Bernd-Olaf Küppers, Die Berechenbarkeit der Welt. Grenzfragen der exakten Wissenschaften

Rezension von Dr. Andreas Losch

„Die Berechenbarkeit der Welt“ ist der programmatische Titel dieses naturphilosophischen Werkes, das auf seinem Klappentext den Inhalt im Grunde konzise zusammenfasst.

„Kann die Wissenschaft zum Ursprung aller Dinge vorstoßen und die einzigartigen Phänomene von Leben, Zeit und Geschichte erklären? Gibt es unlösbare Welträtsel? Wie ist das Leben entstanden? Sind Informationen und Sprache Naturphänomene? Kann man die Schönheit der Natur wissenschaftlich begreifen? Was ist Zeit? Lässt sich das Weltgeschehen in Formeln fassen? Auf diese und andere Fragen der exakten Wissenschaft, die für unser Weltverständnis grundlegend sind, versucht das Buch Antworten zu geben.“

Die Antwort des Buches lautet meistens: ja, sie (die Wissenschaft) kann es bzw. wird es bald können: die Welt lässt sich auf ihre Berechenbarkeit hin reduzieren. Es gibt keine unlösbaren Welträtsel.

Trotz dieser reduktionistischen Ausrichtung sind die Ausführungen des Autors hochinteressant. In neun Kapiteln skizziert er seine Vorstellung von der Potenz der Wissenschaft; die Kapitel basieren auf früheren Einzelveröffentlichungen, reihen sich aber sinnvoll aneinander an, so dass ein guter Eindruck von Küppers Ansatz von Naturphilosophie entsteht.

 

Der Siegeszug der exakten Wissenschaft

Im ersten Kapitel, „Ist ein absolutes Weltwissen möglich?“ wird dem metaphysischen Traum vom absoluten Weltwissen eine Absage erteilt. Küppers steht aufgrund ihrer Falsifizierbarkeit ganz auf der Seite der exakten Wissenschaften und grenzt sich übrigens auch stark vom organismischen Denken ab, wie es sich in der romantischen Medizin als eigenständiges Paradigma neben der Schulmedizin etabliert hat. Die Kritik am naturphilosophischen Romantizismus durchzieht auch das zweite Kapitel , „Gibt es unlösbare Welträtsel?“. Der Titel bezieht sich auf Du Bois-Reymonds 1872 aufgestellte „sieben Welträtsel“, die dieser für prinzipiell unlösbar hielt.  Küppers resümiert am Ende des Kapitels, davon seien nur noch zwei übrig geblieben: „das vernünftige Denken und die damit verbundene Sprache und die Frage nach der Willensfreiheit“. In seinem unerschütterlichen Optimismus spricht allerdings nichts gegen die Annahme, „dass auch diese Probleme eines Tages ihren rätselhaften Charakter verlieren werden.“ (S. 55) Etwas fragmentarisch bleibt daher der Hinweis auf Gödel, durch den wir wissen, „dass es in den Wissenschaften durchaus unlösbare Probleme gibt“. (S. 33) Auch der der Quantentheorie innewohnende Indeterminismus wird von Küppers zwar rezipiert, aber auch wenn der diesem Phänomen geschuldete Zufall unberechenbar ist – am Ende scheint „selbst das Unberechenbare wieder berechenbar zu werden“ (S. 39). Hier erscheint Küppers Ansatz zwar als konsistent, aber auch merkwürdig ignorant.

 

Was sind Leben und Information?

In dem dritten Kapitel „Was ist Leben?“ erhält der Leser die Antwort, dass „Leben = Materie + Information“ ist (S. 69). Logisch, dass „bei vollständiger Kenntnis aller relevanten Gesetzmäßigkeiten die Vorgänge der Entstehung des Lebens auch unter Laborbedingungen“ wiederholbar sein müssten (S. 59). Küppers scheint sich der Arbeitshypothese anzuschließen, dass sich alle Lebensvorgänge im Prinzip vollständig auf die Gesetzmäßigkeiten der Physik und Chemie zurückführen lassen müssten, womit der Übergang vom Unbelebten zum Belebten fließend sei (S. 63). Michael Polanyi, dessen Konzept der Randbedingungen Küppers gegen dessen eigene antireduktionistische Intention ausschlachtet, war hier wie zahlreiche andere Forscher natürlich grundsätzlich anderer Meinung, doch diese Eingaben klassifiziert Küppers im Grunde als vitalistische Pseudowissenschaften (S. 79).

Die Frage des vierten Kapitels „Was ist Information“? wird „im Spannungsfeld von Realismus und Konstruktivismus“ diskutiert, weil insbesondere von der konstruktivistischen Wissenschaftsphilosophie Kritik an der Verwendung des Informationsbegriffes in den Naturwissenschaften geübt worden ist. Küppers setzt sich hier mit der Kritik Peter Janichs auseinander und argumentiert, dass man gegen dessen Überzeugung naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht immer auf ein technisches Bewirkungswissen reduzieren kann. Information an sich ist für Küppers auch kein Gegenstand der Natur(wissenschaft), sondern der Strukturwissenschaft, eine Disziplin, der er im abschließenden Kapitel eine leuchtende Zukunft vor Augen malt.

