Und Gott schuf Darwins Welt – Schöpfung, Evolution und der Protest des Kreationismus

Leitartikel von Hansjörg Hemminger

Kreationisten und die Bewegung für ein „intelligentes Design“ sind sich sicher: Die Evolutionstheorie ist falsch oder mindestens unvollständig. Sie meinen, wissenschaftlich beweisen zu können, dass die Schöpfungsgeschichten am Anfang der Bibel wissenschaftlich zutreffen, und dass ein intelligentes Wesen die Welt und die Lebewesen schuf. Sie meinen auch, damit den biblischen Schöpfungsglauben verteidigen zu können.

Charles Darwin begründete mit seinem 1859 erschienenen Hauptwerk „Vom Ursprung der Arten“ nicht nur die heutige Evolutionstheorie, sondern die moderne Biologie insgesamt. Die Mehrheit der Biologen hielt vor diesem historischen Datum an der Konstanz der Arten fest, unter anderem der Systematiker Carl von Linné und der Paläontologe Georges Cuvier. Sie gingen zwar von einer langen Geschichte des Lebens aus, die man aus der Untersuchung der geologischen Schichten erschloss. Sie waren jedoch nur bereit, begrenzte Variationen der Lebewesen innerhalb eines vorgegebenen Artrahmens anzuerkennen. Erst Charles Darwin gelang die schlüssige Zusammenfassung aller Argumente für die Abstammungslehre:[1]

  • die gemeinsame Abstammung aller Lebewesen
  • der Gradualismus (Änderung durch kleinste Schritte)
  • die Artbildung in Populationen, nicht durch individuelle Variationen
  • die natürliche Selektion oder natürliche Zuchtwahl als wichtigster Naturprozess, der Ursache der Evolution ist

Die beschreibende Abstammungslehre, wie sie von den ersten drei Punkten umrissen wird, setzte sich fast allgemein durch. Das galt nicht für den vierten Punkt, die Selektionstheorie. Es dauerte viele Jahrzehnte, bis sie überzeugend begründet war und die Vererbung erworbener Variationen widerlegt werden konnte. Endgültig wurde dies erst hundert Jahre später durch die Entwicklung der modernen Genetik möglich.

Der kreationistische Protest

Die naturwissenschaftlichen Zweifel an Darwins Werk haben sich seither historisch erledigt, nicht aber die religiösen Einwände. Sie lauten, beschränken wir uns auf das Christentum, dass die Evolutionstheorie erstens das christliche Menschenbild zerstöre, indem sie den Menschen zum Naturwesen herabwürdigt, dass sie zweitens die Autorität der Bibel untergraben würde, und dass drittens die „funktionale Komplexität“, also die Zweckmäßigkeit komplizierter Organe und Verhaltensweisen, in der Natur nicht biologisch erklärbar sei, sondern im Gegenteil einen Gottesbeweis darstelle. Ein solcher Gottesbeweis ist das Ziel der Bewegung für ein „intelligentes Design“. Allerdings wäre die Diskussionslage unvollständig beschreiben, wenn man nicht bedenken würde, dass diese Evolutionskritik ihren Gegenpol in einem aggressiven „neuen Atheismus“ hat. Conway Morris, einer der gegenwärtig führenden Evolutionstheoretiker, charakterisiert dessen Haltung als „Ultra-Darwinismus“[2]:

„Trotz des quasi-religiösen Enthusiasmus der Ultra-Darwinisten ist ihr eigenes Verständnis von Theologie eine Kombination von Unwissenheit und Abwertung, hinkt philosophisch, lebt von Clichés, wird aber aus ihrer Sicht glücklicherweise von den Dummheiten der so genannten „scientific creationists“ mit Treibstoff versorgt.“

Die „Dummheiten“, von denen Conway Morris spricht, gehören zur Religionsgeschichte der USA.  Konservative protestantische Kreise reagierten vor dem ersten Weltkrieg auf Fortschrittsglauben und Liberalismus mit einer Gegenbewegung. Ihr Ausdruck wurde die zwischen 1910 und 1915 in 12 Heften erschienene, in Millionenauflage verbreiteten, Schriftenreihe: „The Fundamentals – a Testimony to the  Truth“. Die Artikel, in denen die Evolutionstheorie vorkommt, deckten damals noch ein breites Meinungsspektrum ab. Erst später entwickelte sich daraus eine militante Ablehnung der Evolutionstheorie. Denn anders als in Europa wurde die Idee von der Irrtumslosigkeit der Bibel zu einer politischen Ideologie, mit der konservative Schichten des Bürgertums ihre Wertorientierung zu sichern suchten. Der Bibelfundamentalismus sollte die „Old Time Religion“ begründen, und diese wiederum das Gesellschaftsideal von „God’s Own Country“. Dafür musste die Bibel zur letzten Autorität auch für Moral, Politik und Recht erklärt werden, nicht nur für die Wissenschaft. In der Grundsatzerklärung der größten kreationistischen Organisation in den USA „Answers in Genesis“ heißt es im  Internet (Stand Januar 2009):

