Künstliche Intelligenz: der neue Gott?

Interview mit Claudia Paganini

Claudia Paganini ist Philosophin und Theologin. Sie ist Mitglied verschiedener Ethikkommissionen und Gutachterin in Fragen der KI-Ethik. Ihr neues Buch titelt plakativ „Der neue Gott“. Es geht um „künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche“, wie der Untertitel verrät. Wir sind neugierig geworden und danken Frau Paganini dafür, dass sie sich Zeit genommen hat, unsere Fragen zu beantworten. 

Unsere erste Frage ist: Was hat sie inspiriert dieses Buch, zu schreiben?

Paganini: Als Medienethikerin wurde ich in den letzten Jahren immer wieder zum Thema KI interviewt oder zu Vorträgen eingeladen. Dabei ging es um verschiedene ethische Probleme, die durch den Einsatz der neuen Technologien entstehen, also grundsätzlich nicht um religiöse Fragen. Dennoch ist mir aufgefallen, dass bei der Art und Weise, wie viele Menschen über KI sprechen, Erwartungen mitschwingen – und zwar Hoffnungen und Befürchtungen gleichermaßen –, die über das rein Zwischenmenschliche, über die Frage, wie der Mensch Technik einsetzt, hinausgehen. Dieses irgendwie diffuse Mehr oder auch Zuviel an Bedeutung hat für mich, wenn ich die Art und Weise beobachtete, wie sich meine Gesprächspartner auf KI bezogen, immer mehr die Züge des religiös Spirituellen angenommen. Daraus entstand dann die Idee, KI bzw. eigentlich unseren Umgang mit KI als religiöses Phänomen zu betrachten und zu sehen, was sich dann für Schlussfolgerungen ziehen lassen würden.

In dem Buch gehen Sie davon aus, dass die Geschichte des Menschen auch eine Geschichte seiner Spiritualität ist, seiner Sehnsucht nach dem Göttlichen. Daher sagen Sie: neue Herausforderungen haben immer auch neue Götter hervorgebracht. Wie ist das gemeint?

Am Anfang meiner Überlegungen steht eine recht banale Beobachtung, nämlich, dass es in der Menschheitsgeschichte sehr viele Götter gegeben hat. Die meisten haben nur eine bestimmte Zeit lang überlebt und haben ihre Bedeutung irgendwann komplett verloren. Keiner von uns betet heute noch die Götter der alten Ägypter, Römer oder Griechen an. Umgekehrt wissen wir aber, dass in der jeweiligen Zeit die Menschen selbstverständlich felsenfest an ihre Götter geglaubt haben. Keiner hätte sich, wenn sie mir ein etwas saloppes Beispiel erlauben, vorstellen können, dass im Jahr 2026 leicht bekleidete Touristen in den heiligen Hallen eines Zeus Selfies machen, den sakralen Ort in vielerlei Hinsicht entweihen, und nicht sofort ein Blitz vom Himmel fährt und sie tötet. Das bedeutet: Aus der Tatsache, dass es im Lauf der Geschichte viele verschiedene Götter gab, ergibt sich die Frage nach dem Warum. Warum sind die Menschen nicht einfach bei ihren ersten Göttern geblieben oder haben zumindest an einem bestimmten Punkt keine neuen Götter mehr erfunden? Die Antwort, die ich auf diese Frage gebe, scheint mir recht plausibel: Weil sich die Anforderungen, mit denen Menschen in unterschiedlichen Momenten in der Geschichte konfrontiert gesehen haben, eben stark verändert haben und daher die „alten“ Götter regelmäßig keine so gute Antwort auf die jeweils „neuen“ Probleme der Zeit mehr waren.

Sie vertreten also keinen „ontologischen“, sondern „funktionalen“ Zugang zum Gottesbegriff. Können Sie das noch ein wenig erläutern?

