen in dem Anfang der Kreatur. Es bedeutet aber nicht, dass Kosmologie keine Bedeutung für Philosophie hat…”

Diese Einstellung war bereits diejenige, welche er in seiner unveröffentlichten Schlussfolgerung zu seinem Nature-Artikel von 1932 zum Ausdruck gebracht hat. Dieser bezieht sich auf keinerlei philosophischen Hintergrund. Er ließ die metaphysischen Fragen offen, die verborgen blieben (Georges Lemaître 1931b):

“Ich denke, dass jeder, der an ein höchstes Wesen glaubt, welches jedes Wesen und jedes Handeln unterstützt, ebenso glaubt, dass Gott wesentlich verborgen ist; er wird froh sein zu sehen, wie die gegenwärtige Physik einen solchen Schleier bereitstellt, der die Schöpfung versteckt.”

Was für unser Vorhaben hier wichtig ist, ist die Tatsache, dass die Christliche Philosophie einige höchst interessante konzeptionelle Werkzeuge mit sich bringen kann, die nicht einfach woanders zu haben sind. In Traditionen, wo Schöpfung nicht gegenwärtig ist oder sogar abgelehnt wird, ist es zum Beispiel schwierig, den natürlichen Anfang, den ontologischen Anfang und Schöpfung nuanciert zu unterscheiden. Die christliche Philosophie war in gewissem Sinne genötigt, über Schöpfung, Ursprung, Anfang etc. nachzudenken. Während seiner ganzen Karriere war Lemaîtres Geübtheit darin nützlich, um die wissenschaftliche Autonomie seines kosmologischen Zugangs zu verteidigen und seine theologischen Überzeugungen gegen gefährliche Verwechslungen von Immanenz und Transzendenz zu schützen.

Es ist interessant festzuhalten, dass Theologie philosophische Erfordernisse beinhalten kann, die sich als kohärent zu einigen wissenschaftlichen Beschreibungen erweisen. Zum Beispiel halte ich eine Christliche Schöpfungstheologie nicht für kompatibel mit einer Weltgeschichte, die wie bei Spinozas Substanz vollständig a priori bestimmt ist. Sie würde auch nicht mit einer Anthropologie ohne freien Willen übereinstimmen. In Lemaîtres Kosmologie kommt die ganze empirische Welt von dem Uratom her, doch im Gegensatz zur Spinozistischen Substanz (Natura) ist diese Geschichte nicht vorherbestimmt. Die Desintegration des Uratoms, welche Raum, Zeit und Materie hervorgehen lässt, ist vollständig unvorhersehbar (Lemaître 1967, 161; unsere Übersetzung):

“In Laplaces Determinismus ist alles festgeschrieben, Entwicklung ist ähnlich der unerbittlichen Drehung einer Magnetbandaufnahme oder der eingravierten Spirale einer Schallplatte. Alles, was zu hören ist, wird von diesem Band oder dieser Platte ausgelesen. In der modernen Physik verhält es sich vollkommen anders, und gemäß der gegenwärtigen Theorie sollten diese Konzepte auch auf das Universum anwendbar sein, wenigstens auf den Anfang seiner Entwicklung. Dieser Anfang ist vollkommen einfach, unteilbar, undifferenziert, 'atomisch' im Griechischen Sinne des Wortes. Die Welt differenziert sich aus, sofern sie sich entwickelt; sie besteht nicht in einem Auslesen oder Dekodieren einer Aufnahme. Vielmehr besteht sie aus einem Lied, von dem jede Note neu und unvorhersehbar ist. Die Welt hat sich selbst geschaffen, und dies auf eine zufällige Weise.”

Solche Zufallsprozesse sind eine Spur von Kontingenz. Notwendigkeit und Kontingenz sind beide in Lemaîtres wundervoller Kosmogonie ebenso wie in Thomas Aquinas Philosophie gegenwärtig. Zusammenfassend können wir sagen, dass die thomistische Philosophie zwei bedeutende Aufgaben im Kontext von Lemaîtres kosmologischer Arbeit übernimmt: zum einen stellt sie einige konzeptionelle Unterscheidungen bereit, welche nicht oder in anderen Traditionen weniger präsent sind (wo das Konzept der Schöpfung abwesend ist oder abgelehnt wird). Zweitens stellt sie einige Anforderungen, welche nicht unmittelbar auf die physikalische Beschreibung der Welt anwendbar sind, aber die damit kohärent zu sein scheinen: Zufallsprozesse sind Hinweise auf die Existenz von Kontingenz. Es gibt damit keine unmittelbare Verwechslung von Wissenschaft und Theologie, weil der erste Punkt genau solch eine Verwirrung zu vermeiden hilft, und der zweite Punkt nur a posteriori überprüft werden kann, indem er eine keinesfalls konstruierte oder erzwungene Kohärenz demonstriert, und zwar zwischen philosophischen Anforderungen theologischen Inhaltes einerseits und philosophischen Interpretationen wissenschaftlicher Daten oder Theorien andererseits.

