Wo wohnt Gott?

Leitartikel von Ulrich Beuttler

Früher, als die Welt noch endlich und viel kleiner war, hätte man gesagt: Gott wohnt im Himmel. Gott wohnt dort, wo die sichtbare Welt aufhört. Am Ende der Welt, sagte man im Mittelalter, hinter dem sichtbaren Himmel, hinter den Sphären der Planeten und Sterne, beginnt der Himmel Gottes. Dort wohnt Gott mit den Engeln, den Heiligen und Seligen. So hat es Hartmann Schedel anschaulich in seiner Weltchronik von 1493 gezeichnet. Im Laufe der Neuzeit wurde die Welt jedoch zum Universum, sie wurde größer und größer, ist heute knapp 14 Milliarden Lichtjahre ausgedehnt. Wo wohnt Gott jetzt? Man kann sagen, er wohnt im Unendlichen, man kann aber auch sagen, er wohnt überall und nirgends.

Es sind mit der Frage „Wo wohnt Gott?“ verschiedene Probleme der Anschauung und des begrifflichen Denkens gestellt, die miteinander zusammenhängen: Es ist einerseits die Frage nach dem Wesen des Unendlichen und was es heißt, dies mit Gott in Verbindung zu bringen. Es ist dann die Frage nach der Gegenwart oder sogar der Allgegenwart Gottes gestellt, was diese in Bezug auf den Raum bedeuten kann und was nicht. Drittens ist damit auch die Frage nach dem Wo, dem Ort Gottes, und dem Raum gestellt, inwiefern dieser eine Gegenwart Gottes zu denken erlaubt oder auch ausschließt. In allen drei Fragen verzahnen sich philosophische, religiöse, theologische und naturwissenschaftliche Fragestellungen.

Die Unendlichkeit Gottes und der Welt

Die Unendlichkeit ist schwer vorstellbar. Eigentlich ist sie nur denkbar und begrifflich fassbar. Bei ihrer Vorstellung gerät das Anschauungsvermögen an eine Grenze. Denn stellt man sich das Unendliche als ein zwar riesig großes, aber irgendwie definiertes, also quasi endliches Quantum, als Menge, als bestimmte Größe vor, dann kommt es zu Absurditäten. Denn zweimal unendlich ist immer noch unendlich, und wenn man zum Unendlichen etwas dazu fügt, dann wird es zwar größer, aber nicht mehr, das Unendliche bleibt immer unendlich es selbst. Das mathematische Unendliche ist ein Grenzbegriff, der so etwas wie das fiktiv vorgestellte Ende der Zahlen markiert, aber selbst kein Gegebenes darstellt. Mit dem Unendlichen kann man seit der Erfindung der Infinitesimalrechnung im 17. Jahrhundert sauber rechnen, aber es kommt in der Welt nicht als Sache vor. Ja, es taugt nicht einmal als Begriff für die Welt als Ganze. Die Welt ist immer endlich, selbst wenn man sie sich immer noch größer als das größte Vorstellbare vorstellt. Auch die physikalische Welt ist immer endlich, so unermesslich groß sie scheint. Physikalisch gibt man die Größe des Universums als sog. Welthorizont an, der eine Grenze der Ausdehnung des beobachtbaren Universums markiert, bis zu dem man physikalische Aussagen machen kann.

Die Mathematik hat uns dafür gelehrt, zwischen zwei Arten von Unendlichkeit zu unterscheiden: Das potentiell Unendliche ist das Immer-weiter, dass man am Rand des Universums wie bei den Zahlen immer noch eins dazu fügen kann und nicht an ein Ende gerät. So argumentierte schon Giordano Bruno, der Metaphysiker der Unendlichkeit, um 1600. Wirft man am Rand des Universums einen Stein, so gehört das, wohin er fällt, auch noch zur Welt. Die Unendlichkeit der Welt ist in diesem Sinn ein Potenzbegriff des immer Weiter, sie benennt den physikalisch fassbaren Raum der Welt. In diesem Sinn ist die Welt seither unendlich, als immer noch weiter, obwohl sie nicht wirklich qualitativ und nicht an sich unendlich ist. In diesem Sinn wohnt auch Gott nicht in der räumlichen Unermesslichkeit des Weltalls.

