In einem offiziellen Gesuch plädiert der Päpstliche Kulturrat für die Rehabilitierung des interdisziplinären Pioniers Pierre Teilhard de Chardin - Anlass für den systematischen Theologen Jan-Heiner Tück, in die Gedankenwelt Teilhards einzuführen. Da mit der positiv zu würdigenden Grundintention Teilhards, Glaube und Evolution zu versöhnen, tiefgreifende Veränderungen in Schöpfungs-, Gottes- und Christusverständnis einher gegangen seien, habe Teilhard von Anfang an bis über seinen Tod hinaus "Schwierigkeiten mit den kirchlichen Autoritäten" gehabt. Erst mit dem Zweiten Vaticanum seien "Rezeptionsblockaden" gefallen, und Papst Franziskus habe nun "positiv auf Teilhard de Chardin Bezug genommen". Der Autor begrüßt eine Rehabilitierung Teilhards, was eine "Selbstkorrektur des römischen Lehramtes" einschließe, aber auch bedeute, "die selektive Rezeption Teilhards in Esoterik und New Age, in Transhumanismus und Digitalismus kritisch unter die Lupe zu nehmen". Bei einer Rehabilitierung müsse allerdings "die methodische Unschärfe, aber auch die eigenwillige Begrifflichkeit Teilhards" vermieden werden, wenn man im aktuellen interdisziplinären Gespräch ernst genommen werden wolle.

In das Dunkel unseres Ursprungs, des Übergangs vom Vormenschen zum Homo sapiens, fällt neues Licht durch Genforschung. Vor 280.000 Jahren verbesserte sich durch Genverstärkung der Eisenstoffwechsel und damit die Sauerstoffversorgung. Nur dadurch konnte der Mensch zu dem ausdauernden Langstreckenläufer und guten Jäger werden, der den Energiehunger eines ständig wachsenden Hirns durch fleischliche Nahrung stillen konnte. Durch Genaustausch mit anderen Stämmen ("Afrika war ein Schmelztiegel") kamen andere Faktoren wie kognitive Optimierungen und damit die notwendige Ausstattung zusammen, die sich zum Homo sapiens verdichten konnte. Die genannte Genverstärkung hatte dabei nur an Stellen des Erbgutes eine Chance, die besonders instabil waren. Die Kehrseite der Medaille: Da sich an den unstabilen Stellen durch Zufall auch Verluste ereignen, muss eine Vielzahl von geistigen Behinderungen als der Preis angesehen werden, der für die Erfolgsgeschichte des Homo sapiens zu zahlen war. Wieder einmal zeigt sich – und damit wird der Artikel zu einem (unbeabsichtigten) Beitrag zur Theodiezeefrage –, dass dieselben Mechanismen, die für die Entstehung des Menschen notwendig sind, auch für die Entstehung von Übeln verantwortlich sind. Das eine scheint ohne das andere nicht zu haben zu sein.

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Paul Wallace, Autor des Buches "Unter uns die Sterne - Gott im evolvierenden Kosmos finden", erzählt in diesem biografischen Artikel, wie er seine Glaubenszweifel überwinden konnte, die er angesichts der vermeintlichen Unvereinbarkeit eines liebenden, vorsehenden Gottes mit der ineffizienten und Leid schaffenden Evolution empfand. Schlüssel für Wallaces Umdenken war ein Buch von Thomas Jay Oord, das ihm den Grund seiner Zweifel vor Augen führte: eine "falsche Sicht von Gottes Wirken in der Welt", das unter Gottes Vorsehung ein ständiges, korrigierendes Eingreifen in den Lauf der Welt verstand. Demgegenüber habe Oord die Evolution als 3 Milliarden Jahre dauerndes Drama göttlicher Liebe vorgestellt, in dem Gott "nicht wesentlich allmächtig, sondern wesentlich liebend und kreativ" gesehen wird. Insofern es in einer solchen Welt "keinen Hauch eines göttlichen Zwangs" gebe, könne Gott auch Tod und Leid nicht beenden. Diese Sicht würden manche wohl nicht befriedigen, vermutet Wallace. Für ihn selbst jedoch macht Evolution nun wieder "Sinn im Lichte göttlicher Liebe".

