Zeit und Ewigkeit

Leitartikel von Antje Jackelén

"Was also ist 'Zeit'? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht." Sobald von der Zeit die Rede ist, wird diese Bemerkung des Kirchenvaters Augustin aus dem Jahre 397 gern zitiert. Sie stammt aus dem elften Buch seiner Bekenntnisse, in dem Augustin sich intensiv mit der Zeit auseinandersetzt. Viel seltener ist von den Anfangszeilen dieses elften Buchs die Rede.

Hier wendet sich Augustin im Gebet an Gott: "Dein ist die Ewigkeit." Mit anderen Worten: Alle Zeit umfasst du.
Wozu dann über die Zeit nachdenken? Nicht etwa, um Gott etwas Neues zu erzählen, "nein, die Liebe zu Dir will ich erwecken in mir und in denen, die das lesen". "Aus Liebe zu Deiner Liebe tu ich dies." Der Drang zum Verstehen ist Ausdruck der Liebe zur Weisheit und deren Quelle.

Vielleicht trifft das besonders auf die Frage nach Zeit und Ewigkeit zu! Wie wichtig ist es eigentlich, diese komplizierten Begriffe zu definieren? Für Physiker wirkt es einfach: Zeit ist, was man mit Zeitmessgeräten misst. Ewigkeit spielt dabei keine Rolle. Für Philosophen ist die Sache komplizierter. Zeitphilosophische Studien füllen etliche Regale. Theologen fragen sich, was lineare und zyklische Zeitverständnisse über Gott und die Welt aussagen, ob der Unterschied zwischen Zeit und Ewigkeit quantitativ oder ontologisch (seinsmässig) ist, wie Apokalyptik oder Eschatologie (die Lehre von den letzten Dingen) das Verhältnis von Zeit und Ewigkeit beschreiben und vielleicht auch, wie Zeittheorien der Physik die Theologie beeinflussen. Je mehr ich über diese Dinge nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass die theologischen Fragen eigentlich weniger auf Definitionen von Zeit und Ewigkeit zielen als vielmehr auf die Relation und Dynamik zwischen Zeit und Ewigkeit.

Lineare und zyklische Zeit

Ich halte es mit Paul Ricoeur und seiner These, dass man Zeit eigentlich nur als erzählte Zeit begreifen kann, und füge hinzu, dass Zeit immer auch in Relation zu "dem Anderen der Zeit", Ewigkeit, gesehen werden muss: Zeit also als erlebte Erfahrung statt als abstrakte Größe, und Zeit als Tanzpartnerin der Ewigkeit statt als geschlossenes System. Diese Sichtweise schützt vor unnötigen Polarisierungen und erlaubt es, Nuancen und Veränderungen im Zeit- und Ewigkeitsverständnis zu beschreiben.

Gerade Polarisierungen und das Ausblenden von Nuancen und Veränderungen haben theologisch bisweilen in die Irre geführt. Zum Beispiel war der Alttestamentler Gerhard von Rad der festen Überzeugung, dass ein linearer, chronologischer Zeitbegriff eine epochale Errungenschaft Israels war. Hier wurde das zyklische, an polytheistische Fruchtbarkeitskulte gebundene Zeitverständnis überwunden zugunsten eines historischen Verständnisses mit Jahve im Zentrum. Von einer unterschwelligen Bewertung des Linearen als maskulin und überlegen in Kontrast zum Zyklischen als feminin und unterlegen kann man hier kaum absehen.

In Wirklichkeit zeugen aber sowohl die biblischen Texte als auch menschliche Erfahrung davon, dass lineares und zyklisches Zeitverstehen und Zeiterleben Hand in Hand gehen. Wir leben gleichzeitig im Bewusstsein der unerbittlichen Linearität der Zeit - das Vergangene ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht - und feiern dabei doch immer wieder die Wiederkehr des Gleichen. Ohne "Alle Jahre wieder...", ohne die Strukturierung der Zeit in liturgischen, kulturellen und biologischen Zyklen kommen wir nicht aus. Die Zeit schießt dahin wie ein Pfeil und kehrt in Jahreskreisen doch immer wieder. Existentiell können wir beides gleichzeitig als wahr erfahren.

