Die neue Debatte um die „grüne Gentechnik“. Ein Beitrag aus Sicht der theologischen Ethik

Leitartikel von Alexander Maßmann

Die „grüne Gentechnik“ macht wieder von sich reden [1]. Im April diesen Jahres hat die Europäische Kommission eine Studie zur „Neuen Gentechnik“ veröffentlicht, die für eine weniger strikte rechtliche Regulierung des Genom-Editing an Pflanzen plädiert. Auch im deutschen Bundestagswahlkampf werden  gentechnisch veränderte Pflanzen (gv-Pflanzen) diskutiert. In ihrem Wahlprogramm bekennen sich etwa Die Grünen nach wie vor zur „Gentechnikfreiheit“, doch es findet sich darin auch ein Satz, mit dem es eine besondere Bewandtnis haben dürfte: „Nicht die Technologie, sondern ihre Chancen, Risiken und Folgen stehen im Zentrum.“

Die erneute Debatte hängt wesentlich mit dem neuen Verfahren des Genom-Editing zusammen. Hier geht es um eine Bio-Technologie namens CRISPR. Das Verfahren wurde 2012 zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben, also nach den älteren, aufwühlenden Auseinandersetzungen um die grüne Gentechnik. Das Genom-Editing erlaubt wesentlich präzisere Modifikationen des Erbgutes als es herkömmliche Methoden der „Gen-Manipulation“ („Genetic Engineering“) seit den 1970-ern ermöglichen; die neue Technologie ist zugleich finanziell deutlich günstiger.

Befürworter schätzen die Technologie besonders angesichts der Herausforderungen, mit denen die Landwirtschaft angesichts von Klimakrise und Bevölkerungswachstum konfrontiert ist – Faktoren, die sich in den letzten Jahren noch zugespitzt haben. Von den möglichen Eingriffen erhofft man sich eine größere Widerstandsfähigkeit der Pflanzen gegenüber klimatischen Faktoren und schädlichen Insekten oder auch höhere Erträge. Es wären zudem Merkmale wie längere Haltbarkeit, ein erhöhter Vitamin-Gehalt oder geschmackliche Veränderungen denkbar.

Auch aus theologischer und kirchlicher Sicht ist das Thema relevant. Fast alle Gliedkirchen der EKD untersagen entweder den Einsatz von gv-Pflanzen (von gentechnisch veränderten Pflanzen) auf kirchlichem Land oder raten zumindest davon ab. Das liegt im Trend: gv-Pflanzen sind in der Bevölkerung unbeliebt; anders als etwa in Spanien werden sie in Deutschland nicht mehr angebaut, zumal eine Maissorte, die mit älteren Methoden genmodifiziert wurde, zwar nicht von der EU, wohl aber von den deutschen Behörden verboten wurde. Freilandversuche zur Erprobung neuer Arten sind hierzulande vollends zum Erliegen gekommen. Grund sind die hohen EU-rechtlichen Anforderungen bei der Entwicklung neuer Pflanzensorten, aber auch illegale Feldzerstörungen, die dadurch ermöglicht wurden, dass Feldversuche mit gv-Pflanzen veröffentlicht werden müssen [2].

Die Auflagen der evangelischen Kirchen entsprechen grob der EKD-Denkschrift „Einverständnis mit der Schöpfung“ [3], die sich vor dreißig Jahren skeptisch gegenüber gentechnologischen Verfahren zeigte – auch wenn sie keine konkreten Empfehlungen machte und eine Polarisierung von bekennerhaftem Ja und kategorischem Nein zur Gentechnik ablehnte. Aus theologischer Sicht ist hier etwa zu diskutieren, wie sich der christliche Glaube an den Schöpfer zum menschlichen Handeln an der Natur verhält.

