Presseschau

Die Gesamtansicht

Die Presseschau bietet kurze aktuelle Lesehinweise , zusammengestellt und kommentiert von Silke Hartmann (sh),  Petra Kühn (pk), Heinz-Hermann Peitz (hhp) und Hildegard Peters (pts) von unserem Kooperationspartner Forum Grenzfragen, und von unseren Redakteuren Andreas Losch (al) und Frank Vogelsang (fv).

Erstellt von hhp | | Deutsch | Hirnforschung | Komplexität | Psychologie | Wissenschaftstheorie

Simulation eines Gehirns - Viel Geld für wenig Erkenntnis - faz online

Mit einer Milliarde Euro von der EU soll das Human Brain Project (HBP) ein komplettes menschliches Gehirn simulieren. Falls dies gelänge, könnten Theorien über die Funktionsweise des Gehirns getestet und bspw. medizinische Experimente durchgeführt wären, die am lebenden Menschen nicht durchführbar sind. Es verwundert kaum, dass derart optimistische Versprechungen zu einem offenen Brief an die EU-Kommission führten, den 600 renommierte Kritiker unterzeichnet haben. Ein Erfolg sei genauso wenig wie beim Vorläuferprojekt zu erwarten, wichtige Teilprojekte seien gestrichen worden und das derzeitige Wissen reiche für ein derart ambitioniertes Projekt nicht aus. Auch Methodenkritik wurde laut: Nicht der Bottom-up-Ansatz, der von der Zellebene aus das Ganze verstehen wolle, sei zielführend, sondern ein (psychologischer) Top-down-Ansatz, der das Gehirn vom Verhalten her zu verstehen suche. So hält ein Kritiker das HBP für ein "milliardenschweres Glücksspiel auf Basis falscher Annahmen". - hhp

Erstellt von hhp | | Wissenschaftstheorie | Wissenschaftsgeschichte | Psychologie | Interdisziplinarität | Hirnforschung | Deutsch

Memorandum „Reflexive Neurowissenschaft“

Unter der Federführung von Felix Tretter und Boris Kotchoubey bilanziert ein 15-köpfiges Team von Neurowissenschaftlern in einem ausführlichen Artikel die Voraussagen und Ansprüche des vor 10 Jahren herausgegebenen "Manifest der Hirnforscher". Da eine Annäherung an die gesetzten Ziele nicht einmal in Sicht sei, fällt die Bilanz der Wissenschaftler eher ernüchternd aus. Die Revolution des Menschenbildes sei ausgeblieben, da die Reduktion des Geistigen, Psychischen, ja des Menschen insgesamt auf das Gehirn von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Den Grund für das Zurückbleiben hinter den Erwartungen sehen die Autoren in Unzulänglichkeiten im Bereich der Theorie und Methodologie der Neurowissenschaften, in ihrem überschätzten Erklärungspotenzial und in den unterstellten wissenschaftstheoretischen und naturalistischen Vorannahmen. So bedeute empirischer Datenzuwachs noch lange kein besseres Verständnis, und die zirkulären Kausalitäten des Gehirn, erst recht aber das Gehirn-Psyche-Geist Problem werde unterkomplex angegangen. Lösung könne hier künftig nur eine systemische und interdisziplinäre Methodologie, die vor allem die Philosophie einzubeziehen und zu einer nichtreduktiven, nachdenklichen (reflexiven) Neurowissenschaft zu führen habe. - hhp

Erstellt von pts | | Hirnforschung | Anthropologie | Psychologie | Deutsch

Bewusstsein: Du siehst mich, deshalb will ich - SüddeutscheZeitung

Subjektivität, also die Fähigkeit des Menschen, sich seiner Selbst als Denkender, Handelnder und Fühlender bewusst zu werden, beruht nicht allein auf den biologischen Gegebenheiten des Gehirns, sondern ist das Ergebnis sozialer Interaktion. Das, so die Autorin des Artikels, sei (knapp zusammengefasst) das Ergebnis zwanzigjähriger Forschung des Kognitionswissenschaftlers und Psychologen Wolfgang Prinz, das dieser in seinem neuen Buch „Selbst im Spiegel: Die soziale Konstruktion von Subjektivität“ darlegt. Um Handlungen anderer Menschen antizipieren zu können, würden Menschen sich gegenseitig Bewusstsein (Gedanken/Absichten) unterstellen. Diese Fremdzuschreibung werde dann (bereits in den ersten Lebensmonaten und –jahren) als Selbstzuschreibung übernommen. Prinz greife hiermit eine aus Kulturpsychologie und Sozialphilosophie bekannte Idee auf, setze sich damit aber vom kognitionswissenschaftlichen Mainstream und dessen Paradigma des Naturalismus und des Individualismus ab - pts