Markus Mühling, Einstein und die Religion. Das Wechselverhältnis zwischen religiös-weltanschaulichen Gehalten und naturwissenschaftlicher Theoriebildung Albert Einsteins in seiner Entwicklung

Rezension von Prof. Dr. Dirk Evers

Die groß angelegte Studie des inzwischen in Lüneburg lehrenden systematischen Theologen Markus Mühling ist das Resultat eines von der DFG durch ein Heisenberg-Stipendium geförderten Forschungsprojekts, in dem Mühling die Entwicklung der Einsteinschen Relativitätstheorie bis ca. 1919 hinsichtlich der in ihr wirksam werdenden weltanschaulichen Voraussetzungen und Einflüsse untersucht hat. Dazu hat er nicht nur umfangreiches, geradezu überbordendes Material zusammengetragen, sondern die ganze Untersuchung eingebettet in eine umfassende These des Verhältnisses von, wie er es nennt, religiös-weltanschaulichen Gehalten und naturwissenschaftlicher Theoriebildung. Im Einzelnen untersucht Mühling alle diejenigen Autoren (Philosophen, Mathematiker, Naturwissenschaftler), die Einstein vor 1919 gelesen hat, und fragt nach ihrem Einfluss auf Einsteins Theoriebildung und sein Wissenschafts- und Wirklichkeitsverständnis.

 

Aufbau des Werkes

Der Aufbau des Werkes ist schnell vorgestellt: Mühling beginnt mit einer Vorstellung der Ziele und Thesen sowie der Quellen und Materialien seiner Arbeit. Darauf folgt der umfangreiche darstellende Hauptteil, der nacheinander den Einfluss von Aaron David Bernstein (Verfasser der „Naturwissenschaftlichen Volksbücher“, die Einstein als Jugendlicher las), Ernst Mach, Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Karl Pearson (Verfasser einer Wissenschaftstheorie unter dem Titel „Grammar of Science“), David Hume, John Stuart Mill, Richard Dedekind, Henri Poincaré, [ganz kurz: Avenarius und Clifford,] Pierre Duhem, Baruch Spinoza und Michael Faraday erörtern. Diesen Teil schließt eine Darstellung von Einsteins Verhältnis zur Quantentheorie ab, wie sie vor seinen bekannten Debatten mit Bohr und der Kopenhagener Deutung in Einsteins „ontologischen Voraussetzungen“ (282) vor 1919 grundgelegt waren. Der Schlussteil unter der Überschrift „Wirklichkeitsverständnis und Naturwissenschaft bei Einstein“ fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und stellt noch einmal die, wie der Vf. es ausdrückt, „prinzipielle[.] religiös-weltanschauliche[.] Gebundenheit des Naturwissenschaftsverständnisses Einsteins“ (305) in der von Mühling rekonstruierten Entwicklung dar, um dann abschließend eine allgemeine Typologie des Einflusses weltanschaulicher Voraussetzungen auf naturwissenschaftliche Theoriebildung zu entwickeln.

 