Davon unterscheidet der Mathematiker Georg Cantor im 19. Jh. einen qualitativen Unendlichkeitsbegriff der intensiven Unendlichkeit. Er meint damit eine nicht räumlich extensiv ausgedehnte Unendlichkeit, sondern eine, die qualitativ intensiv bestimmt ist. Er nennt diese die aktuale Unendlichkeit und schreibt sie Gott zu. Diese ist eine aktuale Unendlichkeit, die nicht räumlich ausgedehnt ist, die man nicht bemessen, nicht begrenzen kann, sondern höchstens berühren kann.

Die Unendlichkeit Gottes in diesem Sinn kann man nicht räumlich-endlich be-greifen, nicht um-fassen, nicht er-fassen, man kann sie quasi nur im Geist berühren. Gott ist in seiner Unendlichkeit das absolute Unendliche, man kann ihn in gar kein Verhältnis zum Endlichen setzen. Daher kann man ihn nur berühren, sich ihm auch durch das Denken nur annähern, wie schon Nikolaus Cusanus im 15. Jh. sagte. Gott können wir gar nicht abschließend und erschöpfend denken. Gott bleibt dem Verstand ein Geheimnis, dem wir uns nur näherungsweise, d.h. mit Gleichnissen und Vergleichen nähern können. Daher können wir das Wo Gottes, den Ort, an dem er wohnt, aber auch nur gleichnishaft, metaphorisch erfassen.

Der Himmel Gottes ist so gesehen, wie man auch schon im Mittelalter wusste, golden. Er ist ganz anders. Er ist nicht teil der Welt, sondern jenseits in Transzendenz und Immanenz: Gott ist in der Welt jenseitig, und als Transzendenz, als Jenseitigkeit gegenwärtig. Seine intensive Unendlichkeit ist überall in der Welt und doch überall jenseitig. Gott ist qualitativ unendlich, sagten schon die Mystiker intuitiv, insofern er alles durchdringt und erfüllt, und zwar innerlicher als die Menschen und Dinge sich selbst gegenwärtig sind. Gottes Unendlichkeit ist überall da, jedoch überall jenseitiger und innerer als alles was ist.

Gottes (All)Gegenwart im Raum

Die Vorstellung einer Gegenwart Gottes, die den Raum erfüllt, aber auch übergreift, ist grundlegend schon mit biblischen Gotteserfahrungen verbunden: Flöge ich ans äußerste Meer, so würde auch dort deine Hand mich halten, betet der 139. Psalm; in ihm weben, leben und sind wir, formuliert Apg 17,27 die gemeingültige Gottesvorstellung der Antike. So ist seit den biblischen Tagen mit der Vorstellung Gottes auch seine Gegenwart an jedem Ort verbunden und diese Gegenwart hat eine räumliche Dimension. Die Gegenwart als eine räumliche Gegenwart ist mit Gott überhaupt so wesentlich verbunden, dass damit nicht nur die Frage „Wo wohnt Gott?“ angesprochen ist, sondern eine der grundlegenden Eigenschaften Gottes benannt ist.

In der theologischen Tradition wird dies als unermessliche, als wesentliche und wirksame Gegenwart Gottes charakterisiert. Der lateinische Merksatz lautet: Enter praesenter Deus hic et ubique potenter (Gott ist in wesentlicher, gegenwärtiger und wirksamer Weise hier und überall anwesend.“