Ja, das ist wichtig, weil viele Leute, die das Buch nicht gelesen haben, sondern nur ein Interview hören, meinen Ansatz falsch verstehen. Ich sage nicht, dass KI eine Gottheit ist. Ich sage, dass immer mehr Menschen KI wie eine Gottheit behandeln. Ich treffe auch sonst keine Aussagen auf der ontologischen, also auf der Seins-Ebene. Ich behaupte weder dass irgendein Gott – auch nicht der abrahamitische – existiert oder nicht existiert. Darüber kann man nur Glaubensaussagen machen. Solche „Wahrheiten“ kann ein Mensch glaubend annehmen oder eben nicht. Als Wissenschaftlerin kann ich über eine mögliche Existenz von Göttern keine validen Aussagen treffen, denn das Objekt – also die Götter – entzieht sich meinem epistemischen Zugriff. Meine Aussagen könnten weder verifiziert noch falsifiziert werden. Zum Glück gibt es beim Glauben aber einen zweiten beteiligten Part, nämlich den Menschen. Und über diesen Part kann man wissenschaftlich sehr viel sagen. Die menschlichen Vorstellungen von Göttern lassen sich von einer Religionsphilosophin seriös untersuchen und genau das tue ich. „Funktional“ meint wieder ein bisschen etwas anderes, das beschreibt mehr, wie ich Religion deute, nämlich über die Funktion, die sie für Menschen hat. Das ergibt sich irgendwie aus dem, dass ich keine Seins-Aussagen machen will, ist aber nicht zwingend.

Wieso braucht es denn dann heute einen „neuen“ Gott, wie sie ja titeln?

„Brauchen“ ist an dieser Stelle etwas irreführend. Immer wieder haben Menschen ja auch argumentiert, dass es keine Götter braucht und der Mensch ohne Gottesglauben besser dran wäre. Wenn das so ist, braucht es natürlich keinen neuen Gott, aber eben auch nicht den oder die alten. Meine Beobachtung ist allerdings, dass sich das Religiöse trotz vielerlei Bemühungen nicht „ausrotten“ ließ. Der Mensch scheint irgendwie ein religiöses Wesen zu sein, das bedeutet, eines, das sich nicht mit den harten und meist brutalen Fakten des Lebens abfinden will, sondern sinnstiftende Erzählungen findet, sich auf etwas Transzendentes hin ausrichtet, das ihm Hoffnung und Halt inmitten aller Unsicherheiten und Bedrohung schafft. Diese Funktionen haben die alten Götter gut erfüllt. Neben den hier beschriebenen gleich bleibenden Bedürfnissen des Menschen, die sich quer durch die Religionsgeschichte zeigen, kann man aber auch Bedürfnisse beobachten, die sich verändern. Und wenn solche Veränderungen massiv auftreten, kann es tatsächlich sein, dass neue Götter „gebraucht“ werden. Im Buch zeige ich beispielsweise auf, wie wichtig für den modernen Menschen sofortige Bedürfnisbefriedigung und Machbarkeit sind, sprich: Warten, bis sich mir der letztlich unverfügbare unendlich weit entfernte Gott in seiner Freiheit einmal offenbaren mag, oder auch Demut, sind nicht mehr „in“, Werte wandeln sich gemeinsam mit den Bedürfnissen. Da passt eine Gottheit, die jederzeit auf Knopfdruck verfügbar ist, deutlich besser.

Sie entfalten die Eigenschaften des (neuen) Gottes wie z.B. Allgegenwart oder Allwissenheit dann in neun Kapiteln. In den einzelnen Darstellungen gehen Sie immer erst von der Religionswissenschaft und -Geschichte aus, bevor sie die Parallele zum heutigen Umgang mit Künstlicher Intelligenz ziehen. Welch göttlichen Eigenschaften haben Sie für den Vergleich ausgewählt, welche nicht, und warum?

Mein erklärtes Anliegen war es, gerade nichts wegzulassen, also auch nicht auszuwählen. Ich habe vielmehr versucht, alle wirklich wichtigen göttlichen Eigenschaften, die sich im Lauf der Religionsgeschichte beobachten lassen, zu behandeln. Natürlich musste ich in einem zweiten Schritt versuchen, die Anzahl der Eigenschaften etwas zu reduzieren, damit das Buch einem nicht wissenschaftlichen Publikum noch zumutbar ist. Dabei habe ich ähnliche Eigenschaften unter einem Oberbegriff zusammengefasst und die kleinen Unterschiede dann im Text herausgearbeitet. Somit bin ich auf die folgenden Eigenschaften gekommen: Gott ist einzig (zumindest im Kontext des Monotheismus), allgegenwärtig, allwissend, allmächtig, transzendent, nahbar, gerecht, sinnstiftend und fürsorglich.

Können Sie uns ein Beispiel für eine solche Gegenüberstellung (von göttlicher Eigenschaft und Rolle der Künstlichen Intelligenz) geben?