Auswertung der Collected Papers

Mühling macht intensiven Gebrauch von den erst jüngst erschlossenen und immer noch erscheinenden Collected Papers Einsteins, wie er überhaupt eine reiche Auswertung der Quellen präsentiert. Das kann hier nicht im Einzelnen nachgezeichnet werden. Ich beschränke mich deshalb zunächst darauf, einige verstreute Resultate vorzustellen, um dann einige grundsätzliche Anfragen an die Thesen und die Methode des Buches zu formulieren. Mühling konstatiert bei Einstein grundsätzlich ein Bewusstsein der religiös-weltanschaulichen Gebundenheit aller Naturwissenschaft, das er „bereits seit seiner Jugendzeit“ (302) mitbringe und in seiner Lektüre der populärwissenschaftlichen Schriften von Bernstein kennengelernt haben mag. Von Bernstein soll Einstein darüber hinaus übernommen haben: die „seelsorgerlich-lebenspraktische Funktion“ der Naturwissenschaften, den „Hang zu Gedankenexperimenten“, den Gedanken „der ontischen Zeitdefinition durch Uhren“ (42) u.a.m. Ernst Mach wiederum habe Einstein in der Auffassung bestärkt, „eine vorurteilsfreie Naturwissenschaft“ (303) sei unmöglich, auch wenn er sich zunehmend von Machs naturalistischem Wirklichkeitsverständnis entfernt habe. Für Schopenhauer hingegen gilt, dass Einstein wesentliche Elemente seiner Philosophie gerade nicht übernommen habe, aber er könnte Einstein vielleicht in dessen Ablehnung der idealistischen Philosophie beeinflusst haben. Außerdem dürfte „Einsteins Menschenbild deutlich durch Schopenhauer geprägt sein“ (327). Hume beschreibt Mühling als einen der wichtigsten Einflüsse, besonders was das Kausalitätsprinzip und den Begriff des Naturgesetzes angeht. Während Hume ersteres durch Gewohnheit begründet sieht, legt dagegen Einstein „weniger Wert auf den Gewohnheitsbegriff, sondern […] eher auf den Begriff der Intuition“ (308). Dieser bezieht sich bei Einstein allerdings nicht auf das Kausalprinzip als solches, sondern kennzeichnet die kreative Imaginationskraft beim Entwerfen konkreter Naturgesetze. Von Pearson wiederum habe „Einstein die Einsicht in die fundamentale Rolle des Naturgesetzes“ (308) übernommen – eine beschränkt aussagkräftige These in Bezug auf einen theoretischen Physiker. Und so geht es weiter, indem Mühling nacheinander die oben aufgelisteten Autoren abarbeitet und jedes Mal Parallelen, Unterschiede und Modifikationen zwischen ihnen und Einstein herausarbeitet, um dann zu vermuten, was Einstein übernommen habe, worin er bestätigt worden sein mag, gegen was er sich abgegrenzt und was er anders gesehen hat. Das sind immer wieder interessante Beobachtungen, die Ähnlichkeiten und Differenzen zwischen ganz unterschiedlichen Positionen beleuchten, doch man fragt sich, ob all das die genetische These rechtfertigt, Einstein sei in dieser oder jener Hinsicht von den behandelten Autoren direkt oder im Sinne einer negativen Abgrenzung abhängig.

 

Problematik des Buches

In dieser These liegt für den Rezensenten die eigentliche Problematik des Buches. Formal rechtfertigt das Vorliegen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Einstein und den von ihm im Allgemeinen im Rahmen seiner Freizeitlektüre gelesenen Autoren in keiner Weise die Behauptung, Einsteins Auffassungen hätten sich in direkter Abhängigkeit von diesen herausgebildet. Hier werden Überlegungen, wie sie in ideen- und geistesgeschichtlichen Untersuchungen sinnvoll sein können, auf naturwissenschaftliche Forschung übertragen, die einer ganz anderen Eigenlogik folgt. Naturwissenschaftliche Theoriebildung vollzieht sich im Zusammenhang einer scientific community in der Arbeit an zum Teil sehr klar umrissenen Problemstellungen, die sie mit mathematischen Beschreibungen modelliert, die empirisch kontrolliert werden können. Selbst wissenschaftstheoretische Überlegungen, erst recht aber „religiöse-weltanschauliche“ Überzeugungen mögen in einem förderlichen oder hinderlichen Verhältnis zu solcher Theorieentwicklung stehen, an sie „gebunden“ (so der von Mühling vorzüglich gebrauchte Ausdruck) wie an notwendige (und hinreichende?) Voraussetzungen ist diese jedenfalls nicht. Schon rein faktisch gibt es zwar verschiedene physikalische Theorien, die zum Teil auch in Konkurrenz zueinander stehen und die unterschiedliche Voraussetzungen machen, aber eine ‚weltanschaulich gebundene‘ Theorie der Gravitation z.B. (zu der es weltanschaulich anders gebundene Alternativen gäbe?) dürfte ein geisteswissenschaftliches Konstrukt sein. So scheint es mir auch überzogen zu sein, dass Mühling Mach und Einstein die gemeinsame Überzeugung unterstellt, es gäbe keine „vorurteilsfreie Naturwissenschaft“ (303). Es ist gerade das Kennzeichen empirisch kontrollierter Theorien in funktionaler Hinsicht „vorurteilsfrei“ zu sein, wobei diese Vorurteilsfreiheit natürlich nicht mit Voraussetzungslosigkeit verwechselt werden darf.

