Presseschau

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Die Presseschau bietet kurze aktuelle Lesehinweise , zusammengestellt und kommentiert von Silke Hartmann (sh),  Petra Kühn (pk), Heinz-Hermann Peitz (hhp) und Hildegard Peters (pts) von unserem Kooperationspartner Forum Grenzfragen, und von unseren Redakteuren Andreas Losch (al) und Frank Vogelsang (fv).

Erstellt von hhp | | Anthropologie | Evolution | Soziobiologie | Deutsch

Die Folgen der digitalen Transparenz - Spektrum der Wissenschaft

Der Philosoph und Kognitionswissenschaftler Daniel C. Dennet und der Medienwissenschaftler Deb Roy wagen einen interessanten Vergleich. Wie im Kambrium die zunehmende Transparenz der Meere zu einer Explosion der Arten und neuer Verhaltensstrategien führte, so wird die heute zunehmende Datentransparenz ebenfalls zu einer Explosion neuer Organisationen und neuer Verhaltensstrategien führen. Damals wie heute sind neue Flexibilitäts- und Schutzmechanismen gegen die drohende Transparenz überlebenswichtig. Die Autoren betonen dabei weniger die Privatsphäre der Individuen, vielmehr liegt ihnen an der Abschottung der Institutionen: "Trotz aller politischen Phrasen über die segensreichen Vorzüge der Transparenz herrscht in den Zentren der Macht weiterhin Geheimhaltung - und das aus gutem Grund". Und den guten Grund liefern natürlich die Naturwissenschaften: "Eine biologische Betrachtung macht deutlich, dass Transparenz nicht nur Vorteile hat". So können wir bei einer transparenten NSA o. ä. "nicht ausschließen, dass unsere Nachrichtendienste dauerhaft geschwächt werden und künftige Gefahren schlechter erkennen". Der letzte Satz beeilt sich dann aber doch mit der Forderung, dass man alles "dem Wohl des Individuums unterwirft", wobei dies nicht aus dem Kambrium abgeleitet zu sein scheint. Insgesamt fragt man sich, ob die Autoren den kambrischen Vergleich als amüsante Analogie, ob sie ihn deskriptiv oder gar normativ verstehen. Letzteres scheint sich als naturalistischer Fehlschluss an manchen Stellen Bahn zu brechen. - hhp

Erstellt von hhp | | Anthropologie | Evolution | Wissenschaftsgeschichte | Deutsch

Unsere Evolution geht weiter - Spektrum der Wissenschaft (Printausgabe)

Der Anthropologe John Hawks argumentiert gegen den Anschein, der Mensch habe sich durch Medizin und Technik dem Zugriff der natürlichen Selektion entzogen. Die menschliche Evolution führt ihre Arbeit fort, wie sie auch in der jüngsten Vergangenheit (Evolutionsbiologen meinen damit die letzten 30.000 Jahre) nicht untätig war. Seit der Mensch Nahrung kochte, wurden Zähne und Kiefer kleiner; wo Getreide angebaut wurde, enthielt der Speichel zunehmen Amylase zum Stärkeabbau, und bekannt ist die Entwicklung der Laktosetoleranz. Dabei lässt sich beobachten, dass die populäre Meinung, das bessere Gen setze sich letztendlich durch, nicht notwendig zutrifft. So konnte sich eine in Asien verbreitete Hämoglobinvariante in Afrika nicht durchsetzen, obwohl dies einen hohen Malariaschutz garantiert hätte. Dort hatte schon eine Variante mit geringerem Schutzniveau die Sterberate verringert und damit das Rennen entschieden, bevor Konkurrenten angetreten waren. Auch heute - so Hawks - geht die Evolution weiter. Genetische Großprojekte sollen dabei tiefere Einsichten in die aktuellen Evolutionsprozesse vermitteln. Trotz nie dagewesener globaler Mobilität und genetischer Vermischung prognostiziert Hawks jedoch keine zunehmende Homogenisierung, sondern Vielfalt: "Jeder zukünftige Mensch wird ein individuelles Mosaik aus unserer Evolutionsgeschichte sein". - hhp

Erstellt von hhp | | Anthropologie | Aufklärung | Deutsch | Gottesbild | Philosophie | Religionspsychologie | Theologie

Das ganz große Ganze - Zeit online

Der systematische Theologe F. W. Graf stellt die Religionstheorie des Philosophen Volker Gerhardts als Fortschreibung "rationaler Theologie" vor. Nach Gerhardts widersprechen sich Vernunft und Glaube keineswegs, vielmehr sei der Glaube sinnvoll und für das Humanum notwendig. Im Zentrum steht dabei das Festhalten am "Sinn über das Gegebene hinaus", ein Sinnganzes, das jedes ernsthafte Denken und Handeln voraussetzen müsse, und für den "Zusammenhang zwischen Wissen und der autonomen Lebensführung" stehe. Nicht weniger umstritten dürfte Gerhardts Verteidigung der Persönlichkeit Gottes sein, auch wenn klar sei, dass Gott nicht in der Art "irgendeines objektivierbaren Gegenstandes" gedacht werden könne. Ein solches Gegenüber diene auch "humaner Selbstbegrenzung" gerade in einer Zeit "religiös codierte[r] Selbstentgrenzungsfantasien". - hhp