Die Schwierigkeit war von Anfang an, Gottes Gegenwart räumlich zu denken, aber doch so, dass Gott gerade nicht selbst räumlich oder gar ausgedehnt vorgestellt wird. Daher hat man seine Gegenwart in paradoxen Formeln gefasst, seine überall ganze Gegenwart sei immanent und transzendent, gleichermaßen in allem wie über allem. Gott ist wie eine unendliche Kugel, deren Zentrum überall und deren Umfang nirgends ist, sagte man im Mittelalter. So formulierten es viele neuplatonische Mystiker. Selbst Martin Luther konnte sagen: Gott ist an allen Orten wesentlich und gegenwärtig, im geringsten Baumblatt wie in jedem Körnlein. Auch wenn es unbegreiflich ist. „Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner, nichts ist so groß, Gott ist noch größer.“

Die Gegenwart Gottes, die räumlich ist, aber im Raum nicht aufgeht, konnte solange aufrecht erhalten werden, solange Gott und Raum nicht in Konkurrenz zueinander traten. Das aber war im Laufe der Neuzeit der Fall. Die unermessliche Gegenwart Gottes wurde so sehr räumlich und der Raum so sehr göttlich, dass beide in ein Entweder-oder gerieten. Dies geschah so.

Die eine Entwicklung war die genannte Unendlichwerdung des Weltraumes. Solange die Welt ein endlicher Kosmos war, war Gott immer „größer“, überstieg und durchdrang die Welt zugleich. Sobald jedoch der Kosmos, durch die Astronomie des 17.-19. Jh., bewiesen, unermesslich und in diesem Sinne unendlich wurde, übernahm der Weltraum auch Eigenschaften Gottes. Der Raum wurde unendlich. Damit wird ein zentrales Gottesprädikat auf Gott übertragen. Die Welt übernimmt die Eigenschaft der Unendlichkeit, die vorher Gott allein zukam. In der unendlichen Welt hat Gott sozusagen keinen Ort mehr, damit kommt Gott in eine Art „Wohnungsnot“, wie D.F. Strauß Ende des 19. Jahrhunderts spottete, und „auf die Welt fällt nun der Glanz der Unendlichkeit, der dem Altertum fremd und im Mittelalter Gott vorbehalten war“ (C.F.v. Weizsäcker).

Die zweite Seite der Entwicklung war die, dass dem Raum philosophisch und physikalisch ein eigenes „Seinsgewicht“ zuwächst, er erhält eine eigene, von der Materie unabhängige Realität. Der Raum, sagen die italienischen und die englischen Naturphilosophen des 17.-18. Jahrhunderts, ist ein Aufnehmer oder Behälter der Körper, in dem Körper lokalisiert sind. Damit erhält der Raum ein selbständiges Sein. Der Raum bekommt eigenständige Realität, unabhängig von der Materie. Er bleibt unveränderlich beständig derselbe, egal wie in ihm Köper sich bewegen. Er bleibt auch dann, wenn man Körper aus ihm entfernt. Der Raum ist überall gleich homogen und mit sich identisch unbeweglich. Und er ist sogar notwendig unendlich, da er alles enthält, mehr noch auch trägt und erhält. Damit übernimmt der Raum wesentliche Funktionen, die bis dahin ausschließlich Gott selbst zugeschrieben worden waren. Im Raum „leben, weben und sind wir“ (T. Campanella). Das ist ersichtlich ein Zitat von Apg 17, wo der allgegenwärtige Gott als der bezeichnet wird, in dem wir leben, weben und sind. Dem Raum werden also wesentliche Funktionen der Allgegenwart Gottes zugeschrieben, zu enthalten und zu erhalten.

Mit dieser Auffassung eines „absoluten“ Raumes war demnach die Gefahr der Vergöttlichung des Raumes ebenso verbunden wie die der Verräumlichung Gottes. Denn wenn alles, was ist, räumlich ist, und der Raum der Inbegriff von Sein überhaupt ist, so die Kritik von Immanuel Kant, dann müsste man auch Gottes Gegenwart räumlich vorstellen und Gott, wie von einem Raum umgeben, in die Welt einschließen. Um dem zu entgehen, plädiert Kant dafür, erstens den Raum nicht als Realität an sich, unabhängig von den Körpern zu denken, sondern als „Form der Anschauung“, und zweitens die Gegenwart Gottes raumlos zu verstehen. So hat es F. Schleiermacher übernommen und damit für die Theologie bis heute schulbildend gewirkt.