Ehrlich gesagt, tue ich das nur ungern. Denn ich habe ja nicht zufällig jeder Eigenschaft ein ganzes Kapitel gewidmet, sondern weil es eben genau hinzusehen und verschiedene Aspekte zu beachten gilt, damit die Argumentation nicht – durch Vereinfachung – flach oder gar naiv wirkt. Ich versuche es dennoch mit einem kleinen Beispiel, das aber nicht eine ganze göttliche Eigenschaft erschöpfend darstellt, sondern nur eine Facette herausgreift. In einem monotheistischen Verständnis beispielsweise bedeutet die Allgegenwart Gottes nicht nur, dass ich ständig von einer irgendwie göttlichen, jedoch diffusen, alles durchdringenden Macht oder Energie umgeben werde, sondern dass es ein konkretes göttliches Du gibt, das immer für mich da ist, mich beobachtet, mir beisteht, dem ich aber auch Rechenschaft schulde, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Dem entspricht in etwa der empirische Befund, dass immer mehr Menschen in Umfragen angeben, ChatGPT sei für sie wichtiger als der beste Freund, die Partnerin, Eltern. Sie begründen das damit, dass das KI-Tool immer für sie da ist, ihnen immer zuhört, immer hilfreiche Antworten parat hat, sich nie selbst in den Vordergrund rückt. Zugleich haben viele Menschen eine angstvolle Erwartung, dass KI sie auch kontrollieren würde, sie irgendwie beobachtet, sich merkt, was man getan hat, und dass man deshalb vorsichtig sein sollte, wie man sich der KI gegenüber verhält. Die Parallelen scheinen mir auch bei einem ganz oberflächlichen Blick recht deutlich. Es geht mir nicht darum, ob die KI – oder ein anderer Gott – wirklich allgegenwärtig ist, sondern ob der Mensch ihr diese göttliche Eigenschaft zuspricht.

Ihre Parallelen sind sehr interessant, aber auch in gewisser Weise sehr gewagt. Sind Ihnen an ihrer eigenen These auch manchmal Zweifel gekommen?

Ich finde meine „Thesen“ eigentlich nicht besonders gewagt. Wie gesagt, ich deute nur, was sich beobachten lässt. Wenn ich schreibe, dass Menschen offensichtlich davon überzeugt sind, sie müssten der KI nur den richtigen Prompt geben, um auf diese Weise an das vermeintlich vollkommene Wissen der KI heranzukommen, und dass sie bereit sind, viel Geld für Prompting-Kurse zu bezahlen, dann ist das zunächst einmal bloß eine Beobachtung und keine These. In weiterer Folge sage ich, das erinnert an das historische Orakelwesen, wo man auch Priester bezahlt oder beauftragt hat – das wären heute die Prompting-Profis –, dass sie mit einem geeigneten Orakel das Wissen der Gottheit offenlegen. Mir scheinen solche Überlegungen nicht sehr gewagt, sondern einfach ungewöhnlich. Ich würde sagen, ich lenke den Blick auf Phänomene, die bisher kaum beachtet wurden, und biete ungewöhnliche Deutungen an, für die es aber gute Gründe gibt.

Was Sie als „gewagt“ bezeichnen, kommt vielleicht eher von der Angst, die mein nüchterner Umgang mit dem Religiösen bei vielen Menschen auslöst. Religiöse Gefühle sind sehr privat und irgendwie auch ständig bedroht. Menschen leben in der Angst, dass ihr Glaube sich als falsch herausstellen könnte und daher wird ein lockerer irgendwie philosophisch verspielter Umgang mit diesen Themen als gewagt oder auch als Provokation wahrgenommen. Und nein, an dem, was ich schreibe, sind mir keine Zweifel gekommen, da ich auch nichts behaupte oder jemanden belehren will. Ich sage nur: Schaut genau hin und überlegt euch, ob meine Deutung vielleicht nicht ganz abwegig ist.

In der Diskussion um Künstliche Intelligenz spielt die Idee des prognostizierten Auftretens einer „Singularität“ ein große Rolle, eines Momentes, in dem die KI quasi gottgleich die Herrschaft übernimmt. Sie beziehen sich darauf in mehreren Kapiteln. Inwiefern hat diese Vorstellung die Entstehung des Buches beeinflusst?

Eigentlich nicht besonders. Für mich war und ist viel spannender, was man jetzt schon beobachten kann, also wie KI bereits zu einem Zeitpunkt t1 ohne Singularität vergöttlicht wird, und nicht so sehr, was vielleicht einmal zu einem Zeitpunkt t2 oder tn der Fall sein wird. Als Philosophin beschäftige ich mich nicht so gerne mit Zukunftsmusik, sondern lieber mit dem, was sich im Hier und Jetzt zeigt. Natürlich habe ich die Singularität behandeln müssen, weil sie in der KI-Debatte eine wichtige Rolle einnimmt, aber inspiriert hat mich diese Frage nicht. Das, was schon da ist, wie Menschen gerade jetzt mit der (noch) nicht singulären KI umgehen, gibt so viel Material für Beobachtungen und Deutungen, dass man ein ganzes Buch dazu schreiben kann (lacht.)