Dominique Lambert
Universität Namur (Institut ESPHIN); Académie Royale de Belgique
Veröffentlicht im September 2017

(Übersetzung: Andreas Losch)

Wir bieten den Artikel auch in der englischsprachigen Originalfassung an.

de Felipe. P. 2015. “Georges Lemaître's 1936 Lecture on Science and Faith”. Science and Christian Belief, 27:154-179.

Eddington, Arthur. 1931. “The End of the World from the Standpoint of Mathematical Physics”. Supplement to Nature. March, nr 3203: 447-453.

Kragh, Helge. 2004. Matter and Spirit in the Universe. Scientific and Religious Preludes to Modern Cosmology. London: Imperial College Press.

Kragh, Helge. 2008. Entropic Creation. Religious Contexts of Thermodynamics and Cosmology. Burlington: Ashgate Publishing Company.

Lambert, Dominique. 2007. L’itinéraire spirituel de Georges Lemaître. Suivi de Univers et Atome, Conférence inédite de Georges Lemaître. Bruxelles: Lessius.

Lambert, Dominique. 2015. The Atom of the Universe. The Life and Work of Georges Lemaître (preface by J. Peebles). Cracow: Copernicus Center Press.

Lemaître, Georges. 1927. “Un univers homogène de masse constante et de rayon croissant, rendant compte de la vitesse radiale des nébuleuses extragalactiques (séance du 25 avril 1927)”. Annales de la Société Scientifique de Bruxelles, série A: Sciences Mathématiques, 1ère partie: Comptes rendus des Séances. XLVII: 49-59.

Lemaître, Georges. 1930. “L’hypothèse de Millikan-Cameron dans un univers de rayon variable”. In Comptes rendus du Congrès national des sciences organisé par la fédération belge des sociétés scientifiques. Bruxelles, 29 Juin-2 Juillet 1930, 180-182. Bruxelles : Fédération Belge des Sociétés Scientifiques.

Lemaître, Georges. 1931a. “The beginning of the world from the point of view of quantum theory”. Nature, CXXVII: 706

Lemaître, Georges. 1931b. Unedited conclusion of the paper: Lemaître, Georges. 1931. “The beginning of the world from the point of view of quantum theory”. Nature, CXXVII: 706. Louvain-la-Neuve: Archives Lemaître. Lemaître, Georges. 1936. “La culture catholique et les sciences positives” (séance du 10 septembre 1936). In Actes du VIe congrès catholique de Malines, Vol. 5, Culture intellectuelle et sens chrétien, 65-70. Bruxelles: VIe Congrès Catholique de Malines.

Lemaître, Georges. 1950. The primeval atom: A hypothesis of the origin of the universe (translated by B.H. Korff and S.A. Korff, with an introduction by H.N. Russell), New York-London: Van Nostrand Company.

Lemaître, Georges. 1958. “The primaeval atom hypothesis and the problem of the clusters of galaxies”. In La structure et l'évolution de l'univers Rapports et discussions. Onzième Conseil de physique tenu à l'Université de Bruxelles du 9 au 13 Juin 1958, 1-25. Bruxelles : R. Stoops.

Lemaître, Georges. 1967. “L’expansion de l’univers: réponse à des questions posées par Radio Canada le 15 avril 1966”. Revue des questions scientifiques, CXXX- VIII, 5e série, XXVIII, avril 1967, no 2: 153-162, (version edited and adapted by O. Godart).

Lemaître, Georges. 1985. The expanding universe : Lemaîtres unknown manuscript (introduction by O. Godart and M. Heller). Tucson (Arizona) : Pachart Publishing House.

Lemaître, Georges. 1996a. “Les trois premières paroles de Dieu”. In Mgr Georges Lemaître savant et croyant. Actes du colloque tenu à Louvain-la-Neuve le 4 novembre 1994, suivi de La Physique d’Einstein, texte inédit de Georges Lemaître, edited by J.-F. Stoffel, 107-111. Louvain-la-Neuve: Centre Interfacultaire en Histoire des Sciences.

Lemaître, Georges. 1996b. “La physique d’Einstein”. In Mgr Georges Lemaître savant et croyant. Actes du colloque tenu à Louvain-la-Neuve le 4 novembre 1994, suivi de La Physique d’Einstein, texte inédit de Georges Lemaître, edited by J.-F. Stoffel, 223-360. Louvain-la-Neuve: Centre Interfacultaire en Histoire des Sciences.

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Georges Lemaître (1894–1966), Belgischer Priester, Astronom und Physikprofessor an der Katholischen Universität Leuven. (Geschätztes Aufnahmejahr der Photographie: 1933.) (c) Wikimedia Commons
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Seite eines mittelalterlichen Manuskripts aus Thomas von Aquins „Summa Theologica“ (c) Wikimedia Commons

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