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Der Evolutionsbiologe David P. Barash richtet sich in diesem Artikel gegen Stephen Jay Goulds Prinzip der "nicht überschneidenden Bereiche" (nonoverlapping magisteria = NOMA) von Evolution und Religion. NOMA habe sich zwar im wissenschaftlichen Establishment weitgehend durchgesetzt, für Barash aber sind "diese Bereiche längst nicht so überschneidungsfrei, wie manche es sich wünschen". Im Gegenteil, der Fortschritt der evolutionären Wissenschaft gehe mit dem Rückschritt der Religion einher. Drei vernichtende Argumente macht Barash für das Rückzugsgefecht verantwortlich: 1. Das seit William Paley benutzte Argument aus der Komplexität sei seit Darwin hinfällig; 2. Die Sonderstellung des Menschen ("ganz der alte göttliche Vater") sei durch die natürliche Abstammung obsolet geworden; 3. Einsichten in die Evolution gäben keinen Indikator für einen guten Schöpfer her (Theodizeefrage). Wer also beide Bereich für vereinbar halte, komme ohne geistige Verrenkungen nicht aus. Soweit Barash.

Der Artikel erscheint dem Rezensenten im Blick auf die wirkliche Dialog- oder Konfliktlage unterkomplex. So ist 1. das Komplexitätsargument keine "Säule religiösen Glaubens" - allenfalls im modernen Kreationismus, wie Barash selbst schreibt. 2. Natürliche Abstammung und Sonderstellung schließen sich nicht notwendig aus, und 3. verschärft die Evolutionstheorie das Theodizeeproblem nicht, sondern sie entschärft es.

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Der Beitrag stellt zunächst heraus, dass das neue Dawkins-Buch versöhnlicher daherkommt als "Der Gotteswahn" und sogar theologische Allianzen würdigt. Dennoch bleibe Dawkins ein "heftiger Widerpart jeder religiösen Weltinterpretation". Anders als bei der Gotteswahn-Polemik sei er nun ein "ernsthafter Gesprächspartner", da seine Argumentation auf der Theodizeefrage basiere. Dem Artikel ist insofern Recht zu geben, als die Theodizeefrage in der Tat auch für Gläubige eine dauernde Herausforderung darstellt. Die Argumentation, wonach die Evolution grausam und also kein Produkt eines guten Gottes sein könne, sollte indes differenzierter sein

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Der kurze Beitrag stellt als Kern-These Ayalas heraus, dass sich die Reiche von Religion und Wissenschaft nicht vermischen dürfen. Beispiele für solche Vermischungen seien gegeben, wenn Wissenschaftler folgern, es gäbe keinen Gott, oder wenn Kreationisten übernatürliche Interventionen zur Erklärung evolutionären Wandels einführten. Ayalas "Darwin's Gift" beschreibe die Evolutionstheorie als Hilfe, die Koexistenz von Übeln und einem guten und allmächtigen Gott zu erklären

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Für Constantin Magnis stellt sich der Film The Tree of Life der "vielleicht schwierigsten Frage der Christenheit", nämlich der Frage nach dem Leid angesichts eines gütigen Gottes. Er versuche, Schönheit und Grauen der Natur zusammen zu bringen, und auch die Familiengeschichte "in den geheimnisvollsten aller Kontexte, in das Gesamtwerk eines Schöpfergottes" einzuordnen. Der Film sei eigentlich Gebet und christliche Verkündigung, und enttäuschend sei, dass sich das deutsche Feuilleton darüber nicht empöre

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Für Verena Lueken ist der Film "Tree of Life" Trauerarbeit. Die Trauer um den verlorenen Sohn umfasse dabei auch die Evolution des Kosmos, der gegenüber der existenziellen Familientragödie gleichgültig bleibe. Für Lueken ist die Botschaft: "Es gibt keinen Sinn"

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Der mit der Goldenen Palme ausgezeichnete Film "The Tree of Life" wird als Versuch vorgestellt, mit filmischen Mitteln die Existenz Gottes zu beweisen. Verwoben wird das wunderbare, aber auch erschreckende der kosmischen Evolution mit dem realistischen Drama des menschlichen Lebens. Die Frage, warum Gott die Übel zulasse, hinterlässt eine "religiöse Unsicherheit" die der Rezensent als "das Beste an diesem religiösen Film" wertet. Der Regisseur halte diese "Angst, vielleicht ohne Gott sein zu müssen" aber nicht aus, sondern fliehe in eine kitschige Glaubenssicherheit

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Dass Übel beim Mechanismus der Selektion notwendig mitgegeben seien, war Kern der Argumentation von Michael Ruses Beitrag zum "Darwinismus und dem Problem des Übels". Der Blog SocraticGadfly versucht, Ruses Argumentation zu untergraben, indem er behauptet, Übel seien durchaus nicht notwendig in philosophischem Sinne. Gott hätte also eine bessere Welt schaffen können? Bei Nichtphilosoph Dawkins sei der falsche Gebrauch von "Notwendigkeit" verzeihlich, nicht aber beim Philosophen Ruse

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