Am Ende des Buches stellen Sie die Frage, wem der neue Gott nützt. Wie sind Sie auf diese Frage gekommen?

Mir scheint das eine sehr naheliegende und wichtige Frage zu sein und ich hätte ihr im Buch gerne mehr Raum gegeben, wenn das nicht den Umfang gesprengt hätte. Denn Religionen haben immer jemandem genützt und zwar den jeweiligen religiösen Eliten. Die einfachen Gläubigen wenden sich in ihrer spirituellen Hoffnung und mit ihren religiösen Bedürfnissen – bzw. manchmal auch Nöten – der jeweils anerkannten Gottheit zu und finden im besten Fall eine Art Erleichterung und innere Ruhe. Diejenigen, die wirklich davon profitieren, sind aber die Eliten, die durch den Glauben der einfachen Leute ihre Macht erhalten oder bewahren sowie wirtschaftliche Vorteile daraus ziehen. Daher ist auch zu erwarten, dass eine neue Gottheit neue religiöse Eliten hervorbringen wird und diese die eigentlichen Nutznießer einer neuen Religiosität sein werden. Die Frage wird dann sein, ob wir diesen Leuten so viel Macht über uns geben wollen. Denn in Sachen Glauben und Spiritualität sind Menschen besonders vulnerabel, daher auch leicht lenkbar und es besteht insofern eine große Bandbreite an Möglichkeiten für Missbrauch und Manipulation. Das ist aber kein neues Phänomen. Um zu verstehen, wie erbarmungslos diese spirituelle Vulnerabilität ausgenutzt werden kann, muss man nur die Geschichte des Christentums in den Blick nehmen, beispielsweise den Ablasshandel oder die Hexenverfolgung, wo viele Gläubige dachten, sie tun der Nachbarin etwas Gutes, wenn sie sie als Hexe denunzieren und dadurch Folter und Tod ausliefern, aber zumindest ihre Seele vor der Macht des Teufels bewahren.

Sie sind auch christliche Theologin. Was sagt die Theologin Claudia Paganini zu dem gewählten religionswissenschaftlichen Ansatz?

Die Situation stellt sich für mich nicht so da, als schlügen zwei Herzen in meiner Brust. Wissenschaftlich redlich ist für mich als Philosophin wie als Theologin über Objekte nachzudenken und zu sprechen, über die man sinnvoll nachdenken und sprechen kann, ohne dafür eine Glaubensentscheidung getroffen haben zu müssen. Das bedeutet, dass sogenanntes Offenbarungswissen, also Wissen das exklusiv den Gläubigen einer Religion zur Verfügung steht, außerhalb dieser gläubigen Realität aber weder verifiziert noch falsifiziert werden kann, zunächst ausgeklammert werden muss. In der Philosophie bleibt es dann auch außen vor. In der Theologie kann ich es zu einem späteren Zeitpunkt wieder einbeziehen, indem ich sage: „Aus einer jüdischen, christlichen oder muslimischen Perspektive würde das bedeuten“ oder „gilt zu beachten“. Ich sehe meinen Ansatz also als recht unspektakulär und insofern auch als unproblematisch an. Ich denke, er ist in erster Linie methodisch sauber, aber das lässt ihn aus einer gläubigen Perspektive vielleicht als scharf, unangemessen oder gar skandalös erscheinen.

Werte Frau Paganini, wir danken für das eindrückliche Gespräch.

Publiziert im Januar 2026
Das Interview führte Andreas Losch

Das Buch „Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche“ ist erhältlich bei Herder (Freiburg 2025).

Bildnachweis

  • Blockchain Network, Data Stream von Julian (c) Adobe Stocks #171236551
  • Colorful sunset in the sky, clouds and sun rays von tortoon (c) Adobe Stocks #360900878
  • Smooth abstract lines with binary numbers 0 and 1 on blue gradient background. Digital data visualization inspired by AI and neural networks von LariBat (c) Adobe Stocks #1836204448

Künstliche Intelligenz als neuer Gott?

Behandeln wir künstliche Intelligenz wie einen neuen Gott? Was sind Ihre Beobachtungen?

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben