In welche Zukunft führt die Künstliche Intelligenz?

Editorial 2026 von Frank Vogelsang

Diskussionen zur Künstlichen Intelligenz gibt es zurzeit an vielen Orten der Gesellschaft. Das zurecht, denn ohne Zweifel handelt es sich bei den Systemen Künstlicher Intelligenz um eine sehr mächtige und folgenreiche technologische Entwicklung. Aber welche Folgen wird ihre Einführung in die unterschiedlichen Sphären von Gesellschaft und Kultur konkret haben? Wie sind sie einzuschätzen?

Wir wissen es nicht. Wir sind einfach noch zu sehr am Anfang einer Entwicklung, wir sind mitten im Geschehen und haben noch keinen historischen Abstand. Ich halte es für wichtig, sich immer wieder die Rasanz der Entwicklung vor Augen zu führen. Als in den 50er Jahren Visionäre wie John McCarthy am Dartmouth College erste Ideen einer solchen Technologie entwarfen, war sie noch in keiner Weise realisierbar. Das, was wir heute als Künstliche Intelligenz diskutieren beruht zu einem großen Teil auf der Leistungsfähigkeit künstlicher neuronaler Netze. Die lassen sich nur programmieren, wenn eine Unzahl von strukturierten digitalen Daten vorhanden ist. Digitale Daten in so großem Umfang und die Fähigkeit zu ihrer Bearbeitung existieren aber erst seit 30 Jahren. Und doch müssen heute schon die Weichen für die künftige Entwicklung der Künstlichen Intelligenz gestellt werden. Die Fragen sind also wichtig, auch wenn alle Antworten von Unsicherheit geprägt sind.

Wir wollen deshalb uns auch hier, auf diesem Angebot, den grundlegenden Fragen stellen. Nun lässt sich die Entwicklung Künstlicher Intelligenz auf sehr unterschiedlichen Ebenen behandeln. Da ist auf der einen Seite die technische: Hier geht es um die Möglichkeiten maschinellen Programmierens künstlicher neuronaler Netze, um neue Computer- und Chipgenerationen, um viel Mathematik. Diese technische Ebene soll hier jedoch nicht im Fokus stehen. Auch werden mit der KI die ganz großen Fragen diskutiert: Schafft sich der Mensch selbst ab? Wird die Künstliche Intelligenz irgendwann unbeherrschbar sein? Verliert - wie bei Goethes Zauberlehrling - der Mensch irgendwann die Kontrolle über sein Geschöpf? Ist KI gar der „neue Gott“? Diese grundlegenden philosophischen Fragen sollen in den Beiträgen dieses Jahres berücksichtigt werden.

In den Beiträgen geht es aber auch um die dringenden Fragen der weiteren Entwicklung unserer Gesellschaft und Kultur. Wie verändern Systeme Künstlicher Intelligenz unsere Gesellschaft? Wie wird sich Bildung entwickeln, wenn Wissen zu spezifischen Fragen jederzeit auf Knopfdruck zur Verfügung steht? Welchen Wert haben Texte, wenn neue jederzeit ohne Mühe geschaffen werden können? Wer liest sie dann noch? Wird die Gesellschaft abhängig von machtvollen Zentren, die die Bedingungen Künstlicher Intelligenz kontrollieren? Wie kommunizieren wir in Zukunft im digitalen Raum, wenn wir nicht mehr wissen können, ob die Bilder, Nachrichten, Töne, die wir austauschen, echt sind oder gefälscht? Welche Bedeutung haben bestimmte Formen des Arbeitens noch, wenn viele, auch komplexe Prozesse leicht von KI Systemen übernommen werden können?

Wir sind am Anfang einer Entwicklung mit weitreichenden Folgen. Menschliche Gesellschaften und Kulturen müssen sich den Fragen stellen und lernen, die konstruktiven Seiten der Systeme Künstlicher Intelligenz zu nutzen und die destruktiven möglichst weitgehend zu reduzieren. Deshalb sind die Diskussionen um die Künstliche Intelligenz so wichtig.

Frank Vogelsang
Publiziert im Januar 2026

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