 

Sprache und Schönheit als Naturphänomene

„Ist Sprache ein allgemeines Naturphänomen“? beantwortet Kapitel fünf mit einem eindeutigen Ja. Die Suche nach der Sprache der Natur führt aber zuerst zur Frage nach der Natur der Sprache; Küppers kehrt die strukturalistische Sicht von Sprache um und fasst jedes geordnete Beziehungsgefüge von Strukturelementen als sprachliche Struktur auf. Reduziert man wie Küppers den Begriff der Verständigung naturalistisch auf den bloßen Tatbestand der Übereinkunft, dann kann man auch diesen natürlich auf alle Stufen des Lebendigen anwenden.

Besonders eindrücklich sind Küppers Überlegungen zur Objektivierbarkeit des Naturschönen (Kapitel 6), illustriert durch sehr schön passende Naturbilder. Küppers Arbeitshypothese ist es, dass „unser Sinn für Eleganz, Einfachheit und Harmonie uns zur Wahrnehmung des Gesetzmäßigen im Komplexen und damit zur Reduktion von Komplexität befähigen.“ (S. 166) Der Zusammenhang von goldenem Schnitt und Fibonacci-Folge, wie sie auch in der Natur vorkommen, wird dokumentiert. Letztlich gesteht Küppers dem Schönen in der Wissenschaft eine erkenntnisleitende Funktion zu, es bleibt aber im Auge des Betrachters. „Nur so ist zu erklären, dass Menschen alle möglichen Dinge, vom Gartenzwerg bis Apollon von Belvedere, für schön halten.“ (S. 192)

 

Zeit und Geschichte

Das siebte Kapitel sucht eine Erklärung für das Phänomen der Zeitlichkeit, das nicht nur in der vom zweiten Hauptsatz der Thermodynamik postulierten Entropiezunahme, sondern auch in anderen grundsätzlichen Phänomen wie z.B. der Evolution zum Ausdruck kommt. Im Anschluss an Kant und Picht reflektiert Küppers auch auf die Zeitlichkeit von Erfahrung, nur leider führt er diese antireduktionistischen Überlegungen – „nur den physikalisch objektivierbaren Anteil des Zeitgefüges können wir metrisieren“ (S. 221) – nicht weiter aus. Sie würden wohl auch nicht wirklich ins Konzept passen.

Zwar lässt sich nach Tenor des achten Kapitels das Weltgeschehen nicht „in Formeln fassen“. Doch sollen Eigenart und Struktur – das „Wesen“ – des historischen Geschehens aus der Perspektive der exakten Wissenschaften beleuchtet werden (S. 232). In diesem Blickwinkel stellen die chaotischen Systeme ein interessantes Modell dar, gepaart mit dem Polanyi entrissenen Gedanken der Randbedingungen, der als „ausbaufähig“ und auch auf soziale Systeme anwendbar gesehen wird. Diese Kombination rückt auch einzigartige Phänomene in den Blick der exakten Wissenschaften. Diese Geschichtsauffassung sei keineswegs naturalistisch, sondern vielmehr dem Bereich der „Strukturwissenschaften“ zuzuordnen, deren Vormarsch dann auch das Postulat des Schlusskapitels ist.

 

Wohin führen die Wissenschaften?

Mit der Favorisierung der Strukturwissenschaften als Querschnittswissenschaft und „Fundament von Natur- und Geisteswissenschaften“ gibt sich Küppers spätestens als – vielleicht etwas einseitig orientierter – Schüler von Carl Friedrich von Weizsäckers zu erkennen (S. 272f). Älteste Strukturwissenschaft ist demnach die Mathematik. „Man kann sagen, dass das strukturwissenschaftliche Denken wissenschaftliches Denken schlechthin ist. Wer es beherrscht, hat einen genuinen Zugang zu allen anderen Wissenschaften.“ (S. 287) So erklärt sich das für Küppers höchste Ziel des wissenschaftlichen Forschens und Denkens: die Berechenbarkeit der Welt, der treffende Titel des Buches. Die Theologie und andere traditionell eher praktisch orientierte Disziplinen fallen da wohl raus. Für Transzendenz ist in Küppers naturphilosophischem Ansatz kein Platz.  Dabei sind nicht nur historisch durchaus Verbindungen zwischen Wissenschaft und Glaube denkbar.

 

Der Tenor des Buches ist sicher nicht nachdenklich, regt aber zum Nachdenken an. Gerade aufgrund seiner Einseitigkeit ist es interessant, auch wenn man sich in seiner Betonung der Wissenschaftstheorie mehr zu hören gewünscht hätte als Poppers überkommene Postulate. Die weiteren Gedanken von Polanyi wären in diesen Zusammenhang sicher interessant gewesen, ebenso wie ihre Rezeption durch Thomas Kuhn, oder auch Lakatos‘ weiterführende Ansätze.

Die Sprache ist klar und schnörkellos. Das Buch ist schön ausgestattet, jedes Kapitel beginnt mit einem vollseitigen Farbbild, und es finden sich nur sehr wenige Satzfehler (z.B. „Erkentnis“ im Seitentitel S. 11ff). Man muss Küppers Ansichten sicher nicht alle teilen – er versteht sie selbst als „Experiment mit Ideen“ (S. V) –, aber interessant und gut zu lesen ist das Werk alle mal.

307 Seiten (samt Register), Hirzel Verlag Stuttgart 2012    ISBN 978-3777621517

Dr. Andreas Losch, Duisburg im August 2012