Die Bedeutung von Technik und Medizin und ihre ethische Reflexion

Editorial von Frank Vogelsang

Technik erscheint in manchen Diskussionen als etwas, was zur menschlichen Kultur hinzukommt, was sein kann, aber nicht sein muss. Tatsächlich aber ist das Verhältnis Mensch - Technik unauflöslich. Der Mensch ist jenes Tier, das sich von Beginn seiner Existenz an Hilfsmittel angefertigt hat, um sein Leben zu erhalten. Er ist nach einer klassischen Definition „homo faber“, der herstellende Mensch.

Ist die Technik immer schon da, so wandeln sich die Technologien kontinuierlich. Die Geschichte der Menschheit kann auch als eine Abfolge unterschiedlicher Formen der Technik beschrieben werden. Es gibt immer wieder eine Diskussion um die Frage, ob die menschliche Geschichte eine Richtung hat. Bewegen wir uns auf einem eindeutigen Entwicklungspfad, gibt es gar einen Fortschritt?

Wenn man auf die verwendeten Technologien schaut, so scheint es in der Tat so etwas wie eine Richtung zu geben. Zum einen gehen wichtige technische Fähigkeiten in der Menschheitsgeschichte nie endgültig verloren. Das heißt, es kommt immer etwas hinzu, Altes wird gegebenenfalls durch Neues ersetzt, aber nicht einfach aufgegeben oder vergessen. Selbst der erhebliche Verlust an verfügbaren Technologien nach dem Untergang des Römischen Reiches wurde später leicht wieder ausgeglichen. Zum anderen entwickeln sich im Laufe der Zeit Technologien mit einer immer größeren Mächtigkeit. Sie ermöglichen einen immer größeren Warenverkehr, sie stellen eine immer größere Menge an Energie bereit, sie ermöglichen eine immer bessere medizinische Versorgung. Dies hilft zwar, die Gesundheit und die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen im Verlauf der Geschichte erheblich zu steigern. Sind wir also Teil einer aufwärtsstrebenden Entwicklung? Trotz all dieser Faktoren ist diese Geschichte der Technik aber keine simple Fortschrittsgeschichte. Denn fast alle Technologien waren und sind hoch ambivalent.

Das zeigt sich gerade in jüngster Zeit mit aller Dramatik: Auf der einen Seite ist es durch die Industrialisierung unbestreitbar gelungen, einen wesentlich höheren Lebensstandard zu erlangen, auf der anderen Seite droht durch eben diese Entwicklung ein unvergleichliches Artensterben und ein Klimawandel, der die Existenzgrundlage der Menschheit bedroht. Die Mobilität hat mit dem Welthandel auf der einen Seite deutlich zugenommen, auf der anderen Seite lernen wir zurzeit in der Corona Krise aber auch die damit einher gehenden Gefahren kennen. Zu den hoch ambivalenten Folgen technischer Entwicklung gehören ebenso die Atombombe wie der Eingriff in das menschliche Genom. Doch so sehr sich deshalb ein einliniger Fortschrittsgedanke verbietet, so ist auch ein Technik- und Kulturpessimismus fehl am Platz. Aufgrund der verschlungenen Wege der kulturellen Entwicklung in der Vergangenheit ist die Hoffnung berechtigt, dass Menschen aus den Gefahren der Technikanwendung lernen und diese verändern können. Dies ist aber immer ein offener und umstrittener gesellschaftlicher und kultureller Prozess. Umso wichtiger ist es in einer hochtechnologischen Zeit, über eine kontinuierliche ethische Reflexion die Folgewirkungen von Technologien frühzeitig in den Blick zu nehmen. Wird es möglich sein, durch neuartige Technologien den Klimawandel zu begrenzen? Welche Auswirkungen haben die digitalen Technologien auf die Gesellschaft? Welche Bedeutung hat der Einsatz von Künstlicher Intelligenz für die Entwicklung von demokratischen Staaten, welche Bedeutung hat sie für die Entwicklung der Arbeitswelt? Es darf nicht sein, dass man die ethische Reflexion der technischen Entwicklung erst dann beginnt, wenn die Technologien schon eingeführt sind. Leider war das in der Vergangenheit sehr oft der Fall.

Technik ist im allgemeinen Sinne immer bestimmt durch einen bestimmten Umgang mit Materie und Energie. Auch solche Technologien, die virtuelle Welten gestalten, sind von realer Energiezufuhr abhängig und können ohne sie die virtuellen Welten nicht aufrechterhalten. Die Entwicklung der Technologien zu einer immer stärker kontrollierten Auseinandersetzung mit der Umwelt und damit zu einer immer größeren Distanz hat wie beschrieben zugleich erhebliche negative Folgen. Eine Distanzierung des Menschen von seiner Umwelt durch Technik kann auch nicht gelingen. Denn Menschen sind leibliche Wesen und deshalb mit ihrer Umwelt auf unauflösliche Weise verbunden. Diese Verbundenheit zeigt besonders deutlich die Medizin, denn hier erscheint der kranke Leib zugleich als die betroffene Person und als ein Organismus, den man mit medizinischen Mitteln zu heilen versucht. In der Medizin werden die Grenzen der Herrschaftsansprüche durch moderne Technologien besonders deutlich erkennbar. Die Entwicklung der Medizin war in den letzten 200 Jahren atemberaubend, und doch ist deutlich: Menschen sind nach wie vor krank und vulnerabel. Auch die bestausgestatte medizinische Versorgung verhindert nicht Erkrankungen wie man etwa an der aktuellen Corona-Krise sehen kann. Zudem führt jede Zivilisation zu neuen Krankheiten. Menschen sind als leibliche Wesen immer Teil der Umwelt und auf das Innigste mit ihr verbunden, die Distanzierung über Technologien gelingt immer nur partikularen Bereichen. Das aber heißt, dass es gerade in der Medizin auch auf die Weisheit ankommt, die Handlungsoptionen, die durch Technologien entstehen, abzuwägen. Auch hier ist eine Ethik des technisch Möglichen notwendig, die abwägt zwischen dem Machbaren und dem Verantwortbaren.

Frank Vogelsang
Publiziert im April 2020

 

Hinweis der Redaktion

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens dieser Webseite eröffnen wir mit diesem Editorial unseres Herausgebers Frank Vogelsang einen Themenschwerpunkt zu Medizin und Technik. Der Themenkreis wird also die nächsten Leitartikel in diesem Jahr verbinden. Ein erster Vorgeschmack war der aktuelle Beitrag "Gott und das Virus". Den offiziellen Auftakt macht Ernst Peter Fischer mit einer ganz kurzen Geschichte der Medizin.

 

 

Bildnachweis

Code Da Vinci Classic Retro Illustration: Adobe Stock #206834948 ©klss777