 

Die Regulierung gentechnisch veränderter Organismen. Worum es in der neueren Debatte geht

Die Präzision des Genom-Editing ermöglicht pflanzliche Produkte, die sich auf bestimmte Weise von Produkten eines etablierten Verfahrens der Pflanzenzüchtung unterscheiden. Bei diesem Vergleich geht es um die sog. Mutagenese, ein drittes Verfahren neben der älteren Gen-Modifikation und dem neuen Genom-Editing. In der Mutagenese werden Pflanzen etwa einer bestimmten Strahlung ausgesetzt, so dass es verstärkt zu genetischen Mutationen kommt. Die pflanzlichen Produkte, die nun neue genetische Merkmale aufweisen, sind bereits regulärer Bestandteil unserer Nahrungskette, etwa mit dem Hartweizen unserer Pasta. Juristisch gelten sie nicht als gentechnisch verändert, seit der Europäische Gerichtshof das Verfahren 2018 von der Gentechnik-Verordnung ausnahm. Da hier die genetische Modifikation nicht gezielt und direkt vorgenommen wird, unterliegen Mutagenese-Produkte keiner Kennzeichnungspflicht. Sie lassen sich in unserer Nahrungskette oft gar nicht mehr identifizieren oder rückverfolgen.[4]

Nun lässt sich aber das neue Genom-Editing so gezielt einsetzen, dass etwa Genom-editierter Mais deutlich weniger von der herkömmlichen, unveränderten Sorte abweicht als Maispflanzen, die der Mutagenese unterzogen wurden. Man kann nicht einmal mehr ermitteln, welche Pflanze welchem Verfahren entstammt. Der Genom-editierte Mais unterliegt den strengen Auflagen für gv-Pflanzen, nicht aber die per Mutagenese veränderte Pflanze. In den maßgeblichen EU-Regularien ist nämlich das Verfahren und nicht das Resultat ausschlaggebend.

Auf diese Sachlage reagiert auch der besagte Satz im Wahlprogramm der Grünen. Juristisch steht die Möglichkeit im Raum, Pflanzen nicht mehr als gentechnisch modifiziert zu betrachten, wenn sie nur geringfügig per Genom-Editing verändert wurden, in einem ähnlichen Umfang wie bei der Mutagenese. Allerdings erlaubt das Genom-Editing auch Modifikationen, die sehr viel weitreichender sind, als es die Mutagenese zulässt, etwa den Einbau artfremder Gene.

Einwände gegen die grüne Gentechnik: die Abwägung von Risiken

Bei einer potentiellen Neuregelung der grünen Gentechnik sind aus ethischer Sicht zahlreiche Faktoren zu bedenken. In der Landwirtschaft verbindet man damit zunächst eine vage Angst vor potentiellen gesundheitlichen Risiken. Obwohl bestimmte gesundheitsschädliche Modifikationen natürlich denkbar wären, lassen sich Befürchtungen, dass gv-Pflanzen prinzipiell und inhärent schädlich seien, nicht wissenschaftlich erhärten, ähnlich wie etwa bei Bedenken gegenüber der Strahlung von Handys.

Gut nachvollziehbar ist die Angst, dass mächtige Großunternehmen kleine Bauern vertraglich zu stark an sich binden; hier fällt das Schlagwort der „Knebelverträge“. Bei Beispielen aus Indien oder den USA handelt es sich aber um ältere Verfahren der Genmodifikation, dessen technische Komplexität hohe Entwicklungskosten bedeutet. Das begünstigt Großunternehmen, die ihre hohen Kosten dann umso resoluter wettzumachen suchen. Das einfachere Genom-Editing würde dagegen auch mittleren Unternehmen die Entwicklung genmodifizierter Pflanzen erlauben. Das verhindert jedoch faktisch die aufwendige europäische Regulierung. Unterdessen können sich hierzulande nur große Unternehmen die Anwendung der Mutagenese leisten. Diese Methode verändert das Genom ja nur indirekt, nicht zielgerichtet, so dass sehr aufwendige Tests und Rückkreuzungen notwendig sind. Die zurecht beklagte Konzentration auf dem Markt modifizierter Pflanzen dürfte sich mit genau definierten Erleichterungen für Genom-editierte Produkte aufweichen lassen, was dann auch Nischen-Produkte für lokal begrenzte ökologische Bedingungen erlauben dürfte. Wenn das Genom-Editing zurückhaltend eingesetzt wird, ist es im Vergleich mit der Mutagenese sogar das konservativere Verfahren, da es bei ihr unweigerlich zu zahlreichen unerforschten Mutationen kommt.

Die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft ist ein weiterer bedeutender Gesichtspunkt. Über geringfügige Veränderungen hinaus gehen Verfahren, die Pflanzen gegenüber schädlichen Insekten resistenter machen; hier lässt sich ein Gen eines Bakteriums in eine Pflanze importieren, das etwa Schäden durch den Maiszünsler deutlich vermindert, und der Einsatz von Insektiziden ließe sich verringern. Auch Unkrautvernichtungsmittel könnten möglicherweise effizienter eingesetzt werden, wenn die Nutzpflanzen selbst gegen diese Mittel resistent gemacht werden. Zu denken gibt, dass beim Anbau von gv-Pflanzen in den USA der Einsatz von Insektiziden zwar gesunken ist, der von Herbiziden aber gestiegen.