 

Schwierige Beispiele

Vollends in ihrem Erklärungswert überzogen aber wird diese Argumentationsfigur, wenn nicht nur die Autoren selbst, sondern auch noch deren kontingente biographische Prägung wiederum zu Voraussetzungen der „religiös-weltanschaulichen Voraussetzungen“ Einsteins erklärt werden. Im Falle Faradays, der Anhänger der christlichen Sondergemeinschaft der Sandemanianer war, konstatiert Mühling, „dass es ohne Faradays Sandemanianismus nicht, oder zumindest nicht so schnell, zur Entwicklung der Physik über die Elektrodynamik und SRT [spezielle Relativitätstheorie] bis hin zur ART [allgemeine Relativitätstheorie] hätte kommen können“ (325) – und dass, obwohl Einstein selbst die weltanschaulichen Voraussetzungen Faradays gar nicht kannte. Diese ganze Argumentation ist schon logisch problematisch: selbst wenn aus Faradays Sandemanianismus sein Feldbegriff hervorging und dieser wiederum Voraussetzung für die Relativitätstheorie war, folgt nicht, dass ohne Sandemanianismus oder Feldbegriff die Relativitätstheorie nicht entstanden wäre (formal: aus p → q folgt nicht ¬p → ¬q). Die Thesen Mühlings setzen eine sehr starke inhaltliche Implikation voraus, die geschichtlich kontingente Koinzidenzen zu notwendigen Bedingungen stilisiert und die zu der oben schon angesprochenen Eigenlogik naturwissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung, auch wenn man ihre Voraussetzungshaftigkeit und Abhängigkeit von bestimmten Grundüberzeugungen in großem Umfang zugesteht, in Spannung steht.

Auf zwei Punkte sei noch hingewiesen, mit denen Mühling gängigen Einsteindarstellungen widerspricht. In Bezug auf Spinoza, der oft als wichtiger Einfluss des frühen Einstein gesehen wird (Mühling spricht von einer communis opinio, die vor allen Dingen Max Jammer in seinem Büchlein zu Einstein und die Religion maßgeblich formuliert hat), macht er geltend, dass die Übernahme von Spinozas Gedankengut frühestens ab 1915/17 einsetzt, so dass sich hier kein direkter „Einfluss auf Einsteins wissenschaftliche Theoriebildung“ (223, im Original kursiv) im Zusammenhang der Relativitätstheorie nachweisen lässt. Mühling beruft sich auf einen Brief Einsteins aus dem Jahr 1917 (evtl. 1915), indem dieser so von einer Lektüre von Spinozas Ethik spricht, dass dies wohl die Erstlektüre gewesen sein muss. Damit wäre die bekannte Leseliste von Solovine, die Spinozas Ethik als Lektüre in dem frühen Berner Freundeskreis der Akademie „Olympia“ auflistet, die er aber erst 1956 aus der Erinnerung aufgeschrieben hat, als unzutreffend anzusehen. Mühling zählt Spinoza deshalb nicht zu Einsteins „religiös-weltanschaulichen Voraussetzungen“, sondern wertet ihn als einen späteren, „Einsteins Weltbild stabilisierenden, ontologisch und religiös verfestigenden Einfluss“ (232), der zudem motivierend gewirkt habe.