Warum ist das so? Eine mögliche Antwort wäre: weil Zeit immer in einem Verhältnis zu einem Anderen, zu dem, was wir Ewigkeit nennen, steht. Diese Aussage ist nicht trivial, wie ein Vergleich mit der von dem Theologen Oscar Cullmann vertretenen Zeitauffassung deutlich macht. Cullmann meint, Ewigkeit sei nur ins Unendliche verlängerte Zeit, so dass der Unterschied zwischen beiden im Grunde aufgehoben wird. Zeit wird zu einer Geraden, zu einer ansteigenden Zeitlinie. Cullmann meint, damit das neutestamentliche Zeitverständnis korrekt widerzugeben. Ihm entgeht dabei aber zumindest zweierlei. Erstens existieren im Neuen Testament mehrere Zeitauffassungen Seite an Seite, und zweitens ist seine Vorstellung der ansteigenden Gerade mehr Ausdruck des Newtonschen Begriffs der absoluten Zeit, gewürzt mit einer kräftigen Prise abendländischem Fortschrittsdenken, als Resultat neutestamentlicher Forschung. Gewiss lohnt es sich also für Theologen, beim Thema Zeit zumindest ein Auge auf die naturwissenschaftliche Theoriebildung zu werfen. Manch theologischer Gedankengang ist tief beeinflusst von einem popularisierten Konzept der absoluten Zeit, ohne sich dessen bewusst zu sein. Raum und Zeit erscheinen als feste Bühne für das kosmische Theaterspiel. Hier liegt Brett an Brett. Die Position der Akteure ist objektiv beschreibbar. Gott garantiert die Stabilität des Systems.

Zeit als Theaterbühne und Trampolin

Was aber passiert mit dieser Vorstellung, wenn Theologen die Physik des 20. Jahrhunderts mitbedenken? Die Relativitätstheorien haben gezeigt, dass der Unterschied zwischen Bühne und Schauspiel ein künstlicher ist. Raum und Zeit sind genauso Teil des Dramas wie die Schauspieler. Eine adäquate Beschreibung kann sich nicht mehr nur auf die Positionen der Schauspieler beschränken. Jetzt müssen sowohl Akteure als auch Schauspiel, Bühne und Zuschauer sowie deren Interaktion beschrieben werden. Das universell geltende Jetzt als Orientierungspunkt muss einer Vielfalt von bewegungsabhängigen Eigenzeiten weichen. Bildlich gesprochen ist die Newtonsche Zeit kahl und leblos wie eine leere Theaterbühne. Im Vergleich dazu hat Einstein die harten Bühnenbretter gegen ein Trampolin ausgetauscht. Mittels der Quantenphysik hat Heisenberg dieses Trampolin gleichsam mit flüssigem Stickstoff übergossen und eine Lichtorgel installiert. In blitzartiger Beleuchtung sehen wir Augenblicksbilder eines nebulösen Daseins. Diesem Szenario entspricht dann keinesfalls die statische Vorstellung einer Kosmologie mit unendlich fließender Zeit, sondern tatsächlich eher das Bild eines Tanzes.

In theologische Terminologie übersetzt handelt es sich hier um die eschatologische Spannung zwischen dem Schon und dem Noch-nicht. Schon ist das Reich Gottes angebrochen, aber es ist noch nicht verwirklicht. Schon sind die Getauften mit Christus tot und begraben, um ein neues Leben zu leben (Römer 6, 3-4), aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden (1. Johannes 3, 2). Diese eschatologische Spannung stört die lineare Chronologie. Sie bricht die Linearität auf, indem sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in so intensive Beziehung mit dem Anderen der Zeit setzt, dass Neues entsteht.

Alles hat seine Zeit

Dies lässt sich gut an einem bekannten Text aus dem Prediger Salomo (3, 1-15) zeigen: "Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit." Dieser Text wäre recht banal, wenn es hier lediglich um eine chronologisch-lineare Zeit ginge - ein unendliches Fließband, auf dem päckchenweise Gebären und Sterben, Weinen und Tanzen, Krieg und Frieden vorbeiziehen. Aber gerade so haben viele Kommentatoren ihn immer wieder verstehen wollen. Das kommt wohl daher, dass Newton den Deutungsrahmen bestimmte, so dass Determinismus den Blick für dynamische Beziehung verstellte. Im Lichte der neueren Physik macht es durchaus Sinn, bei diesem Text von einer inneren Zeit, von einer Eigenzeit aller dieser Phänomene zu sprechen. "Alles hat seine Zeit, und alles hat seine innere Dynamik", wäre in diesem Sinne eine angemessenere Deutung. Eine solche Interpretation ist mit Erkenntnissen aus dem Bereich der Naturwissenschaft vereinbar, lässt sich aber nicht aus diesen herleiten.

Ähnlich könnte man dann Ewigkeit anstatt als Gegensatz zur Zeit des Menschen als Gottes Eigenzeit verstehen. Diese göttliche Eigenzeit steht zu anderen Zeiten in Relation, geht aber nicht in diesen auf. Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit und den Menschen die Ewigkeit in ihr Herz gelegt, sagt der Prediger. Gabe und Geheimnis des Lebens ist es, dass Gott die Ewigkeit als Gottes eigene Zeitform in alles hineingelegt hat. Deshalb können wir sowohl vom menschlichen Transzendenzhunger, der in Gottes- und Sinnfragen zum Ausdruck kommt, als auch von göttlichem Drang zur Immanenz, der sich in der Menschwerdung Gottes verwirklicht, sprechen.