Aber an dieser Standardauffassung der neuprotestantischen Gotteslehre meldet sich nun ein theologisches Problem: Der Weltbezug Gottes ist hier nur noch strikt raumlos gedacht, d.h. geistig im Gegensatz zur Körperlichkeit und Ausdehnung. Gott hat damit keinen Raumbezug mehr, er hat nur noch geistig-moralischen Weltbezug. Das aber ist religiös fatal und theologisch problematisch.

Natürlich kann man sich, wie oben gezeigt, über den Begriff der aktualen Unendlichkeit Gottes Gegenwart begrifflich konsistent denken.

Aber es wäre religiös zumindest besser und einfacher, wenn der gedachten raumlosen Gegenwart auch eine fühlbare und vorstellbare räumliche Gegenwart korrespondieren würde, da der glaubende Mensch Gott eben nicht allein im Unendlichen des Verstandes, sondern auch außer sich, d.h. im Raum, zu erfahren glaubt und auch lokal auf sich und seinen raumzeitlichen Ort bezogen weiß.

Allerdings ist für solche Lokalisation der geometrische Raum ungeeignet. Denn der ist ortsexklusiv und eine Lokalisation Gottes wäre dann doch nur raumhaft-ausgedehnt zu denken. Aber entscheidend für uns ist, dass nur der euklidische, geometrische Raumbegriff einen Raumbezug Gottes ausschließt. Ein Raumbezug Gottes ist damit nicht überhaupt ausgeschlossen, aber er hängt am Raumbegriff. Um einen Raumbezug Gottes positiv formulieren zu können, braucht es einen anderen Raumbegriff. Kurz gesagt: Wir brauchen einen nicht homogenen, nicht geometrischen Raum, sondern einen gegliederten Raum, der Anwesenheit und Nähe ebenso wie Ferne und Weite zu denken ermöglicht, der weder Gott verräumlicht, noch den Raum vergöttlicht.

Gott und der Raum, der Raum und Gott

Einer der ersten, der in der evangelischen Theologie einen solchen, nicht geometrischen Raumbegriff aus theologischem Interesse entwickelt hat, war Karl Heim. Von seinen frühen Schriften an versucht er die neuen Entwicklungen des Denkens in Philosophie und Naturwissenschaften aufzunehmen. Was Heim beabsichtigt, ist jedoch, den alten Newtonschen Raumbegriff eines mathematischen Behältermodells, das über die Welt gelegt wird, zu überwinden.

Er versucht, wissenschaftstheoretisch gesagt, einen nicht metaphysisch-spekulativen, sondern erfahrungsorientierten Zugang zur Wirklichkeit zu suchen, wie es im alltagsweltlichen und naturwissenschaftlichen Realismus gleichermaßen geschieht. Diese Tendenz führt zu einer relationalen Ontologie. Das Prinzip der Relativität gilt Heim ontologisch und erkenntnistheoretisch als die „Weltformel“, die auch von der Tendenz der neuen Physik bestätigt wird. Die Welt relational zu verstehen, bedeutet anzuerkennen, dass es keine letzten Gegebenheiten gibt.

Die Wirklichkeit besteht nicht aus ontologisch isolierten und separierten Entitäten, sondern aus einem Geflecht an Relationen. Die Wirklichkeit ist nicht aus definiten, an sich unterschiedenen Entitäten aufgebaut. Es gibt keine letzten Gegebenheiten. Kein Gegebenes ist nicht wieder teilbar. Kein Unterschiedenes ist nicht wieder in Unterscheidungen, in Verhältnisse auflösbar. „Wir haben es also überall in der Welt, soweit wir sehen können, immer nur mit Verhältnissen zu tun und niemals mit letzten Gegebenheiten, die sich nicht wieder in Verhältnisse auseinanderfalten ließen. Alle Einheiten, von denen wir sprechen, sind nur latente, mögliche Verhältnisse.“