Eine unbeabsichtigte Verbreitung von gv-Pflanzen ist ein weiterer bedeutender Einwand. Zweifellos ist die verpflichtende Präventivkontrolle vor der Markteinführung eines neuen Produkts von entscheidender Bedeutung. Je nach Ausgang einer kritischen fachlichen Analyse wäre aber zu erörtern, inwiefern die vorangehenden, hohen Auflagen zur Entwicklung sicherer gv-Pflanzen reduziert werden könnten, zumal die Genmodifikation durch Mutagenese bereits etablierte Praxis ist. Bei solchen Abwägungen wird die Abwendung potentiellen Schadens einen hohen Stellenwert einnehmen (nach dem sog. Vorsorgeprinzip), doch das Interesse an freier Forschung und der Sicherung agrarischer Erträge angesichts neuer Umweltentwicklungen sollte ebenfalls zu Buche schlagen.

Theologische Einwände gegen die grüne Gentechnik

Neben den Einwänden der Risiko-Abwägung werden auch prinzipielle Argumente gegen die grüne Gentechnik vorgetragen, die nicht durch potentielle Vorteile der neuen Produkte aufgewogen würden. Diese Überlegungen lassen sich gut anhand der EKD-Denkschrift „Im Einverständnis mit der Schöpfung“ diskutieren (1991, 2. Auflage 1997).

Die Denkschrift bringt eine bestimmte Art von Schöpfungstheologie ins interdisziplinäre Gespräch ein. Diese Art der Schöpfungstheologie betont stark, dass die Schöpfung dem Geschöpf vorgegeben ist, das sie als Geschenk empfängt. Man findet sich in einer bestimmten Schöpfung immer schon vor; die Lebensaufgabe eines jeden Menschen bestehe dann darin, sich das „Gegebensein seiner selbst und seiner Welt“ gefallen zu lassen, im besten Sinne des Wortes. Als Geschöpf zu leben, bedeute, das So-Sein der Welt zu bejahen, die „elementare, ursprüngliche Zuordnung [anzunehmen], in der sich jeder als schon gegeben vorfindet“, weil sie „von Gott so gewollt ist, einen guten Sinn hat und dem Menschen zugute ist.“ Gott als Schöpfer bestimmt allein, wie die Schöpfung geartet ist; die Rolle des Menschen als Empfänger steht in einem klaren Kontrast dazu.

Das So-Sein der Welt nicht anzunehmen, müsste dagegen den aussichtslosen Versuch bedeuten, sich gegen Gott den Schöpfer aufzulehnen. Die Denkschrift bejaht, dass verantwortliche menschliche Gestaltung einen legitimen, wenn auch begrenzten Spielraum hat. Doch die Betonung auf dem vorgegebenen So-Sein der Schöpfung wäre müßig, wenn nicht zugleich deutlich würde, wo in etwa die Grenzen liegen, die der Mensch nicht überschreiten darf.

Theologien, die Gottes souveräne, exklusive Gestaltung der Schöpfung betonen, betrachten typischerweise die Genmodifikation als gefährliches Terrain. Der schöpfungstheologische Kontrast zwischen Schöpfer und Geschöpf gewinnt dort an ethischer Bedeutung, indem das Genom zur zentralen Steuerungsinstanz des Organismus erklärt wird. Es seien die Gene, durch die der Schöpfer der belebten Welt ihr ihr So-Sein verliehen hat. Indem der Mensch hier ansetzt, könnte er die gute Schöpfung selbstherrlich umformen. In diesem Sinne fragt auch die Denkschrift: „Welcher Mißbrauch [der Technik] ist möglich? Diese Ambivalenz ist zwar ein Kennzeichen des naturwissenschaftlich-technischen Fortschritts überhaupt. Sie spitzt sich im Bereich der Gentechnik aber noch einmal zu. Hier geht es um die Substanz des Lebens selbst.“ [5]