Im Lichte dieser Gedanken lässt sich auch die in rein chronologisch-linearer Perspektive widersinnige Behauptung des Predigers verstehen, dass man sich vor Gott nicht fürchten soll: "Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist" (Prediger 3, 14-15). Im Rahmen einer nur chronologisch-linearen Zeitauffassung sind dies schreckeinjagende Aussichten. Mit einem Zeitverständnis, das die eschatologische Spannung von Schon und Noch-nicht und Eigenzeiten berücksichtigt, öffnet sich hier eine weitaus versöhnlichere und heilvollere Perspektive.

Weihnachts-Zeit

Was dem theologischen Denken immer noch schwer fällt - die Newtonsche Brille sitzt fest auf unseren Nasen! - ist der theologischen Poesie sehr viel mehr vertraut. Ein Weihnachtslied Jochen Kleppers, dessen Tod sich gerade zum siebzigsten Mal gejährt hat, zeigt dies deutlich.

"Du Kind, zu dieser heilgen Zeit gedenken wir auch an dein Leid, das wir zu dieser späten Nacht durch unsre Schuld auf dich gebracht. Kyrieleison.
Die Welt ist heut voll Freudenhall. Du aber liegst im armen Stall. Dein Urteilsspruch ist längst gefällt, das Kreuz ist dir schon aufgestellt. Kyrieleison.
Die Welt liegt heut im Freudenlicht. Dein aber harret das Gericht. Dein Elend wendet keiner ab. Vor deiner Krippe gähnt das Grab. Kyrieleison."

In diesem Text von 1938 wechselt der Dichter frei zwischen verschiedenen Zeitebenen, zwischen Gleichzeitigkeit und Vielzeitigkeit. Das Heute der vergangenen Geburt im Stall ist ein anderes als das der (beim Singen des Liedes) heutigen Weihnachtsfreude, dennoch werden im Lied beide gleichzeitig. Das vom Zeitpunkt der Geburt aus noch zukünftige Todesurteil geht dem Heute der Geburt doch schon voraus: das Kreuz ist schon aufgestellt; vor der Krippe gähnt das Grab. Die Zeiten sind unterschieden und gleichzeitig verschränkt aufeinander bezogen. Zukunft wird Vergangenheit, Vergangenheit wird Gegenwart.

Auf dieser Basis entwickelt Klepper in der Endstrophe dieses ernsten Weihnachtslieds dann doch noch eine hoffnungsvolle Vision. Das Schon von Krippe und Grab nimmt das Noch-nicht voraus, ohne ihm deshalb den Charakter eines wirklichen Noch-nicht zu nehmen: "Wenn wir mit dir einst auferstehn und dich von Angesichte sehn, dann erst ist ohne Bitterkeit das Herz uns zum Gesange weit. Hosianna."

Antje Jackelén

Veröffentlicht im Dezember 2012

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Mehr zu diesem Thema in: Antje Jackelén, Zeit und Ewigkeit. Die Frage der Zeit in Kirche, Naturwissenschaft und Theologie, Neukirchen-Vluyn 2002.

 

Antje Jackelén ist Bischöfin der Diözese Lund, ab 2014 Erzbischöfin der Schwedischen Kirche. Von 2001-2007 hat sie Systematische Theologie und Religion and Science an der Lutheran School of Theology in Chicago gelehrt und war dort von 2003-2007 Direktorin des Zygon Center for Religion and Science. Sie ist derzeit Präsidentin der European Society for the Study of Science and Theology (ESSSAT). Jackelén ist die Autorin zahlreicher Aufsätze und verschiedener Bücher, darunter "Zeit und Ewigkeit. Die Frage der Zeit in Kirche, Naturwissenschaft und Theologie" (2002). und "The Dialogue between Religion and Science: Challenges and Future Directions" (2004). Ihr neuestes Buch ist "Gud är större" (2011).

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Zur Frage von Zeit und Ewigkeit

Ihr Verhältnis vor dem Hintergrund naturwissenschaftlicher Zeitvorstellungen

Zu Weihnachten sind die Zeiten unterschieden und gleichzeitig verschränkt aufeinander bezogen, so unsere Gastautorin Bischöfin Antje Jackelén zum Thema "Zeit und Ewigkeit". Zukunft wird Vergangenheit, Vergangenheit wird Gegenwart. Was sind Ihre Assoziationen zu Zeit und Ewigkeit? Teilen Sie hier Ihre Gedanken mit uns.

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