Wenn aber alle Einheiten wieder in Verhältnisse auflösbar sind, dann ist die Wirklichkeit aus Verhältnissen, nicht aus Einheiten aufgebaut. Philosophisch bedeutet diese Verhältnislogik Heims die endgültige Abkehr von der Substanzmetaphysik hin zu einer relationalen, dynamischen Ontologie der Verhältnisse, eine Konzeption, die dann von der amerikanischen Prozessphilosophie von Alfred North Whitehead wenig später eingelöst wurde. Aber auch ein Grundgedanke der Relativitätstheorie ist darin berücksichtigt, das Relativitätsprinzip nämlich, das in dieser Grundform nicht erst von Einstein 1905 erfunden wurde, sondern schon auf Galilei zurückgeht und schon dem Mittelalter bekannt war, dass es keine absolute Bewegung gibt. Aber auch die Quantenphysik, seit 1900 von Planck entwickelt, kann, zumindest in der feldtheoretischen Formulierung seit den 30er Jahren, als Bestätigung der Weltformel genommen werden. Die letzten Bausteine der Materie sind nicht harte Partikel, die Atome sind nicht unteilbar, die Elementarteilchen kann und muss man ebenso auch als Wellen beschreiben, d.h. als ausgedehnte, sich dynamische verhaltende Entitäten. Also: Nirgends feste, absolute Bausteine, sondern Verhältnisse von Verhältnissen. Die Wirklichkeit ist nicht, sie geschieht, sagt Heim mit dem Physiker James Jeans, und Whitehead könnte es ähnlich sagen. Die Wirklichkeit ist ein dynamischer Prozess von Verhältnisbildungen.

Jedenfalls ergibt sich, wenn das Wesen der Wirklichkeit in einer Folge von Verhältnisbildungen, er sagt auch Entscheidungen, gesehen wird, ein neues, nichtdeterministisches Weltbild. Die Grundkonstituentien der Welt sind nicht die Atome und Dinge (die isolierten Entitäten), die sich sekundär zusammenordnen, sondern die Entscheidungen selbst, so dass Wirklichkeit als sich ständig neu konstituierendes, lebendig-schöpferisches Gefüge von Verhältnissen erscheint.

Fragen wir, wo Gott in dieser Welt wohnt, so lautet die Antwort: Überall und nirgends. Er wohnt überall, indem er alle Verhältnisse und Prozesse unsichtbar durchdringt, und er wohnt nirgends, insofern er darin nicht fassbar, nicht objektivierbar ist.

Gott ist wie eine andere, höhere Dimension jenseits der Dimensionen der Welt. Karl Heim verwendet für Gott das Wo des überpolaren Raumes: So wie die Dimensionen der Mathematik aufeinander aufbauen und voneinander doch unberührbar verschieden sind, so ist die Wirklichkeit insgesamt polydimensional geschichtet: die Dimensionen sind irreduzibel, sind nicht auf einander reduzierbar: Ein Ich ist kein Es, ein Es ist kein Du, wie Heim mit den dialogischen Philosophen, wie Martin Buber sagt. So ist Gottes Raum jenseits aller Schöpfung, also überpolar, aber so doch in aller Schöpfung, eine Art Weltinnenraum, die von innen her die Welt bestimmt. Als solcher ist Gott jedoch nicht objektivierbar, sondern nur im Glauben erkennbar und erfassbar.

Um Gottes Ort und Raum als Möglichkeit zu denken, gibt es Analogien in Mathematik und Physik, in Philosophie und Psychologie. Um Gott als Wirklichkeit zu erfassen, braucht es Glauben und Religion.

Mit der theologischen Tradition des Luthertums gesagt: Der unendliche Gott, der keinen Raum noch Ort hat, bindet sich doch an Raum und Ort. Gott, der „über“ aller Welt, ist doch auch „in, mit und unter“ den Räumen der Welt. Die Transzendenz Gottes hat ihren Ort zugleich intramundan im Weltinnenraum. Der Gott, der begrifflich allgemein unendlich über allem ist, begibt sich nach der Überzeugung des christlichen Glaubens in die Welt hinein, ist gegenwärtig an Raum und Ort, indem er sich in der Person Jesu Christi, im Abendmahl gegenwärtig macht. Gott ist überall da, wo er als gegenwärtig geglaubt wird, weil er als solcher geglaubt wird, der sich im Raum, an Orten gegenwärtig macht, sich inkarniert. Dort ist Gott da, wesentlich, wirksam und präsent als Macht, als Kraft, als Liebe. Dort und so wohnt Gott, so ist er bezogen auf die Welt im Glauben.

Was das heißt, wie sich das auswirkt, wie sich das zeigt, im Zusammenleben von Menschen an Orten und in Räumen, ist eine anschließende Frage. Hier haben wir nur die des Wo Gottes, seines Wohnortes thematisiert.

Ulrich Beuttler
Publiziert im April 2022

Ulrich Beuttler, geb. 1967, ist apl. Prof. für Systematische Theologie der Universität Erlangen-Nürnberg; Pfarrer der evang. Markusgemeinde in Backnang; Lehrbeauftragter der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Zum Weiterlesen siehe die Monographie Ulrich Beuttler, Gott und Raum. Theologie der Weltgegenwart Gottes, Göttingen 2010 und seinen Beitrag in „Gottes räumliche Präsenz. Eine theologische Neukonzeption aus phänomenologischen Raumbegriffen“, in: Katarina Karl / Stephan Winter (Hg.), Gott im Raum?! Theologie und spatial turn: aktuelle Perspektiven, Münster 2021,S. 79-94.

Bildnachweis

  • Geozentrisches Weltbild im Mittelalter aus der Schedelschen Weltchronik um 1493 Hartmann Schedel (photo: Heinz-Josef Lücking) - Liber chronicarum mundi Geocentric universe and the hierarchies of cherubims and seraphims, etc., leading to God. From Hartmann Schedel, Liber chronicarum mundi, (Nuremberg Chronicle) Nuremberg, 1493. Woodcut. (c) Wikimedia Commons (Ausschnitt)
  • Mosques Dome on dark blue twilight sky and Crescent Moon on background, symbol islamic religion Ramadan and free space for text arabic, Eid al-Adha, Eid al-fitr, Mubarak, Islamic new year Muharram (c) Adobe Stock #489889185 von Nature Peaceful
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Wo wohnt Gott?

Diskussion zum Leitartikel von Ullrich Beuttler

Wo ist Gott für sie heute zu finden? Im Himmel?

Kommentare (3)

  • Hubert Meisinger
    Hubert Meisinger
    am 15.04.2022
    Ein lesenswerter Artikel von Ullrich Beuttler. Ich frage mich nur, wie er geschrieben hätte werden müssen, wenn Gott nicht mit ihm, sein, ihn in Verbindung gebracht würde... ????
  • Rolf Berenz
    Rolf Berenz
    am 23.04.2022
    Gott ist höchstwahrscheinlich höherdimensioniert als die Raumzeit.
    https://www.youtube.com/watch?v=takn4FPkId4

    Dennoch ist durchaus denkbar, dass Gott auch im Universum als Individuum lokalisiert sein kann. Der christliche Glaube lehrt dies in der Person Jesus von Nazareth. Auch die Wiederkunft Christi kann sich so darstellen, dass er aus einer anderen Dimension materialisiert (Auferstehungsleib) oder aus den Tiefen des Raumes (Alien) wiederkommt. Wir sollten auf einiges Überraschendes gefasst sein.

    Materie gibt es nicht. Sie ist eine Wahrnehmung. Im Kleinsten gibt es nur Energiefluktuationen (Feldänderungen). Das ist aber Information und die ist Geist. Gott ist Geist. Der Geist prägt die Materiewahrnehmung.
  • Rolf Berenz
    Rolf Berenz
    am 23.04.2022

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