Offene Wirklichkeit. Ansatz eines phänomenologischen Realismus nach Merleau-Ponty von Frank Vogelsang

Rezension von Dr. Andreas Losch

Wie ist die Wirklichkeit zu beschrieben, wenn wir die Bedingungen unserer leiblichen Existenz berücksichtigen? Mit dieser Frage eröffnet Frank Vogelsang seinen philosophischen Gedankengang auf den Spuren Merleau-Pontys. Zum Gespräch zwischen Theologie und Naturwissenschaften gehört ja auch das Nachdenken über die Wirklichkeit der Welt, in der wir leben, Theologie treiben und naturwissenschaftlich forschen. Deswegen ist die Neuerscheinung hier von besonderem Interesse.

Der Schlüssel zu einer neuen, offenen Betrachtung der Wirklichkeit, die Vogelsang anstrebt, liegt für ihn in der Berücksichtigung unserer leiblichen Existenz. Er liegt in der gewiss wahren Tatsache begründet, dass wir keine gewissermaßen „ortlose“ Gottesperspektive auf die Welt einnehmen können, sondern schon immer Teil dieser Welt sind. In unserem Alltag herrscht ein durch Wissenschaft und Technik dominierter Umgang mit der Wirklichkeit vor, die Vogelsang als „Leonardo-Welt“ charakterisiert: „Es gibt die Vorstellung einer geschlossenen Welt von Objekten in einem vorgegebenen raumzeitlichen Zusammenhang und es gibt die Vorstellung des in seinem Körper eingekapselten Menschen.“ (S. 365)

 

Das alternative Schemades Chiasmus

Der Autor will den Naturwissenschaften aber keine gewissermaßen „priesterliche“ Deutungshoheit über diese Wirklichkeit lassen, sondern mit seinen Erörterungen einen Raum eröffnen, auf den auch die Theologie sicherlich angewiesen ist: einen Zwischenraum jenseits der als cartesianisch bezeichneten Spaltung zwischen Subjekt und Objekt. Der Mensch ist demnach kein körperlich eingekapseltes Wesen mit einem separaten Innenleben, sondern in seiner Existenz mit der Welt unlöslich verbunden und verschränkt. Das vom Autor im Anschluss an Merleau-Ponty entwickelte regulative Schema des Chiasmus, der Kreuzung der Wirklichkeit in dem Mittelpunkt von Bewusstsein und Körper, in der dritten Dimension des Leibes, bringt dieses zum Ausdruck – und mit vielen neueren Philosophen auch das Gefühl wieder zur Geltung. Der Leib „zeigt sich“, wie der Verfasser in medialer Verbform diese Mitte von Subjekt und Objekt ausdrücken will. Dessen Einheit ist eine „beständig implizite und nur konfuse.“

Es ist für einen philosophisch ausgerichteten Text sicherlich ungewöhnlich, dass der Autor hier, an der Zentralstelle seines Werkes, auf grafische Darstellungen zurückgreift. Neben den sprachlichen Formulierungen versuchen auch sie, das Gemeinte zu umkreisen, denn die gesuchte Mitte entzieht sich der verobjektivierenden Analyse letztendlich. In wie weit aber solche vereinfachenden Veranschaulichungen eine Klarheit suggerieren, die inhaltlich gar nicht gegeben ist, wäre wohl eigens zu diskutieren.

 

Die Rolle der Wissenschaft

Neben diesem Plädoyer für eine offene, nicht subjektivistische und auch nicht verobjektivierte Wirklichkeit, gesteht der Autor allerdings nun auch dem naturwissenschaftlich-technischen Zugang ein gewisses Recht zu. Er prägt sicherlich die Leonardo-Welt in besonderem Maße, doch hat sein transsubjektiver Ansatz einen eigenen Wert. Das Schema des Chiasmus legt es nahe, dass mit dem wissenschaftlichen Fortschritt in der Tat immer mehr von der Wirklichkeit erfasst werden kann, es zeigt jedoch zugleich auch, dass eine Verabsolutierung wissenschaftlicher Erkenntnis unmöglich ist.

Auch die wissenschaftstheoretische Diskussion hat ja gezeigt, dass wissenschaftliche Beobachtungen theorieabhängig sind, dass also hier – in Vogelsangs Terminologie – mehrere Erscheinungsweisen eine Rolle spielen dürften. Weil aber durch die Irreduzibilität der Erscheinungsweise der Wirklichkeit als Ding die Eigenständigkeit der Empirie bewahrt bleibt, kann Vogelsang seinen phänomenologischen Ansatz auch einen Realismus nennen.