Hier schließen sich die Autor*innen einem klassischen biologischen Erklärungsmuster an, dem Genzentrismus, der den Organismus auf die DNA reduziert. Alle wesentlichen Eigenschaften des Organismus werden demnach eindeutig von den Genen vorgegeben. Doch wenn solch ein einzelner Bestandteil eines komplexen biologischen Systems metaphysisch aufgeladen wird, fallen andere Faktoren nicht mehr besonders ins Gewicht – etwa Licht- und Klimaverhältnisse, Nährstoffversorgung, der Salzgehalt des Bodens, Relationen der Pflanze zu den Pflanzen der Umgebung, Epigenetik oder ähnliches. Diese zahlreichen Faktoren haben ebenfalls einen wesentlichen Einfluss auf die Beschaffenheit des Organismus. Doch der Mensch droht sich aus dieser Perspektive dann am Geheimnis des Lebens selbst zu vergreifen, wenn er an der einen, vermeintlich fundamentalen Stelle eingreift, dem Genom.

In den drei Jahrzehnten seit Erscheinen der Denkschrift hat sich zunehmend gezeigt, dass die Gleichsetzung von Leben und Genen biologisch nicht sachgemäß ist. Bei Pflanzen können etwa Temperaturschwankungen zur Folge haben, dass zwei Samen mit sehr ähnlichem Genom sehr unterschiedliche Merkmale ausbilden [6]. Hier ist es der pflanzliche Organismus als ganzer, der unter Umständen steuern kann, ob er sich mit Hilfe des Genoms eher auf die eine oder andere Weise entwickelt. Das Genom selbst spezifiziert nicht so eindeutig, was für eine Beschaffenheit des Organismus aus dem So-Sein der Gene folgt.

Zwar können bestimmte Eingriffe in das Genom durchaus dramatische Folgen für den Organismus haben. Doch das gilt keineswegs pauschal, sondern ist je für den Einzelfall zu untersuchen. Bei vielen Organismen ist etwa fraglich, ob zahlreiche potentielle genetische Veränderungen überhaupt eine merkliche Veränderung der biologischen Eigenschaften nach sich ziehen. Wenn das Genom nicht mehr prinzipiell als die eine zentrale Steuerungsinstanz des Lebewesens gelten kann, dann kann eine künstliche genetische Modifikation zwar nach wie vor einen markanten Eingriff bedeuten, der ethisch aufmerksam zu diskutieren ist; sie sollte aber nicht pauschal zu einer fundamentalen Neu-Erschaffung des Lebewesens stilisiert werden.

Die Rolle des Geschöpfes in der Schöpfungstheologie

Ein landläufiges Verständnis von Schöpfung mag Schöpfer und Geschöpf klar kontrastieren, doch prominenten Schöpfungstraditionen der Bibel wird diese Ansicht nicht gerecht [7]. Laut dem Schöpfungsbericht Genesis 1 konfrontiert der Schöpfer das Geschöpf nicht einfach mit einer fertigen Schöpfung. Vielmehr beteiligt er die Geschöpfe an seinem schöpferischen Wirken. Die Entstehung von Pflanzen und Landtieren stellen sich die Autoren so vor, dass sie nicht plötzlich aus dem Nichts auftauchen; die Erde selbst bringt sie vielmehr selbsttätig hervor (vgl. auch Psalm 139,15). Gerade dieses Teilnehmen der Geschöpfe am Prozess der Schöpfung kann der Erzähler mit der Erschaffung durch Gott identifizieren:

„Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist auf der Erde. Und es geschah so. … Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so. Und Gott machte die Tiere des Feldes …“ (Gen 1,11.24f.)

Dem entspricht auch, dass der Mensch seit jeher markant in die Natur eingegriffen hat. Unsere heutige Banane ist eine sehr künstliche Frucht; ebenso sind die verschiedenen Weizensorten oder Viehrassen keineswegs einfach natürlich. Die Denkschrift weiß das: „Es gibt keine von der Kultur unberührte Natur, und es gibt keine von der Natur unberührte Kultur.“ Dennoch hält sie an der Vorstellung fest, dass die Schöpfung dem Menschen vorgegeben ist, der sie dankbar empfangen soll. Es sei nach „einer spezifischen Grenzlinie für die Kultivierung der Natur zu fragen. Sie ist dort zu ziehen, wo Natur nicht mehr als das wahrgenommen und geachtet wird, was den Menschen gegeben ist, vielmehr aufgeht in dem, was sie planmäßig in einer technischen Reproduktion hervorbringen.“

Auch den umtriebigsten Gen-Modifizierern bleibt vieles in der Natur unhintergehbar vorgegeben. Um dennoch die Vorstellung eines passiven Empfangens der Schöpfung aufrechtzuerhalten, wird ein Kontrast aufgebaut zu einem Szenario, in dem das menschliche Wirken überhaupt keine Grenzen kennt und die Natur zum „bloßen Objekt“ macht. „Der neuzeitliche technische Umgang mit der Natur kennt allein das ‚Machen‘, das ‚Herstellen‘, das Produzieren“ – und habe in aller Selbstherrlichkeit das dankbare Empfangen verlernt. Es gebe stereotyp „den“ neuzeitlich-technischen Umgang mit der Natur, in dem Menschen „allein“ auf eine bestimmte Weise agieren.

Dieses Kontrastszenario zum dankbaren Empfangen der Schöpfung ist jedoch sehr plakativ. Man kann darin eine Kritik von sehr vielen Arten des menschlichen Handelns sehen ebenso wie von nur sehr wenigen. Schon im Altertum musste man in der Vieh- und Pflanzenzucht sehr „planmäßig“ vorgehen, und heutzutage würde man kaum den Einsatz verschiedenster „technischer“ Geräte auf dem Acker als unmoralisch kritisieren. Auch ist es durchaus plausibel, dass eine Bäuerin und ein Bauer, die Pflanzen mit weitreichenden, artfremden genetischen Modifizierungen anbauen, dem Schöpfer dankbar sind, dass in dieser Welt überhaupt etwas wächst, dass der Boden gut ist, dass Sonne und Regen mehr oder weniger mitgespielt haben – und vielleicht auch für die neuen Eigenschaften des Saatgutes.

Ausblick: die schöpfungstheologische Frage nach dem Lebensförderlichen

Den Gesichtspunkt des passiven Empfangens stark zu betonen, im Kontrast zum aktiven Mitgestalten, ist in dieser praktischen Frage keine hilfreiche Leitlinie. Eine gesellschaftliche Debatte über die Regulierung der grünen Gentechnik sollte besonders von Abwägungen über Nutzen und Risiken getragen sein, die empirisch wohlbegründet sind.

Doch das Teilnehmen des Geschöpfes am schöpferischen Wirken Gottes bedeutet nicht, dass nun plötzlich jegliche Eigenaktivitäten der Geschöpfe theologisch legitimiert würden. Das Kriterium einer legitimen Teilnahme an Gottes schöpferischem Wirken sollte vielmehr in der Frage gesehen werden, ob dieses Wirken lebensfördernde Verhältnisse wahrscheinlich macht. So kommt es in Genesis 1,1–2,4 nicht darauf an, dass die Schöpfung einfach „vorgegeben“ ist, sondern dass sie „gut“ ist und Leben ermöglicht (siehe auch Psalm 104,27–30).

In diesem Sinne ist in dieser Debatte neben den Perspektiven aus Natur- und Rechtswissenschaften auch nach dem spezifischen Beitrag der Ethik zu fragen. Es ist die Hinsicht des Lebensförderlichen, in der die vielfältigen Anliegen und Befürchtungen zu diskutieren sind, die mit der grünen Gentechnologie einhergehen: Ernteausfälle in der Klimakrise; eine potentielle unkontrollierte Verbreitung neuartiger Pflanzen; die Biodiversität; die Freiheit von Forschung und Handel; mögliche Abhängigkeiten von Bäuerinnen und Bauern von Unternehmen und Forschungsverbänden, innerhalb der EU und weltweit. Hier leistet etwa die Denkschrift einen hilfreichen Beitrag, indem sie fragt, inwiefern gentechnische Modifikationen dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit genüge leisten. Auch die Frage der Haftung, wenn sich Hoffnungen auf bestimmte Eigenschaften neuen Saatgutes nicht erfüllen sollten, ist hier zu diskutieren.