„Definitionsgemäß kann kein noch so einleuchtendes, erkanntes oder behauptetes Beweismaterial auf irgendeinem Gebiet, eingeschlossen Geschichte und Chronologie, wahr sein, wenn es im Widerspruch zu den biblischen Berichten steht. Von elementarer Wichtigkeit ist die Tatsache, dass das Beweismaterial immer von fehlbaren Menschen interpretiert wird, die nicht alles Wissen haben.“

Mit anderen Worten: Die Bibel hat unbedingten Vorrang vor Vernunft und Erfahrung in allen Dingen. Die Chicago-Erklärung von 1978 bestätigte diese Sicht. Der Kreationismus beruht auf diesem politisch-ideologischen Bibelverständnis. Seit Jahrzehnten dominiert, ausgehend von  J.C. Whitcomb und H.M.Morris „The Genesis Flood“ (1961), eine einzige Form, der von Conway Morris zitierte „scientific creationism“.  Bis heute ist das Institute for Creation Research (ICR) in Santee bei San Diego mit dem verstorbenen Präsidenten und späteren Alterspräsidenten H.M.Morris das Zentrum des Kreationismus in den USA.

Was heißt „scientific creationism“?

  • Die Erde ist weniger als 10.000 Jahre alt. Sie wurde einschließlich aller Lebewesen und des Menschen in sechs Tagen erschaffen, wie die Bibel es sagt.
  • Die Lebewesen wurden von Gott so geschaffen, wie sie heute sind, oder als Grundtypen, aus denen die heutigen Arten in wenigen tausend Jahren hervorgingen.
  • Die Sintflut fand so statt, wie in der Sintfluterzählung beschrieben. Nach Ansicht vieler (nicht aller) Kreationisten entstanden die geologischen Ablagerungen einschließlich der Fossilien durch die Sintflut oder kurz danach.
  • In der ursprünglichen Schöpfung gab es keine Sünde und keinen Tod. Der Tod kam erst durch den Fall des Menschen in die Welt.

Der Kreationismus ersetzt große Teile der Naturwissenschaft durch alternative Thesen, da er nicht nur die Evolutionstheorie ablehnt, sondern auch die Altersbestimmungen von Geologie und Kosmologie, ihre Theorien über die Entwicklung des Weltalls und der Erde und so fort. Auch unter Muslimen, die sich von der angeblichen Gottlosigkeit des Westens abgrenzen, findet diese Evolutionskritik immer mehr Anklang. Einer der Wortführer des türkischen Kreationismus ist Adnan Oktar (literarisches Pseudonym Harun Yahya). Er macht die Evolutionstheorie und Charles Darwin wie „Answers in Genesis“ für alle Übel der modernen Welt verantwortlich, für Rassismus, Faschismus und sogar für den islamistischen Terror. Seine absurden Ideen werden von der Türkei aus unter Muslimen verbreitet. Diesem Zweck dient vor allem der 800 Seiten starke „Atlas der Schöpfung“, zu dem es heißt:

Die Fossilien offenbaren, dass die Lebensformen der Erde sich niemals auch nur im Geringsten verändert haben... Es gibt keine Evolution… Diese Bücher zerstören die Denkweise, Logik und Ideologie des Systems des Unglaubens in der Weise wie es im Quran erwähnt wird: Wir schleudern die Wahrheit gegen die Lüge, und sie zerschmettert sie (Sure 21:18 – al Anbia)...

Allerdings gesteht der Autor eine Millionen Jahre währende Erdgeschichte zu und ist insoweit ein Langzeit-Kreationist.[3] Das hat er mit den Vertretern eines „intelligenten Designs“ gemeinsam.

Kreationismus light?

1968 entschied das oberste Gericht der USA (Supreme Court), dass der Kreationismus als religiöse Lehre zu betrachten und deshalb in staatlichen Schulen unzulässig sei. 1987 wurde die Entscheidung in einem weiteren Fall (Louisiana) bestätigt. Das war der Ursprung der Bewegung für ein intelligentes Design. An ihrem Anfang stand ein Schulbuch. Der kreationistische Entwurf von „Of Pandas and People“ (erschienen schließlich 1988) wurde geändert; an über hundert Stellen wurden die Worte Schöpfer, Schöpfung, Kreationismus und Schöpfungswissenschaft durch „intelligentes Design“ ersetzt. Damit wollte man das Verbot des obersten Gerichts umgehen. In Dover, Pennsylvania, fand der bisher wichtigste Prozess um das Buch statt. Dort verlangte die Schulleitung von den Lehrkräften der High School, in Klasse 9 ein Papier vorzulesen, in dem es zur Evolution hieß:

„Die Theorie ist keine Tatsache. Es gibt Lücken in ihr, für die es keine Erklärung gibt.“

Dazu wurden sechzig Exemplare von „Of Pandas and People“ angeschafft. Die Lehrer lehnten dies mit Unterstützung vieler Eltern ab. In dem Verfahren wurde das anti-evolutionistische Papier des School Boards von Richter John E. Jones III als unvereinbar mit der Verfassung der Vereinigten Staaten verworfen (Kitzmiller vs Dover 2005). Wie der Rechtsstreit in den USA ausgehen wird, ist offen, einen Überblick findet man im Internet.[4] Er wird auf kreationistischer Seite vor allem vom 1990 gegründete Discovery