 

Ein "phänomenologischer Realismus"?

Mit gleichem Recht müsste man in Anbetracht von Vogelsangs ausgewogenem Schema jedoch auch von einem Idealismus reden dürfen, so dass der Begriff vielleicht nicht ganz glücklich gewählt oder unzureichend begründet ist.  Es mag die Nähe zu Putnams internem Realismus sein, der die Begriffswahl bedingt hat. Vogelsang findet in dessen Diktum eine gute Wiedergabe seines eigenen Ansatzes:  „Der Geist und die Welt zusammen erschaffen den Geist und die Welt.“ In Vogelsangs Worten heißt dies dann: es sind beide Größen, Bewusstsein und Körper, die zusammen die Erscheinungsweisen des Leibes als Gedanke und Körper generieren. Nur in der Mitte des Chiasmus erfasst eine Erscheinungsweise beide Seiten der Struktur und damit auch beide so unterschiedlichen Verhältnisse wie Bewusstsein und Körper in gleicher Weise.

Den drei Erscheinungsweisen ordnet Vogelsang dann in einem auf den sozialphilosophischen Ansatz George Herbert Meads bezogenen Kapitel schwerpunktmäßig bestimmte Medien zu: dem Geist das Sprechen, dem Körper das Handeln und der unbestimmten Mitte die Wahrnehmung, welche auf diese Weise im Anschluss an Merleau-Ponty einen gewissen Vorzug erhält.

Interessant sind die Konsequenzen für die Wahrheitsfrage, die Vogelsang ausführt. Wenn res cogitans und res extensa nicht mehr getrennt gegenüberzustellen sind, was wird dann aus der alten Definition von Wahrheit als adaequatio rei et intellectus? Vogelsang nennt als Wahrheitskriterien Bewährung, Kohärenz und existentielle Wahrhaftigkeit, die er passend den von ihm postulierten Erscheinungsweisen des Leibes als Ding, Gedanke und Gefühl/Atmosphäre zuordnet.

 

Abschliessende Betrachtung

Vom Aufbau her ist das Werk klar gegliedert. Nach einer als Kontrastfolie dienenden Hinführung in Form einer Abgrenzung von Descartes (Kapitel 2) und Dennett (Kapitel 3) entfaltet der Autor die zentralen Thesen seines phänomenologischen Realismus in den Kapiteln 4-7. Abschließend werden in Form von Vertiefungen Putnams interner Realismus und das Verhältnis von Lebenswelt, Wissenschaft und Kultur diskutiert (Kapitel 8-11). Ein kurzes Plädoyer für eine Kultur der Achtsamkeit und Offenheit, welche die Pluralität der Erscheinungsweisen ernst nimmt, rundet das Werk ab (Kapitel 12).

Ein mutiger Ansatz ist es, den Vogelsang hier wagt, ein Ansatz, der Neuland erschließt. Schade, dass er dabei – vielleicht beeinflusst von dessen negativer Rezeption durch Dennett – die gängige Verzeichnung von Descartes Denken perpetuiert, der in Wahrheit eine substantielle Einheit von Geist und Körper postuliert, von führenden Forschern gerade als „Trialist“ bezeichnet wird und ironischerweise sein letztes Werk den Gefühlen gewidmet hat (Harrison 2009).

Vom Verfasser, in der Theologie promoviert, hätte man sich auch eine Einbeziehung derselben in die philosophischen Erörterungen gewünscht. Vielleicht lässt sich dieses Desiderat ja vom Verfasser in weiteren Arbeiten einlösen, auf die wir gerne und gespannt warten. Vielleicht kommt dann ja auch Descartes zu seinem Recht.

Die Sprache im Buch ist durchweg gut verständlich, und die Abbildungen des Schemas helfen dem intuitiven Verständnis des Geschriebenen noch weiter. Der Preis ist mit 29,00 € für ein philosophisches Werk auch als Paperback sicher angemessen.

440 Seiten, Verlag Karl Alber 2011    ISBN 978-3495-484654 

Dr. Andreas Losch, Duisburg im Mai 2011

Literaturhinweis:
Peter Harrison, "Myth 12. That René Descartes  Originated the Mind-Body Distinction", in: Ronald  L. Numbers (Hg.), Galileo goes to Jail. And Others Myths about Science and Religion, Cambridge/MA 2009