Eine andere oft geäußerte Überzeugung ist die, dass Einsteins Vorbehalte gegen die Quantentheorie darin begründet seien, dass diese seiner Vorstellung von Kausaldeterminismus widersprach – man denke an das von Einstein oft verwendete Bonmot ‚Der Alte würfelt nicht‘. Stattdessen will Mühling Einsteins Kritik auf die weltanschauliche Voraussetzung seines besonderen von Hume geprägten Verständnisses von Naturgesetzlichkeit zurückführen, das mit einer statistischen Interpretation etwa der Wellenfunktion nicht vereinbar ist und wesentlich mit dem Prinzip der Individuierung durch raumzeitliche Trennung und Lokalisierung zu tun hat. Einen Kausaldeterminismus strenger Art hätte Einstein dagegen aufgrund seiner Zustimmung zu Humes Analyse des Kausalbegriffs nie vertreten. Nun ist richtig, dass Einstein Kausalität nicht als eine empirisch verifizierbare Kategorie angesehen hat. Dennoch spricht er immer wieder vom Prinzip der Kausalität und zum Beispiel davon, dass der „Forscher […] von der Kausalität allen Geschehens durchdrungen“ (A. Einstein, Mein Weltbild, 241991, 18) ist. Ohne das hier weiter begründen zu können, ist es Einsteins tiefe Überzeugung gewesen, dass nicht nur das von Newton erstmals konsequent durchgeführte Kausalgesetz nicht so ohne weiteres preisgegeben werden darf, sondern dass das Prinzip der raumzeitlichen Individuation auch auf das engste mit dem Kausalprinzip zusammenhängt. Mühling macht hier eine Differenz auf, die doch wohl nicht so grundlegend sein dürfte, wie er sie darstellt.

 

Fazit

Mühling schließt mit einer „Typologie von Funktionen weltanschaulicher Voraussetzungen“ (359), wie sie bestimmte Entscheidungen im Rahmen der naturwissenschaftlichen Arbeit „begünstigen oder verursachen“ oder wie sie dazu „helfen“ (ebd.), Theorien voneinander abzugrenzen, miteinander zu verbinden, zu präzisieren, zu verändern etc. Dabei ist auffällig, dass Mühling nur positive Begriffe verwendet. Können weltanschauliche Voraussetzungen naturwissenschaftliche Forschung nicht auch verhindern, unmöglich machen, beeinträchtigen etc.? Dem Rezensenten erscheint es jedenfalls immer noch sinnvoller, naturwissenschaftliche Forschung in ihrer Eigenlogik als primär funktionale Beschreibung zu verstehen, um dann sowohl in ihrer Heuristik als auch in ihrer Darstellung und Interpretation weltanschauliche oder eventuell gar religiöse bzw. pseudo-religiöse Momente zu identifizieren bzw. solche Momente zu ihr in Beziehung zu setzen. Naturwissenschaftliche Forschung aber als Folge oder gar Funktion weltanschaulicher Voraussetzungen zu verstehen, wird der Methodik naturwissenschaftlicher Arbeit schwerlich gerecht. Selbst schlichte Unterscheidungen wie die zwischen Erklären und Verstehen dürften, wenn man sie nicht einfach eins zu eins auf Natur- und Geisteswissenschaften (oder gar Theologie) verteilt, der Sache näher kommen als die These einer weltanschaulich-religiös Gebundenheit allerNaturwissenschaft.

Auf jeden Fall aber ist Mühlings Studie ein materialreiches, anregendes und für die Beschäftigung mit Einstein und seinen weltanschaulich-religiösen Überzeugungen in Zukunft unverzichtbares Werk.

392 Seiten, Vandenhoeck & Ruprecht 2011  (Reihe RThN Bd. 23)  ISBN 978-3525569894

Prof. Dr. Dirk Evers, Halle im November 2012