Ein argwöhnisches Beharren auf den vermeintlich guten althergebrachten Verhältnissen, in denen man die Ordnung des Schöpfers noch dankbar entgegennahm, ließe sich gegenüber dieser komplexen Sachlage allzu leicht populistisch instrumentalisieren. Das bedeutet aber zugleich, dass Stellungnahmen aus dem Raum der Kirchen – nicht zuletzt auch im ländlichen Raum – auch geeignet sind, gerade solchen Vereinnahmungsversuchen entgegenzuwirken. Kirchliche Stellungnahmen können zu einer Ausrichtung der Debatte am Lebensförderlichen und Gerechten beitragen. Verschiedentlich wird zudem konstatiert, dass Vertreter der Wissenschaften nicht mehr wie vom hohen Ross herab zu besorgten Bürger*innen sprechen. Auch in dieser Hinsicht können sich kirchliche Akteure weiterhin für den partizipativen Charakter der gesellschaftlichen Debatte einsetzen.

Eine weniger strikte Regulierung der grünen Gentechnik oder auch das Beharren auf ihrem gegenwärtigen Stand ist also keine ausgemachte Sache. Doch kann es hier insgesamt auch nicht um ein abstraktes Ja oder Nein gehen, sondern auch um die Frage, von welchen Maßnahmen eine solche Stellungnahme begleitet sein soll. Anliegen sehr verschiedener Natur machen die Diskussion um die grüne Gentechnik zu einem komplexen Thema. Lebensförderliche Gerechtigkeit bedeutet, dass Anliegen wie etwa Ernteausfälle durch die Klimakrise, Biodiversität oder Haftungsfragen in einer größeren politischen Initiative anzugehen sind, ob eine Regulierungsentscheidung nun so oder so ausfällt.

Alexander Maßmann
Publiziert im Juli 2021

Dr. Alexander Maßmann ist Affiliated Lecturer an der theologischen Fakultät der Universität Cambridge. In diesem Jahr ist sein Buch “Modifying our Genes: Theology, Science, and ‘Playing God’” erschienen (mit Keith R. Fox). Neben der Bioethik liegt sein Arbeitsschwerpunkt im Bereich Theologie und Naturwissenschaften sowie in der klassischen Dogmatik.

[1] Christian Grefe, „Der Traum von der perfekten Pflanze“, Die Zeit, 6. Mai 2021, S. 38.

[2] Zu solchen Fragen vgl. die Website Transparenz Gentechnik, https://www.transgen.de/  (Zugriff 30.6.2021).

[3] EKD, Einverständnis mit der Schöpfung: Ein Beitrag zur ethischen Urteilsbildung im Blick auf die Gentechnik und ihre Anwendung bei Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren, Denkschrift 137, 1991, 2. Auflage 1997 https://www.ekd.de/einverstaendnis_1997_vorwort.htm (Zugriff 30.6.2021).

[4] Siehe hier und im weiteren z.B. die Stellungnahme der Leopoldina, der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften und der DFG, “Wege zu einer wissenschaftlich begründeten, differenzierten Regulierung genomeditierter Pflanzen in der EU” (2019), https://www.leopoldina.org/publikationen/detailansicht/publication/wege-zu-einer-wissenschaftlich-begruendeten-differenzierten-regulierung-genomeditierter-pflanzen-in/  (Zugriff 30.6.2021).

[5] Dass diese Argumentationsweise ethisch problematisch ist, wurde wegweisend beschrieben von Ted Peters, Playing God? Genetic Determinism and Human Freedom (2. Aufl., London 2014).

[6] David Dobbs, „Die, Selfish Gene, Die“, Aeon, 3. Dez. 2013, https://aeon.co/essays/the-selfish-gene-is-a-great-meme-too-bad-it-s-so-wrong  (Zugriff 30.6.2021); Kevin Laland et al. „Does evolutionary theory need a rethink?“ Nature 514 (2014), S. 161–64.

[7] Michael Welker, Schöpfung und Wirklichkeit (Neukirchen 1995); William P. Brown, The Seven Pillars of Creation: The Bible, Science, and the Ecology of Wonder (New York 2010).

Bildnachweis

  • Nutrition Genetics and Nutrigenomics science concept of DNA helix made of vegetables refers to genome editing (c) Adobe Stock 286169580, von AYDINOZON

  • Vector illustration of the new science technique CRISPR-Cas (clustered regularly interspaced short palindromic repeats). Visualisation of the mechanism by which genomes can be edited or engineered. (c) Adobe Stock 246709183 von MariLee

  • Teil-Cover EKD-Denkschrift "Einverständnis mit der Schöpfung"

Die neue "grüne" Gentechnik

Sollten wir unsere Haltung zur grünen Gentechnik überdenken?

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